Mercedes Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim Das halten Betriebsratschef und Werksleiter von der E-Auto-Strategie

Mit Blick auf das große Ganze: der Untertürkheimer Betriebsratsvorsitzende Michael Häberle (links) und Werksleiter Frank Deiß. Foto: Rudel/Ines Rudel

Der Mercedes-Standort Stuttgart-Untertürkheim erlebt den größten Wandel seiner bald 120-jährigen Geschichte. Werksleiter Frank Deiß und Betriebsratschef Michael Häberle sagen, wie es mit dem Stammwerk und seinen Beschäftigten weitergeht.

E-Mobilität, Digitalisierung, Luxusstrategie, China-Wettbewerb – die 20 000 Beschäftigten im Stammwerk Untertürkheim arbeiten im Zentrum einer neuen Mercedes-Welt. „Wir haben viel Grundvertrauen in unsere Marke und in die Produkte“, sagt Standortchef Frank Deiß. Man dürfe sich aber keinesfalls auf den Lorbeeren ausruhen, ergänzt Betriebsratschef Michael Häberle.

 

Herr Deiß, Herr Häberle, das altehrwürdige Mercedes-Werk Untertürkheim wird gerade Teil der neuen E-Auto-Welt. Finden sich die Beschäftigten in ihr schon zurecht?

Frank Deiß: Man könnte sagen, wir sind mittendrin. Es ist ja nicht so, dass die Transformation bei uns gerade erst begonnen hat, sondern sie ist schon relativ früh gestartet. Seit 2015 sind wir über die E-Mobilität permanent im Gespräch. In dieser Zeit wurde die offene Kommunikation zu einem Erfolgsfaktor.

Die Überzeugungsarbeit ist also abgeschlossen?

Deiß: Nein. Natürlich nicht. Eine solche Transformation ist ja kein Sprint, sondern ein Marathon, der auch in zwei Jahren noch nicht beendet sein wird. Wir begleiten sie gemeinsam Schritt für Schritt.

Es gibt also weiterhin Vorbehalte in der Belegschaft, was die Umstellung von Verbrennungsmotor auf E-Antrieb angeht?

Häberle: Das ist doch oft so im Leben. Was man nicht kennt, das wird zunächst skeptisch betrachtet. Dort aber, wo die Transformation schon Einzug gehalten hat, gelingt es uns, auch zu vermitteln, dass sie als Chance zu begreifen ist, dass es sich um gute Arbeitsplätze und gute Produkte handelt.

Was ist neben der Kommunikation wichtig?

Deiß: Man muss ein Thema auch erlebbar machen - in unserem Fall die neuen Produkte. Bei einem Fahrevent beispielsweise, bei dem unsere Elektrofahrzeuge getestet werden können. Da merken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was für ein tolles Gefühl es ist, zum Beispiel einen EQS SUV zu fahren.

Frank Deiß und Michael Häberle mit den Redakteuren Peter Stolterfoht und Klaus Köster (von rechts gegen den Uhrzeigersinn) Foto: Ines Rudel/Rudel

Der Belegschaft wird auch viel Flexibilität abverlangt - Thema Umschulung. Tun sich die Jungen leichter damit?

Häberle: Das Alter spielt nicht die ganz große Rolle. Entscheidend ist eher, dass viele Beschäftigte seit Jahren für ein bestimmtes Produkt zuständig sind und sich deshalb beruflich darüber definieren. Auch ich bin schon immer ein großer Fan unseres Verbrennungsmotors gewesen. Daran hat sich nichts geändert. Jetzt bin ich aber auch großer Fan des E-Mercedes und fahre mittlerweile selbst einen mit Begeisterung.

Deiß: (lacht) Und er ist - wie ich auch - freiwillig umgestiegen.

Häberle: Aus Überzeugung.

Mit der Elektromobilität nimmt in der Autobranche die Digitalisierung enorm Fahrt auf. Von Brücken ist die Rede, die man schlagen will. Überqueren die Bandarbeiter diese und landen in der Software-Abteilung?

Deiß: Warum nicht? Wir brauchen grundsätzlich alle mehr digitale Kompetenz. Schulungen sind dabei natürlich ein wichtiges Thema. Unser Programm D.SHIFT richtet sich an Beschäftigte in der Produktion und bildet sie beispielsweise zu Junior-Software- Entwicklern oder Data-Specialists aus. Eine solche Umschulung ist aber natürlich nicht zwingend für jeden erforderlich, denn viele Arbeitsplätze aus der Verbrennerwelt sind mit denen in der Elektrowelt vergleichbar. Die Montage eines elektrischen Antriebssystems unterscheidet sich nicht fundamental von der eines Verbrennungsmotors. Für den Erfolg der Transformation halte ich aber etwas anderes für wichtiger.

