Neue Abfallregeln in Ludwigsburg Landkreis überprüft künftig Biomülltonnen auf Inhalt

Von Julian Illi 

In den Biotonnen landen zu viele Plastikbeutel und Zigarettenschachteln, weshalb das Landratsamt vom Winter an die braunen Behälter kontrolliert: Wer nicht sauber trennt, muss nachzahlen. Doch es gibt einen großen Haken bei der Sache.

Im Kreis  Ludwigsburg wird der Inhalt von Biotonnen künftig von der AVL  geprüft. Foto: dpa
Im Kreis Ludwigsburg wird der Inhalt von Biotonnen künftig von der AVL geprüft. Foto: dpa

Ludwigsburg - Ludwigsburger, die im nächsten Winter, sagen wir kurz vor Weihnachten, frühmorgens aus dem Fenster blicken, könnten sich wundern: über Gestalten, die von Haus zu Haus ziehen, den Deckel der braunen Mülltonnen heben, womöglich gar in der Tonne wühlen und schließlich einen bunten Aufkleber an dem Behälter anbringen. Statt sich zu wundern, sollten sich die Ludwigsburger eher an den Anblick gewöhnen: Denn vom Jahresende an werden ihre Biotonnen regelmäßig kontrolliert.

Der Grund dafür: Die Qualität dessen, was in den braunen Tonnen landet, soll besser werden. Das hat der Aufsichtsrat der kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft, kurz AVL, unlängst beschlossen. Wie eine Analyse aus dem Jahr 2017 ergeben hat, landet zu viel Material, das überhaupt nicht bio ist, in den Biotonnen: Plastiktüten vor allem, aber auch Glas, Zigarettenschachteln oder Windeln.

Künftig wird der Biomüll aus Ludwigsburg vergärt

Das ist nicht nur für die AVL ein Problem, sondern für alle. Denn aus dem Biogut wird im besten Fall Kompost gewonnen, der dann auf den Feldern landet. Plastikschnipsel machen sich zwischen Weizen und Salat aber gar nicht gut auf dem Acker. Und auch Vergärungsanlagen, die aus Biomüll Strom oder Wärme produzieren, mögen keinen Kunststoff.

Zwar filtern die Entsorgungsunternehmen einen Großteils des Plastiks heraus, alle Fremdstoffe erwischen die Maschinen allerdings nicht.

Im gesamten Biomüll des Kreises finden sich derzeit 2,7 Prozent sogenannte Störstoffe. Was sich unspektakulär anhört, ist eine ganze Menge: Rund 840 Tonnen sortieren die Maschinen pro Jahr aus. Damit diese Menge deutlich sinkt, will die AVL künftig die Tonnen vor der Leerung prüfen.

Metalldetektoren an den Müllautos

Geplant ist, dass zwei Mitarbeiter eigens eingestellt werden, die flächendeckend über zwei Jahre hinweg die ungefähr 111 000 Biotonnen im Kreis kontrollieren. Finden sie in einer Tonne zu viel Material, das nicht hineingehört, kleben sie eine rote Karte auf den Behälter. Die Tonne wird dann zunächst nicht abgeholt, sondern erst bei der nächsten Restmüll-Leerung – und der Hausbesitzer bekommt dafür eine Extra-Rechnung. „Wir setzen auf eine Mischung aus Information und Sanktion“, sagt Markus Klohr, der Sprecher des Landratsamts. Es sei zu erwarten, dass die gesetzlichen Grenzwerte für Störstoffe im Biomüll in Zukunft strenger würden – deshalb müsse der Anteil gesenkt werden. Neben den Kontrollen will die AVL eine Infokampagne mit Flyern, Plakaten und Ständen in Supermärkten starten.

