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Naturkatastrophen Keine Angst, wir wissen Bescheid

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Früher haben Menschen bei Katastrophen nach göttlichen Gründen gesucht. Heute erklären wir alles mit natürlichen Ursachen. Wir reden uns sogar ein, wir hätten das Heft in der Hand. Dabei verlangt ehrgeiziger Klimaschutz unpopuläre Maßnahmen und viel Geld – sagt der Weltklimarat.

Der Künstler Ólafur Elíasson hat Brucheis aus einem grönländischen Fjord gefischt und vor dem Rathaus in Kopenhagen im Kreis aufgestellt: ein schmelzendes Symbol einer Uhr ohne Zeiger. In Kopenhagen hat in der vergangenen Woche der Weltklimarat getagt. Foto: Group Greenland 4 Bilder
Der Künstler Ólafur Elíasson hat Brucheis aus einem grönländischen Fjord gefischt und vor dem Rathaus in Kopenhagen im Kreis aufgestellt: ein schmelzendes Symbol einer Uhr ohne Zeiger. In Kopenhagen hat in der vergangenen Woche der Weltklimarat getagt. Foto: Group Greenland

Stuttgart - Die Hexenverfolgung hat auch im Mittelalter manche Frage aufgeworfen. Der Jurist Ulrich Molitor aus Konstanz hat zum Beispiel gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein kleines Buch herausgegeben, in dem er Theorien der Hexerei kritisch diskutierte. Es handle sich zwar schon um Frauen, die vom Glauben abgefallen seien, schrieb er. Gegen Hinrichtungen hatte er daher nichts einzuwenden. Aber zu viele magische Kräfte gestand er den Hexen nicht zu. In Gottes Reich auf Erden nach Lust und Laune das Wetter verändern – diese theoretische Möglichkeit verwarf Ulrich Molitor zum Beispiel. Sein Buch „Von den Unholden oder Hexen“ (im Original natürlich auf Latein: „Tractatus de laniis et phitonicis mulieribus“), das sich übrigens sehr gut verkaufte, ist derzeit in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen.

Die Mannheimer Ausstellung zeigt, wie Menschen in der Vergangenheit mit Katastrophen umgegangen sind: also auch mit Fluten und Dürren, die als Strafe Gottes oder als Sabotage dunkler Mächte verstanden werden konnten. Ulrich Molitor ist ein Beispiel dafür, dass nicht alle leichtfertig an solche überweltlichen Erklärungen glaubten. Heute liegen die Dinge natürlich anders: Wir wissen, dass Menschen das Klima verändern, aber wir ziehen niemanden persönlich zur Verantwortung, auch wenn wir manchmal von Klimasündern sprechen.

Im letzten Raum der Mannheimer Ausstellung geht es um den Klimawandel als kommende Katastrophe. Eine Bilderserie zeigt den Rückzug eines Alpengletschers, eine Wandtafel fragt, ob der beste Wein der Welt auch in Norwegen wachsen könnte. Was sagt das über unseren Umgang mit Katastrophen heute? Es zeigt, dass wir alles einordnen und Wert darauf legen, dass wir die Mechanismen kennen. Auch die vergangenen Ereignisse von Pompeji bis Fukushima, die in der Ausstellung thematisiert werden, können wir heute gut erklären (hier die StZ-Rezension zur Eröffnung). Aber der Klimawandel ist eine Katastrophe anderen Typs: Er muss nicht als Erinnerung verarbeitet werden, vielmehr steht er noch bevor. Wir bräuchten einen anderen Umgang, doch der ist schwer zu erkennen.

Ist es fünf vor zwölf oder hat die Stunde schon geschlagen?

Am Sonntag hat der Weltklimarat IPCC in Kopenhagen eine abschließende Zusammenfassung seines neuen Berichts präsentiert. Dass es fünf vor zwölf sei, ist zwar eine abgenutzte Metapher, aber in diesem Fall scheint sie zur Botschaft des IPCC zu passen (hier mein Bericht vom Sonntag): Es gibt ein politisches Ziel der Vereinten Nationen, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, es ist klar, dass die politischen Ergebnisse dafür nicht genügen, und es sind nur noch wenige Jahre, in denen man gegensteuern könnte. Die drohenden Naturkatastrophen liegen zwar weiterhin in ferner Zukunft, aber die ersten politischen Entscheidungen sprechen schon direkt gegen das Zwei-Grad-Ziel. Die Selbstverpflichtungen der Länder, die den Vereinten Nationen gemeldet wurden, reichen nicht aus, stellt der IPCC fest.

