Levent Uzundal Die Osmanen-Familie und ihr Pate

Die Absicherung beim Osmanen-Prozess in der Justizvollzugsanstalt Stammheim ist noch einmal verstärkt worden. Foto: dpa
Die Absicherung beim Osmanen-Prozess in der Justizvollzugsanstalt Stammheim ist noch einmal verstärkt worden. Foto: dpa

Der große Prozess gegen acht Mitglieder der Osmanen Germania wirft ein Licht auf die Strukturen in der Region. Alles dreht sich um den Präsidenten Levent Uzundal – ein System von Druck und Fürsorge.

Ludwigsburg: Rafael Binkowski (bin)

Stuttgart - Mitglied im Boxclub Osmanen Germania zu werden, ist relativ leicht: Schon nach dem Besuch des ersten Meetings gilt man als „Hänger“, also Anwärter. Verlassen kann man die nationaltürkische Gruppe allerdings nur unter Einsatz seines Lebens – das hat das Mammutverfahren gegen acht Osmamen-Mitglieder vor dem Landgericht Stuttgart deutlich gemacht. Sie sind unter anderem wegen versuchten Totschlags, räuberischer Erpressung, Zwangsprostitution und Drogenhandel angeklagt. Die Schilderungen von Aussteigern zeichnen vor Gericht ein klares Bild.

Ganz oben an der Spitze des streng hierarchischen Clubs steht Mehmet Bagci, der „Weltpräsident“. Sein Wort ist Gesetz, Zweifel und Widerspruch sind nicht erlaubt. Vor Gericht tritt der 46-Jährige, der bei Bad Homburg in Hessen wohnt, zurückhaltend auf. Mit seinem ergrauten Bart und der Lesebrille sieht er fast aus wie ein Märchenonkel, er ist als einziger der Angeklagten auch kein aufgepumpter Muskelmann.

An den ersten Prozesstagen kommt ein großer Fanclub, mit Gesten und Blicken wird kommuniziert. Auch sein Vize Selcuk „Can“ Sahin, früher einer der wenigen Türken bei den Hells Angels in Frankfurt, wird von den Zuschauern verehrt.

Die Fäden laufen bei Levent Uzundal zusammen

In der Region laufen die Fäden bei Levent Uzundal zusammen. Der 35-Jährige ist der Präsident des „Chapters Stuttgart“ – so nennen sich im Osmanen-Jargon die Ortsgruppen. Die Zeugenaussagen erwecken den Eindruck, dass er ähnlich wie Bagci nur selten selbst handgreiflich wird. Das schmutzige Geschäft, etwa die Abstrafung von Ausstiegswilligen, überlasse er Toni Wörz (30), dem Waffenmeister des Clubs, intern „Sergeant at Arms“ genannt. Oder dem Vize Mustafa Kilinc, der als äußerst brutal beschrieben wird und seit Februar 2017 in der Türkei untergetaucht ist.

Die vor Gericht verlesenen Akten gewähren Einblicke in das bewegte Leben des Präsidenten Uzundal: Geboren ist er in Nagold und wohnt bis zu seiner Verhaftung in Gäufelden-Nebringen. Ganze 18 Vorstrafen werden aufgelistet – mit 15 begeht er den ersten Diebstahl, es folgen Schlägereien, Betrug, Urkundenfälschung, Tankstellenbetrug: Uzundal lässt kaum etwas aus.

Zwei Ausbildungen bricht er ab, ist mal arbeitslos, mal hat er Gelegenheitsjobs. Selbst bei denen wird er auffällig: 2008 wird er verurteilt, weil er einen Reisepass nicht übergibt, sondern selbst einkassiert. Auch wegen brutaler Misshandlung seiner Freundin wird er verurteilt – die dennoch seit kurzem seine Verlobte ist.

Dicker Mercedes statt verkrachte Existenz

Durch die Rolle als Präsident der Stuttgarter Osmanen kann er seiner kleinkriminellen Existenz offenbar neuen Sinn verleihen. Plötzlich hören alle auf ihn. Zeugen berichten, wie er sich für 25 000 Euro einen teuren Mercedes in Dortmund gekauft haben soll. Er gibt die Kommandos im Straßenkampf. Wie weit Uzundals Macht selbst im Gefängnis reicht, zeigt der Respekt, den Aussteiger und Zeugen ihm entgegen bringen. So betont ein Ex-Osmane: „Unter Levent war alles immer in Ordnung. Erst als Mustafa Kilinic Vize wurde, gab es keine Regeln mehr.“ Ein Aussteiger, der im Januar 2017 in Altbach (Kreis Esslingen) brutal malträtiert wurde, spielt bei seiner Vernehmung die Taten herunter: „Das waren doch nur ein paar Schubser.“

Uzundal steht immer im Mittelpunkt: Er organisiert Meetings, die immer sonntags stattfinden, oder hält Grillfeste in Jettingen (Kreis Böblingen) ab. Die dortige Kampfschule dient als eine Art Clublokal, auch eine Werkstatt in Nagold ist Anlaufpunkt. Um Ideologie und Erdogan geht es selten – außer wenn Aktionen gegen Kurden gestartet wurden, wie im November 2016 in Ludwigsburg. Wichtiger ist der Zusammenhalt der Gruppe. „Das hat mich fasziniert“, erzählt ein Ex-Mitglied. Innerhalb der Organisation, das wird vor Gericht deutlich, herrscht eine Mischung aus Druck und Fürsorge.

Wie ein strenger, fürsorglicher Pate

Der in Altbach zusammen geschlagene Aussteiger erhielt zuvor Geld für die Miete, weil er Geldnöte hatte. Als ein Osmanen-Funktionär im Februar 2017 mit dem Vizepräsidenten in die Türkei flieht und in Serbien verhaftet wird, sammelt die Gruppe Geld für die Kaution. Wer widerspricht oder abtrünnig wird, dem drohen Gewalt, häufig wird auch die Familie bedroht.

Es scheint ein wenig wie in einer Mafia-Familie mit einem strengen, fürsorglichen Paten an der Spitze. Davon zeugt eine Szene: Drei Aussteiger erhalten, nachdem sie verprügelt werden, einen Anruf von Uzundal. Wie sie erzählen, sagte er ihnen bei dem Telefonat, dass es ihm leid täte und dies in seinem Beisein nicht passiert wäre.




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