Landwirtschaft auf den Fildern Der Verteilungskampf ist in vollem Gange

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Stuttgarter Böden für Stuttgarter Bauern. So könnte man betiteln, was die Stadt vorhat. Sie will auswärtigen Landwirten die Pacht für städtische Äcker auf der Filderebene kündigen. Völlig lautlos dürfte dies allerdings nicht über die Bühne gehen.

Insgesamt stehen neun Hektar Land zur Debatte. Das entspricht einem guten Dutzend an Fußballfeldern. Foto: dpa
Insgesamt stehen neun Hektar Land zur Debatte. Das entspricht einem guten Dutzend an Fußballfeldern. Foto: dpa

Filder - Das neue Jahr muss erst noch beweisen, dass es ein gutes für Walter Schwaiger wird. Denn bisher läuft es mittel bis schlecht für den 61-jährigen Landwirt. Wenn er Pech hat, muss er Teile seiner Äcker auf dem Birkacher Feld abgeben. Noch vor Weihnachten hatte der gemeinderätliche Wirtschaftsausschuss der Stadtverwaltung grünes Licht dafür gegeben, dass sie landwirtschaftliche Flächen auf den Fildern, die der Stadt gehören und an auswärtige Bauern verpachtet sind, zurückholen darf. Die Äcker sollen, sofern Bedarf besteht, an Stuttgarter Bauern verpachtet werden. Grund ist der anhaltende Flächenfraß auf den Fildern. Allein das Projekt Stuttgart 21 verschlingt circa 40 Hektar, vor allem auf der Gemarkung Plieningen, aber teils auch Möhringen.

„Der Verteilungskampf wird härter“, sagt Walter Schwaiger. Der Landwirt fühlt sich ungerecht behandelt. Er lebt zwar auf seinem Hof in Plattenhardt, doch er sagt, seine Hofstelle sei schon seit Jahren zweigeteilt: Auch in Birkach bewirtschaftet er ein bäuerliches Anwesen und betreibt einen Hofladen. Es ist der Bauernhof seiner Schwiegereltern.

Kampflos aufgegeben hat er noch lange nicht

Walter Schwaiger ist eigentlich Mechanikermeister für Landmaschinen, doch vor 20 Jahren hat er sich entschieden, den Job zu wechseln und Landwirt zu werden. Vollzeit. Tiere haben die Schwaigers keine mehr, dafür Getreide, Gemüse und Obst. Und das will irgendwo angebaut werden. Unter anderem auf dem Birkacher Feld. Wenn er Fläche abgeben soll, weil er angeblich ein auswärtiger Bauer sei, „gefährdet mich das in meiner Existenz“, sagt er. Um wie viel es sich dabei handelt, will er nicht sagen. Er sagt, es liefen Verhandlungen, die noch nicht spruchreif seien. Kampflos aufgegeben hat er jedenfalls noch lange nicht. „Ich sage nicht zu allem Ja und Amen.“

Die Flächen, die sich die Stadt Stuttgart von auswärtigen Landwirten zurückholen will, messen rund neun Hektar, sagt Christian Ammon, Referatsmitarbeiter bei Bürgermeister Michael Föll. Das entspricht einem guten Dutzend Fußballfelder. Sie befinden sich laut Ammon auf der Gemarkung Birkach und Plieningen. Betroffen seien sechs auswärtige Pächter.

Die Stadt Stuttgart hat umgeschwenkt

Das Thema ist kein neues, dass es jetzt aber tatsächlich umgesetzt werden soll, ist doch überraschend. Vor anderthalb Jahren war die Bitte erstmals im Bezirksbeirat Plieningen aufgeschlagen, als sich der dortige Obmann der Landwirte, Michael Gehrung, entsprechend öffentlich äußerte. Damals hatte die Stadtverwaltung zögerlich reagiert. Es sah aus, als verlaufe sich das Ganze. Warum nun die Kehrtwende? „Nachdem zwischenzeitlich angrenzende Städte und Gemeinden immer mehr Stuttgarter Landwirten auf deren Gemarkungen kündigen, hat die Stadt die bisherige Haltung revidiert und wird nun auswärtigen Landwirten auf Stuttgarter Markung die Kündigung aussprechen, sofern es Bedarfe für Stuttgarter Landwirte gibt“, sagt Christian Ammon aus dem zuständigen Referat.

Während der Beschluss des gemeinderätlichen Wirtschaftsausschusses für den Landwirt Walter Schwaiger große Probleme mit sich bringen könnte, ist er für Michael Gehrung genau genommen „ein Tropfen auf den heißen Stein“, wie der Obmann sagt. Plieninger Bauern seien besonders vom Flächenfraß durch Stuttgart 21 betroffen. Etwa 35 Hektar gingen verloren. Deshalb ist er froh um jeden neuen Hektar für die 14 Betriebe, die es in Plieningen noch gibt. Da geht es den Möhringer Landwirten offenbar deutlich besser. Sie treffe es nicht so hart, sagt der dortige Obmann, Axel Brodbeck. Er findet das Vorgehen der Stadt Stuttgart konsequent. In Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt sei dies längst Usus, „die haben damit angefangen“, sagt er. „So wie es in den Wald reinschreit, schreit es auch wieder raus.“

Möglichst kein Ernteausfall

„Es ist der Landeshauptstadt bewusst, dass die Kündigung für betroffene Landwirte eine betriebliche Herausforderung darstellen kann“, sagt Christian Ammon. „Aus diesem Grund wurde der Kündigungszeitpunkt auf 31. Oktober 2019 so gewählt, dass zumindest ein wirtschaftlicher Verlust durch Ernteausfall für die Landwirte ausgeschlossen werden kann.“

Walter Schwaiger wüsste nicht, wie er auf dem Birkacher Feld weitermachen sollte, müsste er tatsächlich den Stuttgarter Boden hergeben. Die städtischen Flächen seien nicht zusammenhängend, seine Äcker, die er dort ansonsten noch hat, wären zerstückelt. „Die Bewirtschaftung wäre total ungünstig.“ Aber sein wichtigstes Argument ist und bleibt: „Wir sind keine auswärtigen Landwirte.“

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