Krause-Burger-Kolumne Politik als Spaß und Spiel

Von Sibylle Krause-Burger 

Kevin Kühnert, der Juso-Chef, spielt Hasard. Aber vier Monate nach der Bundestagswahl ist endlich Ernst gefragt – meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert will keine Neuauflage der großen Koalition. Foto: dpa
Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert will keine Neuauflage der großen Koalition. Foto: dpa

Stuttgart - Der Babyspeck ist nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen. Man sieht ihm den kleinen Jungen noch an, obwohl er schon 28 Jahre alt ist. Manche Männer haben in diesem Alter schon drei Kinder in die Welt gesetzt. Aber Kevin Kühnert, der Pausbäckige, spielt gern: nicht mit der elektrischen Eisenbahn, nicht mit Pappflugzeugen, sondern mit der Politik.

Er probiert eben mal aus, wie weit er gehen kann mit seiner Kampagne, die Mitglieder der SPD für ihre Abstimmung über den Koalitionsvertrag gegen eine weitere große Koalition aufzuhetzen. So kommt er in den Medien groß raus. Der kleine Mann darf in der Öffentlichkeit wachsen. Man sieht förmlich, wie er sich aufbläst, er, Kevin, bisher quasi allein zu Haus, kaum ein Mensch kannte ihn. Nun ist er in allem mittendrin – als Bedrohung für die Kanzlerin, für den eigenen Parteichef, für die ganze Berliner Führungsequipe, vielleicht sogar für Europa. Das ist ihm schnuppe, er setzt auf Risiko. Er ist ein Hasardeur.

Politik als Spiel? Wo doch unser aller Zusammenleben und Wohlergehen davon abhängt? Wie kommt so viel Verantwortungslosigkeit in die Welt, oder besser: in die Reihen einer verdienstvollen Volkspartei?

Sigmar Gabriel stand am Anfang der Misere

Am Anfang dieser Misere steht Sigmar Gabriels, des damaligen SPD-Vorsitzenden, Kateridee, das Instrument der Mitgliederbefragung zur Unterstützung seiner Politik einzusetzen. Das war 2013, als es ebenfalls um die Absicherung einer großen Koalition ging. Nun ist dieses Mittel in der Welt, wird als demokratische Errungenschaft herumgereicht – auch von den Grünen –, obwohl das genaue Gegenteil richtig ist. Wenn jetzt ein paar Hunderttausend Mitglieder der SPD entscheiden, ob in Berlin eine Regierung zustande kommt, dann hätten Millionen deutsche Wähler am 24. September 2017 gleich daheim bleiben können. Nicht irgendwelche Parteimitglieder, sondern die über die Vorauswahl der Parteien in den Bundestag entsandten Abgeordneten bestimmen, wer regiert. Sie wählen den Kanzler oder die Kanzlerin. Noch weniger demokratisch, ja geradezu politisch unmoralisch ist die Kampagne des Spielers Kühnert, der ganz allgemein die Gegner einer neuerlichen Zusammenarbeit von Unionsparteien und SPD auffordert, kurz für zehn Euro in die SPD einzutreten – und vielleicht danach wieder Adieu zu sagen –, nur um mit Nein zu stimmen.

Das heißt: Er degradiert die gute alte Tante SPD zum Einsatz seines Spiels, er entwürdigt seine Partei, und er entwürdigt den Berliner Betrieb, ja die Politik überhaupt. Mehr Verantwortungslosigkeit ist in einem demokratischen Land kaum denkbar!

Kaum zu begreifende Leichtfertigkeit

Entlarvend ist nicht nur das Motto seiner Kampagne – „Tritt ein, sag nein!“ – , entlarvend ist auch, was er dem hinzufügt: Im Falle einer Zustimmung würden die – er meint die Großkoalitionäre – dann bloß weiterwursteln. Aber was, außer einem Weiter-so, hat er denn anzubieten?

Natürlich nichts, außer seiner Großsprecherei, dazu das absehbar zum Scheitern verurteilte, Chaos produzierende Wagnis einer Minderheitsregierung, und am wahrscheinlichsten: Neuwahlen, die der AfD zusätzliche Anhänger bescheren würden. Kevin Kühnert führt uns eine gar nicht zu fassende Leichtfertigkeit vor.

Dass ihm vor allem jüngere Menschen zujubeln, hat weniger mit der Neigung zu Jugendsünden zu tun, als mit ihrem bisher vergleichsweise schönen Leben. In Deutschland waren es Jahrzehnte des Friedens, des stetig wachsenden Wohlstandes, einer neuen Weltgeltung, der Möglichkeit, überall hinzureisen. Diese beruhigenden Erfahrungen von mittlerweile zwei, wenn nicht gar drei Generationen, haben ein paar Leute leichtsinnig gemacht. Die Freiheit und die demokratischen Institutionen sind ihnen so selbstverständlich, dass sie sich gar nicht vorstellen können, sie seien in Gefahr.

Die Ernsthaften in der SPD müssen höllisch aufpassen

Das betrifft offenkundig auch Heiko Maas. Ich wundere mich, dass er – wie am vergangenen Sonntag bei Anne Will vorgeführt – nicht vehement gegen den Mitgliederwahn in seiner Partei auftritt und dem kleinen Gernegroß von den Jusos eine Lektion erteilt. Als Bundesjustizminister, immerhin, müsste er doch das eine oder andere Mal im Grundgesetz geblättert haben.

Aber jetzt hat das Spiel schon begonnen. Nichts geht mehr. Mit der Devise „nicht weiter so“ setzen die deutschen Brexiteers auf Sieg. Und da fragt man sich doch, was nun eigentlich ganz anders werden soll? Hat die alte Groko nicht doch eine Menge auf den Weg gebracht? Sind die Beschlüsse der neuen Groko, so sie denn kommt, nichts wert? Und warum zieht es Menschen aus aller Welt zu uns, wenn es hier so schrecklich ist? Oder geht es etwa gar nicht darum? Geht es nur ums Spiel? Um Spaß? Ist das Neue populär, weil wir in dieser modernen Gesellschaft – überschüttet mit Nachrichten und Sensationen Tag für Tag – daran gewöhnt und danach süchtig sind? So ist es. Die Ernsthaften in der SPD müssen höllisch aufpassen, dass kein tödliches russisches Roulette daraus wird.




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