Kulturgeschichte der verrufenen Geste Stinkefinger – reinigendes Ventil der Seele

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Keines der zehn Glieder der menschlichen Hand hat es zu ähnlichem Ruhm gebracht wie der rechte Mittelfinger. Als obszöne Geste ist der Stinkefinger aus dem Politikgeschäft und der Kulturgeschichte nicht wegzudenken.

„Penner“, „Scheißkerl“, „Sackgesicht“, „Drecksau“, „Arschloch“: Der Stinkefinger gehört augenscheinlich zum Autofahren wie die Luft zum Atmen. Foto: Fotolia/Bilderstöckchen 14 Bilder
„Penner“, „Scheißkerl“, „Sackgesicht“, „Drecksau“, „Arschloch“: Der Stinkefinger gehört augenscheinlich zum Autofahren wie die Luft zum Atmen. Foto: Fotolia/Bilderstöckchen

Stuttgart - „Was Du wolle?“ Ein Bundeswirtschaftsminister, der den Stinkefinger grinsend reckt und rechten Pöblern die A . . .  karte zeigt. „Ihr könnt mich mal!“ Aber Herr Gabriel, das geht gar nicht? Oder doch? Als Vermummte Sigmar Gabriel jüngst bei einem Wahlkampfauftritt im niedersächsischen Salzgitter lautstark versuchten zu stören und ihn als „Volksverräter“ beschimpften, ist der 56-jährige SPD-Chef ausgetickt.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kommentierte daraufhin die obszöne Geste seines Parteifreundes mit den Worten: „Auch Politiker müssen sich nicht alles gefallen lassen.“ Mit seiner gestischen Entgleisungen steht Gabriel nicht alleine, wie folgender Rückblick in die Kulturgeschichte des Stinkefingers zeigt (der übrigens auch im Tierreich sehr verbreitet ist):

„Penner“, „Scheißkerl“, „Sackgesicht“, „Arschloch“

Der griechische Ex-Finanzminister Gianis Varoufakis steht auf den Stinkefinger. Genauso wie Grünen-Politikerin Renate Künast, SPD-Urgestein Wolfgang Clement und der Ex-Kanzlerkandidat der Partei, Peer Steinbrück. Dessen Bild auf der Titelseite des „SZ Magazins“ vom September 2013 ist längst eine Kultgeste der politischen Pop-Kultur. Es zeigt einen grimmig dreinschauenden Steinbrück mit verschränkten Armen, halb geöffnetem Mund und steil aufgerichtetem rechten Mittelfinger.

Wer richtig sauer ist und mal Dampf ablassenwill, greift tief in die Obszönitäten-Kiste. „Scheißkerl“, „Penner“, „Sackgesicht“, „Drecksau“, „Arschloch“, „Wichser“, „Vollpfosten“. Zugegeben, es geht auch eine Nummer leiser, ohne verbale Brachialgewalt, dafür nicht minder effektiv und beleidigend. Aber: „Eine Geste kann mehr als einen ganzen Satz ersetzen“, betont der Freiburger Sprachforscher Hans Martin Gauger.

„Digitus impudicus“ – schamloser, unzüchtiger Finger

Schon in der Antike wurde der steil in die Höhe gereckte Mittelfinger überaus geschätzt, um seinem Gegenüber die unflätige Meinung zu geigen. „Digitus impudicus“ – schamloser, unzüchtiger Finger nannten ihn die alten Römern. Eine derb verhöhnende Anspielung auf den Analverkehr zwischen Männern.

Doch warum gerade „Digitus manus III“, das dritte Endglied der Hand, wie er in der Medizin bezeichnet wird? Und warum die rechte Hand? Vielleicht, weil schon in der Antike die meisten Rechtshänder waren. „Digitus medius“, der Mittelfinger, ist zwar weniger beweglich als Daumen und Zeigefinger, dafür ist er aber mit seinen drei Fingergliedknochen der längste und kräftigste Finger. Prädestiniert für nonverbale obszöne Gesten.

Wie verbreitet der Stinkefinger bereits im Altertum war, zeigt ein Vers aus der „Carmina Priapea“, eine von einem anonymen antiken Autor zusammengetragene Sammlung erotischer Gedichte. Die Anthologie hat ihren pikanten Namen von dem mit einem übergroßen Phallus gesegneten Gartengott Priapus.

„Welch eine schwere, Priapos, und harte, kraftvolle Waffe“

Der mythologischen Überlieferung zufolge hatte Liebesgöttin Aphrodite eine Liaison mit Dionysos, dem Gott des Weines. Heras, Gattin des Obergottes Zeus, behagte das Techtelmechtel gar nicht. Zur Strafe missgestaltete sie Klein Priapus mit einem überdimensionalen Fortpflanzungsorgan. Entsprechend üppig ausgestattet wurde er zum Gott der Fruchtbarkeit und Beschützer von Schafen, Ziegen, Bienen und Früchten auserkoren.

Im 56. Gedicht der „Carmina Priapea“ heißt es (nach einer Übersetzung des Stuttgarter Gestenforschers und Romanisten Reinhard Krüger): „Welch eine schwere, Priapos, und harte, kraftvolle Waffe / Reckst du aus deinem Schoss also empörend empor.“ Im alten Hellas und Rom stellte man hölzerne Priapus- Standbilder im und ums Haus auf, um Unheil abzuwehren. Dieben signalisierte man auf diese Weise: Wer stiehlt, den straft Priapus mit Zwangsvergewaltigung.

Um andere zu schmähen, brauchte man indes keine Zaubermittel. Schon den Philosophen Diogenes von Sinope (410–323 v. Chr.) und Sokrates (469–399 v. Chr.) galt der ausgestreckte Mittelfinger als unverhohlene Drohung: Halte Abstand, sonst . . .




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