Mit Saint-Gilloise gegen Eintracht Frankfurt Ex-Stuttgarter Alexander Blessin auf dem Höhenflug

Alexander Blessin feiert mit seinem Team einen Sieg in der belgischen ersten Liga gegen KRC Genk. Foto: IMAGO/Isosport/IMAGO

Der frühere VfB- und Kickers-Profi Alexander Blessin führt als Trainer von Union Royale Saint-Gilloise souverän die Tabelle der ersten belgischen Liga an. Die Conference-League-Duelle mit Eintracht Frankfurt werden zum Härtetest.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Wer mit dem Reglement in der ersten belgischen Liga nicht ganz so vertraut ist, der tendiert fast schon dazu, Alexander Blessin zur Meisterschaft zu gratulieren. Er führt mit Union Royale Saint-Gilloise die Tabelle mit acht Punkten Vorsprung vor dem RSC Anderlecht an. Das Polster auf den drittplatzierten FC Brügge beträgt sogar schon 15 Zähler. „Wir stehen super da“, sagt der Fußballtrainer, „das Dumme ist nur, dass sie in Belgien ihre Play-offs lieben und die Karten nach der regulären Runde neu gemischt werden.“ Die erreichte Punktzahl wird halbiert, die ersten sechs der Tabelle spielen dann den Meister aus.

 

Rückspiel in Frankfurt

Auch im belgischen Pokal steht Blessin mit seinem Team im Halbfinale. Den Tanz auf drei Hochzeiten komplettieren die Auftritte auf der internationalen Bühne. Nach dem dritten Platz in der Europa-League-Gruppenphase hinter dem FC Liverpool und dem FC Toulouse geht es in der Conference League weiter. In zwei Play-off-Duellen mit Eintracht Frankfurt geht es um den Einzug ins Achtelfinale. An diesem Donnerstag (18.45 Uhr) kommt der Bundesligist ins Stadion des RSC Anderlecht – die eigene Spielstätte genügt den strengen Uefa-Regularien nicht – eine Woche später (22. Februar, 21 Uhr) steigt das Rückspiel in der Mainmetropole.

„Die Eintracht war das schwerste Los im Topf. Aber das werden sie in Frankfurt von uns auch sagen“, meint Blessin mit einem Schmunzeln. Der Kader der Adlerträger sei, nicht zuletzt durch die Wintertransfers, auf die Champions League ausgerichtet. Doch dass es zuletzt nicht rund lief bei der Eintracht, ist ihm natürlich nicht verborgen geblieben. „Vielleicht können wir die Unruhe nutzen, ich sehe uns nicht in der Außenseiterrolle, aber wir brauchen zwei richtig gute Tage, um weiterzukommen“, sagt Blessin.

„Trainer des Jahres“ 2020/21

Der frühere Profi des VfB Stuttgarter und der Stuttgarter Kickers liefert richtig gute Arbeit ab. Belgien scheint dem ehemaligen Jugendtrainer von RB Leipzig besonders zu liegen. Als Coach des KV Oostende, seiner ersten Station als Coach im Männerbereich, bekam er 2020/21 in Belgien die Auszeichnung zum Trainer des Jahres verliehen. Nach dem Jahr beim CFC Genua in Italien (Januar bis Dezember 2022) kehrte der 50-Jährige im Juli 2023 nach Belgien zurück. „Saint-Gilloise ist wirklich ein ganz besonderer Club, in dem nicht der ungeheure Druck herrscht wie bei Anderlecht oder Brügge, den Vereinen mit riesigem Fan-Potenzial“, erzählt der gebürtige Stuttgarter.

Bis 1935 sammelte Royale Union Saint-Gilloise elf Meistertitel, danach ging es jedoch steil bergab. Nach dem ersten Abstieg 1965 stürzte der Verein phasenweise bis in die vierte belgische Liga ab. Aufgehalten wurde das Verschwinden in die Bedeutungslosigkeit erst durch zwei wohlhabende Investoren. 2012 stieg zunächst der deutsche Unternehmer und Multimillionär Jürgen Baatzsch ein und krempelte den Club um. 2018 verkaufte er den Verein an Tony Bloom, ein durch Onlinepoker und systematische Sportwetten reich gewordener Engländer.

Mathe-Genies am Werk

Der Zocker-Milliardär hatte schon 2009 den englischen Club Brighton & Hove Albion zu 75 Prozent übernommen. Dem studierten Mathematiker ratterten am Pokertisch stets Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten durch den Kopf, die er kühl bewertete. Darauf aufbauend, gründete Bloom die Datenfirma Starlizard, und mit dieser revolutionierte er, gemeinsam mit Kumpel und Mathe-Genie Alex Muzio, ein Stück weit auch den internationalen Fußball. Spieler werden zunächst einmal allein durch Daten gescoutet. Und so kommt man auf Profis, die optimal passen, aber andernorts durchs Raster fielen und somit günstiger sind. Das tun auch andere Clubs, aber keiner so effektiv wie Brighton und Saint-Gilloise.

Den prominentesten Rohdiamanten fanden Bloom und Muzio im Sommer 2020 in der dritten Liga beim SV Meppen. Sein Name: Deniz Undav, inzwischen beim VfB Stuttgart auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Weitere Spieler, die bei Saint-Gilloise von unbekannten zu europaweit gefragten Kickern reiften, sind Leverkusens Victor Boniface oder auch der dänische Nationalspieler Casper Nielsen. „Ich mag die belgische Liga. Sie ist hochattraktiv und durch die vielen tollen Talente im Blickfeld der Scouts sowie der großen Clubs“, sagt Blessin. Und im Hintergrund sitzt in seinem Verein zudem ein Milliardär, der die Fantasie hat, Titel zu holen. In der Liga oder in der Conference League, in der es jetzt aber erst einmal den Europa-League-Sieger von 2022 zu bezwingen gilt.

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