So soll das Vorhaben finanziert werden 1,8 Milliarden will sie in den 18 Jahren aus eigener Kraft und eigenen Kreditaufnahmen aufbringen, somit 75 Prozent der Gesamtkosten einschließlich des Schuldendienstes. Rund 600 Millionen Euro sollen anders beschafft werden. Dem Vernehmen nach bemüht sich Airportchef Walter Schoefer, Fördergelder und Finanzierungshilfen von den Gesellschaftern – Land und Landeshauptstadt – zu mobilisieren. Sie sollen sich im Verhältnis ihrer Gesellschaftsanteile beteiligen: das Land zu 65 Prozent, die Stadt zu 35 Prozent. Das bedeutet: Wenn kein Fördergeld zu erhalten wäre, müsste das Land schlimmstenfalls etwa 390 Millionen Euro tragen, die Stadt bis zu 210 Millionen. Was an Fördergeldern eingeht, würde den Geldeinsatz der Gesellschafter reduzieren. Die Hoffnung geht dahin, dass die EU und der Bund Gefallen an der Pionierarbeit des Stuttgarter Airports finden, der eben nicht wie andere Flughäfen nur einen Ausgleich der CO2-Emissionen anstrebt, etwa durch das Anlegen eines Klimawaldes, sondern der Treibhausgase vermeiden will.
So ist der aktuelle Stand Der Aufsichtsrat der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) hat in nicht öffentlichen Sitzungen inzwischen zweimal das Ziel der Chefs am Flughafen bestätigt. Dennoch gibt es von der Geschäftsführung für unsere Zeitung keine Stellungnahme. Der Grund: Noch laufen offenbar Gespräche und Verhandlungen, die man nicht gefährden will.
Der Aufsichtsrat verwarf bereits eine Art von Sparvariante, nach der die FSG zwar den Brandschutz und den Weiterbetrieb der Fluggastgebäude sicherstellen könnte, aber nicht das Erreichen des Klimaziels. Eine Absage vom Aufsichtsgremium gab es zudem für eine Variante, mit der neben der Klimaneutralität noch mehr Bausubstanz und mehr Komfort für die Passagiere zu erhalten wären. Das sei unbezahlbar, hieß es. Die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder fiel auf das Konzept, den notwendigen Brandschutz, das Klimaziel und einige Verbesserungen für den operativen Betrieb zu realisieren. Aber, so hieß es vorsorglich: Mit diesem Vorhaben sei „keinerlei Kapazitätserweiterung“ verbunden. Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat wollen von den Flughafenchefs Schoefer und Ulrich Heppe nun vor allem einen Finanzierungs- und Ablaufplan – und mehr Klarheit über die Chancen einer Förderung.
Deshalb ist der Zeitpunkt schwierig Im Moment können die Geschäftsführer nicht sagen, wann nach dem Niedergang infolge der Pandemie wieder so viele Passagiere oder sogar noch mehr in die Terminals drängen wie 2019, also vor der Pandemie, als es 12,7 Millionen Fluggäste und ausreichend Kapazität gab. Man werde eher erst 2026 bis 2028 wieder auf Vorkrisenniveau sein, nicht 2024, wie manche in der Branche hoffen, denkt man in der FSG-Zentrale. Aber Voraussagen über die Geschäftsentwicklung sind kaum möglich. Die Airlines ändern den Flugplan manchmal unerwartet und kurzfristig.
Darum soll das Projekt trotzdem gestartet werden Die FSG will und kann sich dem Klimaschutz nicht verweigern, denn das Land Baden-Württemberg hat ein Klimaschutzgesetz – und der Flughafen ist dem neu justierten Landesziel verpflichtet, die Klimaneutralität nicht erst bis zum Jahr 2050 zu erreichen, sondern schon 2040. Daher hat die FSG ihren Masterplan überarbeitet. Im Rathaus will der Gemeinderat Ende Juli sogar beschließen, dass die Stadt schon vom Jahr 2035 klimaneutral sein soll.