Und zwar?

Deiß: Man muss Vertrauen erzeugen – in die Unternehmensstrategie und in die neuen Produkte. Gleichzeitig müssen wir unserer eigenen Stärke vertrauen, aus der heraus wir in Untertürkheim agieren.

Häberle: Für mich ist dabei entscheidend, dass wir die Sorgen der Beschäftigten ernst nehmen. Es ist inzwischen schließlich kein Geheimnis mehr, dass der Bau eines E-Antriebs für weniger Beschäftigung steht als ein Antrieb im klassischen Verbrennergeschäft. Aus diesem Grund setzen wir uns als Betriebsrat schon seit Jahren für neue Produkte im alternativen Antrieb ein. Dadurch gelingt es uns aktuell gut, die Elektromobilität an unserem Standort sukzessive hochzufahren und gleichzeitig weiter von unserem Verbrenner zu profitieren.

Deiß: Es ist gut, dass wir zweigleisig fahren und in unseren Werken sowohl Verbrenner als auch E-Antriebe bauen können. Diese Flexibilität ist für die Beschäftigung entscheidend. Wir bedienen von hier aus die Nachfrage nach E-Fahrzeugen, aber wir werden auch weiterhin für die Verbrennungstechnologie arbeiten – so lange, wie Benziner und Diesel vom Band laufen. Die Produktion läuft bis auf Weiteres auf Hochtouren.

Häberle: Und das ist auch gut so! Schließlich stellt der Verbrenner seit bald 120 Jahren den Mercedes-Erfolg sicher. Jetzt kommt es darauf an, auch mit Elektroautos erfolgreich zu sein. Je besser das gelingt, desto mehr Beschäftigte können in die E-Mobilität überwechseln. Ich selbst bin seit 37 Jahren hier im Betrieb, in dieser Zeit haben die Verantwortlichen mir und meiner Familie Sicherheit gegeben. Jetzt stehen wir selbst in der Pflicht, unserer Belegschaft diese Sicherheit zu geben.

Bereitet der Blick von Untertürkheim nach China nicht Sorge? Mercedes hat auf dem dortigen E-Markt nur einen kleinen Marktanteil, umgekehrt drängen von dort verstärkt E-Autos in den deutschen Verkauf.

Deiß: Wir sind ein globales Unternehmen und sind in so ziemlich jedem Markt vertreten. Sich mit weltweiten Wettbewerbern zu messen, ist da normal. Wir schauen aber natürlich genau hin – auch nach China. Wir haben viel Grundvertrauen in unsere Marke und in die Produkte, sodass uns Konkurrenzsituationen nicht nervös machen.

Häberle: Was aber nicht dazu führen darf, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Vielmehr muss die hohe Identifikation mit Mercedes Antrieb für jeden sein, täglich sein Bestes zu geben – und genau das beobachte ich bei unserer Mannschaft.

Kann die Luxusstrategie sich negativ auf die Beschäftigung auswirken? Von den Premiumautos werden ja weniger gebaut als im Massensegment.

Häberle: Für mich ist ein Mercedes seit jeher ein besonderes, ein exklusives Auto. Für eine Einschätzung, wie sich die neue Strategie auf die Beschäftigung auswirkt, ist es noch zu früh. Falls sie sich negativ auswirkt, werden wir uns definitiv zu Wort melden. Aber wir müssen der Konzernleitung schon das Vertrauen entgegenbringen, eine Strategie einzuschlagen, von der sie sich für das Unternehmen Erfolg verspricht.

Zwei Mercedes-Laufbahnen

Michael Häberle
Wie es sich für einen gebürtigen Cannstatter gehört, ist der 53-Jährige VfB-Fan durch und durch. Passend dann auch die 37 Jahre Mercedes-Betriebszugehörigkeit, die für Michael Häberle als Mechaniker begann. Es folgte ein berufsbegleitendes Studium und der Wechsel in die Entwicklung. Seit 1998 gehört er dem Betriebsrat an, dessen Vorsitzender er im Werk Untertürkheim 2019 wurde. Außerdem ist er Mitglied des Aufsichtsrats. Michael Häberle ist verheiratet und hat eine Tochter.

Frank Deiß
Schon seit 40 Jahren ist der aus Reutlingen stammende 59-Jährige für Mercedes tätig. Zunächst als Einkäufer, in der Folge übernahm er in diesem Bereich die Leitung. Sein Weg im Konzern führte den Diplom-Betriebswirt auch für fünf Jahre nach China. Seit 2015 ist Deiß Werksleiter in Untertürkheim. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Astronomie und Mercedes-Oldtimern. Außerdem interessiert ihn die Fliegerei. Gerade ist er dabei, den Flugschein zu machen. Deiß ist verheirat, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. sto 

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