Müllvermeidung Stuttgart sucht den Super-Pfandbecher

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Die Stadt will ein nachhaltiges Kreislaufsystem für Mehrwegbecher einführen. Dafür investiert sie im Zuge der Initiative „sicheres und sauberes Stuttgart“ 800 000 Euro.

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Stuttgart - Stuttgart hinkt hinterher: München, Freiburg, Tübingen, Konstanz und sogar Unterschleißheim haben geschafft, woran man in der schwäbischen Landeshauptstadt seit mehr als einem Jahr arbeitet: Sie haben ein Mehrwegbechersystem eingeführt, um die tägliche Flut an Einwegbechern einzudämmen.

Das richtige System zu finden, dass sei „sehr komplex“, verteidigt sich Torsten von Appen von der städtischen Wirtschaftsförderung. Ob es in Stuttgart so lange dauert, weil man das perfekte System sucht? „Nein, wir suchen das, was für Stuttgart am besten funktioniert.“ Er rechnet damit, dass der Stuttgarter Pfandbecher im ersten Halbjahr 2019 kommt.

Der größte Anbieter auf dem deutschen Markt ist Recup. Dem Start-up aus Rosenheim gelang es innerhalb eines Jahres, sein Pfandsystem auf rund 70 Städte auszuweiten. Der Umfang ist aber tatsächlich von Stadt zu Stadt verschieden. Mal ist nur ein einzelnes Café oder eine Bäckerei beteiligt, mal sind es Dutzende wie in den Großstädten Berlin und München.

In Stuttgart gibt es bisher nur Vorstöße von einzelnen Gastronomen gegen die Pappbecherflut. Fluxus-Manager Hannes Steim hatte mit einigen dortigen Gastronomen den „Fluxus-Becher“ auf den Markt gebracht, die Cafés Moulu und Herbertz haben einen Porzellanbecher, das Mókuska Caffè macht bei Recup mit.

In vielen Städten funktionieren die Mehrwegsystem nicht wirklich gut

So ein Pfandsystem ist aber umso wirkungsvoller, je mehr Gastronomen, Bäckereien und Händler mitmachen. Da hapert es aber in vielen Städten, wie zum Beispiel in Freiburg. Die Becher wurden zwar gekauft, kamen aber oft nicht mehr zurück.

Die Stuttgarter Strategie sei deshalb, „lieber langsam machen, dafür solide“, sagt von Appen. Immerhin nimmt man hierzulande am meisten Geld in die Hand. Man habe den „höchsten Etat“, bestätigt von Appen. In 2018 und 2019 gibt die Stadt für die Konzeption und Entwicklung eines nachhaltigen Kreislaufsystems jeweils 300 000 Euro aus, dazu kommen zweimal 100 000 Euro für Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen. Zum Vergleich: Hamburg habe nur etwa 30 000 Euro investiert.

Bernd Rall, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Studiengangsleiter für BWL Industrie, hat so ein nachhaltiges Kreislaufmodell konzipiert. Die teilnehmenden Gastronomen, Cafés und Bäckereien geben einen mehrfach verwendbaren Becher aus; die Kunden zahlen beim Kauf Pfand und erhalten dies zurück, wenn sie den Becher abgeben. Damit dies funktioniert, so Rall, braucht es aber an zentralen Stellen Rücknahmeautomaten. Die müsse man vorwiegend dort aufstellen, wo am meisten Becher weggeworfen werden – an Bahnhöfen, Bushaltestellen, Geschäftszentren und an großen Einkaufsstraßen. Die Becher sollen dann zentral eingesammelt, gespült und an die jeweiligen Marken wieder ausgegeben werden, sagt Rall. Ein persönliches Branding sei den meisten Initiativen wichtig. Rall kann sich auch vorstellen, Bedürftige bei den Logistiktätigkeiten zu integrieren oder dass elektrische Lastenräder zum Einsatz kommen.

Stuttgart will ein komplettes, nachhaltiges Kreislaufsystem an bieten

Derzeit sucht die Stadt über einen Auslobungswettbewerb einen Dienstleister, der so ein Kreislaufmodell für Stuttgart anbietet. Von Appen betont, die Besonderheit in Stuttgart sei, dass man „Betroffene zu Beteiligten“ mache. Man habe mit Bäckereiketten gesprochen, denn letztlich sollen sie nachher die Pfandbecher auch ausgeben, damit man ein engmaschiges Netz erhält. Einige sitzen nun auch in der Jury.

Bernd Rall ist von dem Konzept überzeugt, denn ein Ende der To-Go-Kultur sieht er nicht. Auch kann die Stadt Pappbecher nicht einfach verbieten. Das sei, wenn überhaupt, Aufgabe des Bundes, oder aber man mache es nur bei städtischen Immobilien, sagt von Appen. München will zum Beispiel Pächtern städtischer Kaffeeausgaben Einweglösungen verbieten. „Soweit sind wir aber noch nicht“, sagt von Appen.

Letztlich liege die Lösung auch beim Konsumenten: „An dessen Komfortzone müssen wir ran.“ Die Menschen benutzen Einwegbecher, weil es bequem ist. Doch wann überwindet der Konsument seine Bequemlichkeit? Dann, wenn so ein Mehrwegbecher als hip, cool und sexy gilt.

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