Lokstoff spielt in Stadtbahn-Station Literatur zum Leben erweckt

Von Verena Großkreutz 

Das Theaterkollektiv Lokstoff startet seine Reihe „Literatur im öffentlichen Raum“ in der Stuttgarter Stadtbahn-Haltestelle Rathaus. Wo Fahrgäste ein- und aussteigen, wird eine Novelle gelesen und dazu getanzt. Berührend!

Die Stadtbahnstation Rathaus als  Bühne – im Hintergrund Zuschauer mit blauten Kopfhörern Foto: Lokstoff
Die Stadtbahnstation Rathaus als Bühne – im Hintergrund Zuschauer mit blauten Kopfhörern Foto: Lokstoff

Stuttgart - Ein merkwürdiger Anblick: Da sitzen Menschen auf Klapphöckerchen in der Stadtbahn-Haltestelle Rathaus in Stuttgart und starren. Raum einnehmende Fremdlinge. Blau leuchten ihre Kopfhörer. Um die kleine Gruppe herum steht Ordnungspersonal in blauen Westen. Ein Mann und eine Frau, mit Plastikvisier und Headset, lesen aus einem Buch. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig tanzen zwei junge Männer in antiquierten Anzügen: Sie dehnen und strecken sich, drehen Pirouetten, schieben sich die Wand entlang, mal zueinander, mal voneinander weg.

Verdutzte Fahrgäste stolpern, huschen, humpeln durchs Inszenierte. Nur einzelne bleiben stehen. Die meisten gehen weiter, schauen sich irritiert um oder tun so, als sei hier alles völlig normal. Bloß schnell raus aus dieser befremdlichen Situation, in die man unfreiwillig gerät, wenn man an diesem Abend, an diesem Ort aus der Stadtbahn steigt.

Das Publikum trägt Kopfhörer

Das Stuttgarter Theaterkollektiv Lok­stoff um den Regisseur Wilhelm Schneck ist mal wieder voll in seinem Element, wenn in der U-Bahn-Station die Theatersituation mit der Realität konfrontiert wird – oder umgekehrt. Das macht Spaß, vor allem dem eingeweihten Publikum. Das hört durch die Kopfhörer Fred Uhlmans Novelle „Der wiedergefundene Freund“ (1971), die im Stuttgart des Jahres 1933 spielt und von einer Freundschaft zwischen den Schülern Hans, Sohn eines jüdischen Arztes, und Konradin, Zögling einer reichen, pronationalsozialistischen, antisemitischen Adelsfamilie, erzählt. Die Freundschaft, getragen von der gemeinsamen Liebe zur Literatur, insbesondere zu Hölderlin, hält den politischen Zuständen nicht stand, zerbricht noch vor Hans’ Emigration in die USA und fügt sich am Ende, durch eine überraschende Wendung, doch wieder zusammen. Und das, obwohl Konradin da schon gut zwanzig Jahre tot ist.

U-Bahn-Rauschen und Sprachmusik

Eindringlich gelesen wird der Text von Kathrin Hildebrand und Simon Kubat: Die Novelle wird zu Sprachmusik, deren Inhalt mehr und mehr ihre zeitliche Fixierung verliert. Der Fluss und die suggestive Kraft der Sprache Uhlmans vermischen sich mit den Alltagsgeräuschen, mit dem Rauschen der U-Bahnen und den Lautsprecherdurchsagen.

Die jungen Männer, die jetzt im U-Bahnhof tanzen (Darwin Diaz, Daniel Medeiros), waren schon im Film zu sehen, der zu Beginn an die Wand projiziert worden war: Sie flanierten darin über den Schlossplatz oder blickten die Karlshöhe hinunter. Die Bilder ihrer Gegenwart wechselten mit alten Stadtansichten Stuttgarts: in Schwarz-Weiß vor dem Krieg, als die Männer noch Hüte trugen, und bunt danach, als der Eckensee noch rund war und Straßenbahnen am Königsbau vorbeifuhren. Mit dem „Wiedergefundenen Freund“ eröffnet Lokstoff in Kooperation mit dem Literaturhaus seine neue Reihe „Literatur im öffentlichen Raum“. Das funktioniert vorzüglich und berührt.




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