Seine Suppe isst Hiroyuki Kurosu immer auf. So machen es die Japaner. „Wir schlürfen und schmatzen dabei“, sagt er und lacht. Denn Ramen ist in seiner Heimat nicht irgendein Gericht, es sei Soulfood, erklärt er, Seelenfutter, die Lieblingsspeise der Nation. Und sein Traum war es schon lange, „echtes, authentisches Ramen in Deutschland zu verbreiten“. Nun hat er ihn mit seinem Geschäftspartner Takehiro Suzuki verwirklicht: Earth Tokyo heißt ihre Ramen-Kette, mit der sie in Stuttgart jetzt den Anfang machen, weil die Zahl der Suppenküchen hier noch überschaubar sei. Der neue Soy Club im Westen ist in der Stadt bislang sogar einzigartig – mit seiner asiatisch-veganen Speisekarte. „Aus Spaß wurde ernst“, sagen Ha Nguyen und Hanh Vu, die mit ihrer Freundin Tram Tu das Lokal am Mittwoch, 12. Juli, eröffnen.
Lachs-Tatar und frittierte Garnelen im Soy Club
Das vegane Lachs -Tatar ist das Highlight im Soy Club, mit Avocado, Limette und Sesam verfeinert. Es gibt frittierte Garnelen mit süßsaurer Chilisoße, ohne Garnelenfleisch natürlich, oder Boa Buns, die mit Mango, Gurke und Soja-Patty belegt sind. Salate aus Mango oder Seetang bieten die drei Junggastronominnen an, die mit Gemüse gefüllten Teigtaschen Gyoza und Tofu-Reis-Sticks mit Chili-Himbeer-Soße. Monatelang tüftelten sie an den Rezepten, der Freund von Ha Nguyen half mit, er ist Koch, ihr Bruder hat ein Restaurant in Hamburg, und Hanh Vus Eltern betreiben eines in Hanoi. In Stuttgart arbeiten ein paar Verwandte in der Küche mit. „Es liegt in der Familie“, sagt Ha Nguyen über ihren Einstieg in die Gastronomie. Die 27-Jährige und ihre ein Jahr älteren Geschäftspartnerinnen stammen aus Vietnam, sie kam fürs Studium nach Deutschland, arbeitete nebenher immer in Restaurants. Irgendwann kreuzten sich die Wege der drei, erst witzelten sie immer darüber, ein eigenes Lokal eröffnen zu wollen – bis sie auf die Räume im neuen Olgaareal an der Ecke zwischen Schloss- und Hasenbergstraße stießen.
In der Pagode als Kind schon vegan gegessen
Als kleines Kind verbrachte Ha Nguyen oft Zeit bei der Schwester ihrer Großmutter in der Pagode. Und die Nonnen dort ernährten sich rein vegan. „Viele denken, ohne Fleisch und Fisch ist das Essen langweilig“, sagt sie, „aber vegan ist nicht nur Gemüse und Salat.“ Weil die Ernährungsweise bei jungen Menschen im Trend liegt, weil sich in Stuttgart anders als in anderen Großstädten noch kein asiatisches Restaurant auf dieses Konzept konzentriert hat, setzten sie ihren Traum um. „Vegan ist nicht langweilig“, sagt Hanh Vu. In Form von Tapas werden im Soy Club die meisten Gerichte gereicht, damit die Gäste alles probieren und teilen können. Die passenden Rezepte haben sie sich nicht nur in ihrem Herkunftsland, sondern in ganz Asien zusammengesucht. Auch thailändisches Curry oder japanische Sushi gehören zur Auswahl. Detox-Wasser, eigene Limonaden und vietnamesischen Eiscafé kreieren sie außerdem. „Jeder wird bei uns im Soy Club fündig werden“, ist sich Hanh Vu sicher.
In Japan mehr Ramen- als Sushi-Restaurants
Seit Hiroyuki Kurosu vor fast 25 Jahren als Investmentbanker nach Frankfurt kam, herrscht für ihn hier verkehrte Welt: „Es gibt mehr Ramen- als Sushi-Restaurants in Japan“, erklärt der 49-Jährige. Er will die Erfolgsgeschichte der Reishäppchen nun mit der Nudelsuppe wiederholen. Außerdem stört ihn, dass hierzulande kaum Japaner die Küche seiner Heimat vermarkten. Takehiro Suzuki, der in Frankfurt zwei Restaurants und in Stuttgart den Ableger B-Gourmet betreibt, wo er Rice Bowls und japanische Currys serviert, ist bei Earth Tokyo für die Küche zuständig. Sechs bis acht Stunden kocht die Brühe für seine Ramen, die es in den Varianten Miso und Shoyu, mit und ohne Fleisch und vegan gibt. Die Nudeln werden beim Kochen gerührt und geschüttelt, erst in der Schüssel kommen die Zutaten zusammen, Sojasprossen, eingelegte Eier, Algen oder Rauchzwiebeln werden darauf getürmt.
Earth Tokyo bei mehreren Probeessen getestet
Bei mehreren Probeessen testeten Hiroyuki Kurosu und Takehiro Suzuki ihr Konzept, spätestens Mitte Juli wollen sie loslegen. Earth Tokyo nannten sie ihr Unternehmen, weil die Zutaten von der Erde kommen und der Name der Hauptstadt international gut klingt. Da sich ihr Lokal im Untergeschoss der Calwer Passage am Rotebühlplatz befindet, können sich die Gäste ein wenig wie in der Shinjuku-Station fühlen. Stuttgart ist für den Geschäftsmann der beste Markt, weil wenig Konkurrenz, aber eine starke Nachfrage durch „weltoffene, neugierige und reiche Verbraucher“ vorhanden sei. Mit Konnichiwa werden sie begrüßt, immer wieder klingt Sumimasen oder Arrigato durchs Lokal. „Durch japanischen Kundenservice und Ramen wollen wir die Welt zu einem besseren Ort machen“, sagt Hiroyuki Kurosu. Das Soulfood seiner Heimat macht seiner Meinung nach schließlich einfach glücklich.