Deutschland droht sein eigenes Ziel zu verfehlen, im Jahr 2020 um 40 Prozent unter den CO2-Emissionen des Jahres 1990 zu liegen. Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat am Montag als Reaktion auf den IPCC-Bericht bloß ein Forschungsprogramm zugesagt. Und die EU will erst im Jahr 2030 um 40 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. Der Beschluss liegt nur wenige Tage zurück. Würden Deutschland und die EU ihre Ziele erreichen, lägen sie 20 bis 25 Prozent unter dem heutigen Niveau. Bis 2050, so der IPCC, müssten sie dann ein Minus von 40 bis 70 Prozent erreichen. Und das gilt nur für den Fall, dass die Lasten des Klimaschutzes weltweit gleich verteilt werden – eine politisch unrealistische Option, da die Entwicklungsländer die Industriestaaten an ihre Verantwortung für den bisherigen CO2-Ausstoß erinnern werden.

Ist es womöglich schon nach zwölf? Diese Metapher hat ausgedient, da es keinen Point of no return gibt. Es geht vielmehr um die Frage, welche Maßnahmen man einsetzen will und wie viel die kosten werden. Die Wege, die der Weltklimarat zeichnet, um unterhalb der Marke von zwei Grad zu bleiben, enthalten umstrittene Elemente: So kommen viele Szenarien nicht ohne das Speichern von Kohlendioxid im Untergrund, die CCS-Technologie, aus. Und auch die Atomkraft spielt in einigen Szenarien eine wichtige Rolle. Aber, das hebt der Weltklimarat hervor: Die Maßnahmen seien bezahlbar oder zumindest klein im Vergleich zu den drohenden Schäden durch den Klimawandel (hier die Pressemitteilung des IPCC). Nur auf 0,06 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum müsse man jedes Jahr verzichten. „Klimaschutz kostet nicht die Welt“, titelt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Billig wird Klimaschutz nur im Idealfall

Dem Ökonomen Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung geht der Zweckoptimismus des Weltklimarats auf die Nerven. Denn der Bericht enthält eigentlich eine Reihe von eher unrealistischen Bedingungen, die das Kostenrisiko höher erscheinen lassen. Auf die Reduktion von 0,06 Prozentpunkten kommt der IPCC nur, wenn in den Zukunftsszenarien alle verfügbaren Technologien eingesetzt werden – also auch Atomkraft und CO2-Speicherung – und wenn alle Staaten der Welt sofort ihren CO2-Ausstoß verringern. Grundlage dafür müsste ein weltweit geltender Preis für CO2-Emissionen sein, der Klimaschutz für alle finanziell attraktiv macht. Der Ökonom Richard Tol zeigte sich im Frühjahr skeptisch, denn schon heute gebe es fünf Systeme zum Handel mit Emissionsrechten und eine Vielfalt an Steuer- und Subventionsmodellen. Der Weltklimarat spricht auch nur von einer Benchmark, also einer Vergleichsgröße, an der sich tatsächliche politische Maßnahmen messen lassen.

Die Prognosen des IPCC werden immer als Spanne angegeben: Die Reduktion von 0,06 Prozentpunkten ist der Mittelwert der Computermodelle. Reimund Schwarze weist darauf hin, dass der obere Wert der Spanne seit dem letzten Weltklimabericht im Jahr 2007 gestiegen sei. Das Kostenrisiko werde also höher eingeschätzt als damals. Außerdem würden sich die Kosten laut aktuellem IPCC-Bericht mehr als verdoppeln, wenn man auf die CO2-Speicherung verzichtet. Wartet man mit zusätzlichen Maßnahmen zum Klimaschutz bis zum Jahr 2030 kommen noch einmal rund 40 Prozent hinzu. (Diese Zahlen stammen aus der Tabelle SPM.2 der Zusammenfassung des Syntheseberichts des IPCC.) „Das Problem ist also nicht leichter geworden“, sagt Reimund Schwarze, „weil wir zehn Jahre für den Klimaschutz verschenkt haben.“