Diese Haltungen zeichnen sich bei der Stadt und dem Land ab Bei der Landesregierung scheint es Sympathie zu geben, nicht nur bei Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der auch der Aufsichtsratsvorsitzende der FSG ist und schon länger dafür eintritt, die Luftfahrt und den Klimaschutz kompatibel zu machen. In den Haushaltsplanungen von Land und Stadt wird es aber eng. Beispiel Stadt: Bei ihr haben auch andere Beteiligungsunternehmen, etwa die städtische Wohnbautochter SWSG und die Verkehrsbetriebe SSB, großen Kapitalbedarf. Andererseits wäre das FSG-Projekt im Moment ein Alleinstellungsmerkmal, überlegt man in der städtischen Finanzverwaltung. Fördergelder beim Bund und der EU seien vielleicht nur in der jetzigen Situation einzuwerben.
Wo sind eventuell Pluspunkte? Das Unternehmen machte in guten Jahren vor der Pandemie Gewinne, die zur Freude der Gesellschafter zeitweise einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag erreichten. Manchmal hätten die Gewinne gut doppelt so hoch sein können, wäre die FSG nicht Mitfinanziererin des Bahnprojekts Stuttgart 21. Weil es den Flughafen zu einer Schnittstelle auch des Bahnverkehrs machen soll, stellte die FSG dafür rund 340 Millionen Euro bereit. Außerdem: Im städtischen Wirtschaftsausschuss gab es vor wenigen Tagen reichlich Lob dafür, wie die FSG in der Pandemie gesteuert wurde und dass es trotz Kostensenkungsprogrammen keine Entlassungen gegeben hat. Den Stadträten gefiel auch, dass der Airport Stuttgart bisher nicht wie andere Flughäfen wegen langer Wartezeiten und Flugausfällen in den Schlagzeilen ist.
So ist der Kurs der FSG beim Klimaschutz Verglichen mit dem Referenzjahr 1990 ist der Ausstoß von Treibhausgasen im Flughafenbetrieb am Boden inzwischen durch allerlei Maßnahmen um bisher rund 40 Prozent reduziert worden, 60 Prozent müssen noch abgebaut werden. Dafür soll die bereits nennenswerte Stromerzeugung mit Fotovoltaikanlagen auf Dächern mengenmäßig ums gut Zehnfache ausgebaut werden. Durch das Maßnahmenprogramm, in dem die energetische Sanierung der Betriebsgebäude der Hauptpunkt ist, wird sich das Erscheinungsbild der Terminals drastisch verändern, sowohl außen wie auch innen. Außen wird es viel mehr Photovoltaik geben, innen mehr Grün. Wenn im Jahr 2040 doch noch Kohlendioxid aus dem Flughafenbetrieb emittiert wird, soll diese Restmenge mit technischen Mitteln der Atmosphäre entzogen und gebunden werden.
Was bisher geschah
Vorleistungen
Die FSG hat den Treibhausgas-Ausstoß schon durch einige Maßnahmen reduziert. So führte sie auf dem Vorfeld elektrische Fluggastbusse und elektrische Gepäckschlepper und andere Elektromobile ein. Geparkte Flugzeuge erhalten Bodenstrom von der FSG, produzieren den Strom nicht mehr unter Kerosineinsatz selbst. Bis 2030 soll die Flugzeugabfertigung komplett emissionsfrei verlaufen. Die FSG ließ für Flughafennutzer und Besucher elektrische Ladesäulen an 35 Stellplätzen installieren. Außerdem gibt es erste intelligente Stromnetze, die mit Wolkenkameras vorausschauend gesteuert werden. Unter den Verbesserungen verbucht sie auch die Stadtbahnlinie U 6, die es seit Ende 2021 ermöglicht, nicht nur per S-Bahn umweltfreundlich zum Flughafen zu fahren und auf das Auto zu verzichten.
Photovoltaik
Auf Dächern unterhält die FSG zur Stromproduktion fünf Anlagen mit einer Fläche von 15 033 Quadratmetern, also etwas mehr als zwei Fußballfelder. Der Masterplan Energie und Klima sieht vor, dass in Zukunft alle dafür geeigneten oder aufrüstbaren Dachflächen auf dem Flughafengelände bestückt werden, möglicherweise auch ein Abschnitt des südlichen Flughafenzauns. Mitte des Jahrhunderts soll auf rund 130 000 Quadratmetern Strom aus der Kraft der Sonne produziert werden – das entspräche 18 Fußballfeldern. Der Stromertrag aus Photovoltaik soll so von derzeit 2,5 auf rund 30 Gigawattstunden gesteigert werden. jos