Nahverkehr in der Region Stuttgart Die SSB als letzter Anker im Chaos?

Einsteigen – ohne Angst vor Bahnausfällen? Das verspricht der SSB-Chef. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Verspätungen, Streiks, Fahrermangel – der öffentliche Nahverkehr steckt in der Krise. Auch die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) haben im vergangenen Jahr geschwächelt. Doch ihr Chef macht nun ein großes Versprechen – auch für die Zeit der Fußball-EM.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Die Fahrgäste des öffentlichen Verkehrs rund um Stuttgart sind leidgeprüft. Streiks, Verspätungen, Baustellen – die Unzuverlässigkeit ist bei der S-Bahn oder bei Regionalzügen die Norm. Auch das bisher zuverlässige Stadtbahn-System der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) machte im vergangenen Jahr erstmals negative Schlagzeilen. Ursache war Fahrermangel – auch wegen Zusatzverkehren während einer S-Bahn-Sperrung. Ab Mitte Juni gab es Ausfälle. Dann fielen im Juli mit Ansage auf vielen Linien kurzfristig einzelne Bahnen aus. Die Linien U 16, U 19 und U 34 wurden in dieser Zeit sogar ganz eingestellt, verkürzt oder fuhren an weniger Tagen.

 

Wackelt die Stadtbahn wie die S-Bahn?

Stadtbahnfahrer beschrieben in dieser Zeit gegenüber unserer Redaktion eine extrem angespannte Situation. Ohne ablösende Fahrer hätten Züge einfach entlang der Strecken abgestellt werden müssen; Fahrzeugreserven seien nur noch knapp bemessen gewesen. Ein System, das lange auch auf die Bereitschaft gesetzt hatte, dass Fahrerinnen und Fahrer zu Überstunden bereit waren, habe auf einmal nicht mehr funktioniert.

Seither ist es ruhiger geworden. Doch im neuen Jahr bleibt die Frage: Steht das System SSB wie die einst zuverlässige Stuttgarter S-Bahn irgendwann vor dem Absturz?

Alles Schnee von gestern, sagt der SSB-Chef Thomas Moser. Man habe inzwischen intensive Gespräche mit den Fahrern geführt. Die SSB hatte offiziell immer energisch dementiert, dass diese zu sehr beansprucht würden.

SSB: 99 Prozent der Züge fahren

Die Stadtbahn sei absolut stabil, sagt Moser nun. Von Lesern unserer Zeitung um die Jahreswende gemeldete, an den Anzeigetafeln mit Fahrermangel begründete Fahrtausfälle etwa auf der U12, waren ihm zufolge Einzelfälle.

Der SSB nennt nun exklusiv Pünktlichkeitszahlen, die sie ansonsten im Gegensatz zur Deutschen Bahn nicht regelmäßig publiziert. Im vergangenen Jahr seien 95 Prozent der Bahnen pünktlich gewesen, heißt es. Im Dezember habe man sogar 96 Prozent erreicht. Dabei gelten Stadtbahnen mit bis zu drei Minuten Verspätung noch als pünktlich. Im Gegensatz zur Deutschen Bahn, die ausgefallene Züge nicht in ihre Pünktlichkeitsstatistik aufnimmt, gehen bei der Stadtbahn auch ganz ausfallende Fahrten als mehr als zehn Minuten verspätet in die Zahlen ein.

„Ein Zugausfall kann unterschiedliche Gründe haben. Fehlendes Fahrerpersonal ist nur mit einem kleineren Anteil die Ursache“, sagt der SSB-Chef. 99 Prozent der versprochenen Züge habe die SSB im vergangenen Jahr tatsächlich gefahren. Nur 0,7 Prozent der Fahrten seien gestrichen worden. Fehlende Fahrer seien lediglich für 0,1 Prozent die Ursache. Verkehrsunfälle, bei denen etwa Autos die Gleise blockieren, seien die häufigste Ursache, wenn Züge ausfallen oder verspätet sind.