Ähnliches hat der Rems-Murr-Kreis bereits 2012 gemacht, wie Stefanie Baudy sagt, die Sprecherin der Abfallwirtschaft Rems-Murr AWRM. Damals wurden die Tonnen über sieben Monate hinweg kontrolliert, seither gibt es keine regelmäßigen Inspektionen mehr. Ungeprüft bleibt der Biomüll in Waiblingen und Fellbach trotzdem nicht: Einige Sammelfahrzeuge seien mit Metalldetektoren ausgestattet, erklärt Baudy, die nicht nur Eisenstangen in der braunen Tonne erkennen, sondern auch bei metallhaltigen Farben oder Isoliertaschen mit Alu-Beschichtung anschlagen würden. Ähnliche Fahrzeuge sind im Kreis Böblingen unterwegs.

Keine Biotonne im Kreis Göppingen

Manfred Kopp, der die Geschäfte des Esslinger Abfallwirtschaftsbetriebs führt, bereiten die Störstoffe im Biomüll kein Kopfzerbrechen. Der Anteil sei „nicht besorgniserregend“. Kontrollen gebe es daher nicht, aber wenn Mitarbeiter, die die Tonnen leeren, grobe Verstöße bemerken würden, dann bleibe der braune Behälter auch in Esslingen stehen.

Vor ganz anderen Herausforderungen steht der Betriebsleiter der Abfallwirtschaft in Göppingen, Dirk Hausmann. Denn zwischen Ebersbach und Geislingen an der Steige gibt es gar keine Biotonne. Alles, was in der Küche anfällt, wird in kleinen Beuteln gesammelt, die dann abgeholt werden. Rasen und Grünschnitt aus dem Garten müssen die Bürger zu 25 Abgabestellen fahren, die im Kreis verteilt sind. Der Nachteil des Systems: Es wird deutlich weniger Bioabfall eingesammelt, als möglich wäre – denn die Beutel sind freiwillig und kosten die Göppinger extra. Der Vorteil: Wer den Beutel nutzt, stopft kein Plastik oder andere Fremdstoffe rein. „Kontrollen sind deshalb unnötig“, sagt Hausmann. Ohnehin seien die Beutel so klein, dass man kaum anderes als Küchenabfälle darin entsorgen könne.

Der Fantasie der Ludwigsburger scheinen in diesem Punkt keine Grenzen gesetzt: Sogar Teichfolie und Bauschutt landete dort schon in der Biotonne. Vor allem in großen Wohnanlagen funktioniere die soziale Kontrolle kaum, sagt Markus Klohr – weshalb in städtischen Gebieten der meiste verbotene Müll in der Biotonne landet. Das lässt sich auch mit den neu beschlossenen Kontrollen kaum in den Griff bekommen – im Gegenteil: Genau dort, wo das Phänomen der illegalen Entsorgung besonders stark ist, sind die Sanktionen besonders schwierig. Denn die Rechnung für die zusätzlichen Leerungen geht an die Hausgemeinschaften, nicht an einzelne Mieter. In einer großen Wohnanlage würden also alle die Zeche für wenige Müllsünder zahlen. „Da haben wir noch keine ganz schlüssige Lösung“, gibt Klohr zu. Die AVL will deshalb demnächst „,neue Ansatzpunkte erproben“.

Dem Aufsichtsrat waren die Kosten zu hoch

Die Kosten für die Biomüll-Kampagne sind nicht zu unterschätzen: Ursprünglich wollte die AVL vier Kontrolleure für zwei Jahre einstellen und rechnete mit Gesamtkosten für das Projekt von knapp 400 000 Euro pro Jahr. Genehmigt hat der Aufsichtsrat nun zwei Kontrolleure.

Mut machen dürften dabei die Erfahrungen des Bodenseekreises. Der hat im Sommer 2017 ebenfalls flächendeckend den Inhalt von Biotonnen prüfen lassen – mit gutem Ergebnis: „Die Qualität des Bioabfalls ist spürbar besser geworden“, sagt der Sprecher des Friedrichshafener Landratsamts, Robert Schwarz. „Doch man muss die Bürger immer wieder auf das Thema hinweisen.“