Probleme durch die Deutsche Bahn

Die kritische Phase im vergangenen Jahr sei vor allem auf eine ungeplante, übergroße Beanspruchung durch von der Bahn sehr kurzfristig angekündigte Bauarbeiten zurückzuführen. Die SSB versuchten, mit zusätzlichen Verkehren einen Ausgleich zu schaffen – doch dann wurde die eigene Lage so angespannt, dass man die Notbremse zog.

Im weiteren Jahresverlauf waren die Gegenmaßnahmen unauffälliger. Die Ergänzungslinie U 34 wurde zum Beispiel zwei Monate früher als geplant eingestellt. Auch Veränderungen im Liniennetz zum Fahrplanwechsel im Dezember reduzierten den Bedarf an Fahrern. Negative Effekte wie das Ende der direkten Anbindung der Wilhelma an den Hauptbahnhof nahm man dabei in Kauf.

EM soll Bahnen nicht aus dem Takt bringen

In diesem Jahr sollen selbst die zusätzlichen Anforderungen während der Fußball-Europameisterschaft im Sommer die SSB nicht aus dem Takt bringen. Obwohl der EM-Fahrplan im Detail noch nicht feststeht, kündigt Moser an, das Ganze ohne Urlaubssperren stemmen zu wollen: „Wir setzen auf das freiwillige Engagement unserer Fahrer.“

Er räumt ein, dass die bisher immer vorhandene Bereitschaft zu Mehrarbeit im vergangenen Jahr strapaziert wurde. Er gehe aber fest davon aus, dass die Belegschaft bei den zusätzlichen Anforderungen wieder mitziehe.

Viele Fahrerinnen und Fahrer gehen in den Ruhestand

Auch für eine anstehende Welle an Ruheständlern sei man gewappnet. Etwa dadurch, dass die aktuell auf etwa 100 Fahrer-Ausbildungsplätze im Jahr begrenzte Kapazität um etwa ein Viertel aufgestockt werde.

Den Plan, wie man binnen zehn Jahren die notwendigen tausend Stellen besetzen will, gab es schon vor der Krise im Sommer. Er sieht auch die Ausbildung von zusätzlichen Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern vor. Während etwa mittelständische Busunternehmen schwer um den Fahrernachwuchs kämpfen, kann die SSB mit zusätzlichen Sozialleistungen oder etwa Mitarbeiterwohnungen werben. Man könne deshalb bei den Anforderungen etwa an die Sprachkenntnisse anspruchsvoll bleiben. Die ausgebildeten Fahrerinnen und Fahrer blieben dann auch bis auf Einzelfälle bei der Stange.

Lieber Freizeit als Überstundenzuschlag

Doch vergangene Überstunden schlagen aktuell heftig zu Buche. Fahrerinnen und Fahrer dürfen so prall gefüllte Langzeitkonten haben, dass sie Monate, ja Jahre vor dem offiziellen Rentenbeginn schon zu arbeiten aufhören. „Das ist teilweise so, und wir stellen uns in der jährlichen Personalplanung darauf ein“, sagt Moser.

Doch die Herausforderungen bleiben: Zusätzlich zu einer aktuellen Welle an Ruheständlern, wollen immer mehr Mitarbeiter Teilzeit arbeiten. Generell wird der Wert der Freizeit wichtiger, der Reiz von Überstundenzuschlägen geringer.

SSB-Chef verspricht 2024 hohen Standard

Moser räumt ein, dass das Fahrerpotenzial in den kommenden Jahren schwierig einzuschätzen ist. Doch der SSB-Chef, den die Imagedelle seiner Firma im vergangenen Sommer sichtlich angekratzt hat, wagt ein großes Versprechen: „Wir haben den Anspruch, in Stuttgart unseren hohen Standard der Zuverlässigkeit zu halten, auch während der Wochen der Europameisterschaft. Daran lasse ich mich messen.“

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