Neue Trigema-Geschäftsführung Bonita Grupp will weiter auf der Alb produzieren

Verantwortet die Bereiche E-Commerce, Marketing und Personal: Bonita Grupp Foto: Michael Sautter/Michael Sautter

Bonita Grupp rückt zum Jahreswechsel in die Geschäftsführung des Burladinger Textilherstellers Trigema auf. Wo sie die größten Herausforderungen sieht, und ob sie Sorge hat, nicht aus dem Schatten ihres Vaters Wolfgang Grupp treten zu können.

Chefredaktion: Anne Guhlich (agu)

Die Nachfolgeregelung für den Burladinger Textilhersteller Trigema ist geklärt: Der 81-jährige Patriarch Wolfgang Grupp übergibt die Firma am 1. Januar nach 54 Jahren als persönlich haftender Inhaber und Geschäftsführer an seine Frau Elisabeth, seine Tochter Bonita und seinen Sohn Wolfgang junior.

 

Wolfgang Grupp junior (32) wird persönlich haftender Gesellschafter und Geschäftsführer. Seine Schwester Bonita Grupp (34) wird Mitglied der Geschäftsführung. Elisabeth Grupp bleibt als Gesellschafterin weiterhin im Unternehmen tätig.

„Ich habe Demut vor der Aufgabe“, sagt Bonita Grupp. „Es ist herausfordernd, mit Anfang 30 in der Geschäftsführung eines Unternehmens mit 1200 Mitarbeitern zu sein.“ Die größte Herausforderung sieht sie darin, das Unternehmen auch in Zukunft am Produktionsstandort Burladingen auf der Schwäbischen Alb zu halten. „Wir sind ja nicht gerade in einer Zukunftsbranche tätig“, sagt Bonita Grupp. Tatsächlich ist Trigema heute der einzige Textilhersteller, der noch komplett in Deutschland produziert. „Das wollen wir so fortführen“, sagt sie. Das zähle zu den Familienwerten genauso wie die lebenslange Arbeitsplatzgarantie für die Beschäftigten und später auch deren Kinder. „Mir ist es wichtig, dass wir die Werte, die wir bisher im Unternehmen gelebt haben, auch weiterführen.“

Wolfgang Grupp Sr. steht Bonita Grupp und Wolfgang Grupp Jr. zur Seite

Sie fühlt sich dabei nicht auf sich allein gestellt. „Mein Vater steht uns auch nach dem Führungswechsel mit seiner Lebenserfahrung als Berater zur Seite.“ Dass sich der Patriarch in Zukunft zu sehr in ihre Belange einmischen könnte, befürchtet sie nicht. „Er lässt meinen Bruder und mich schon jetzt völlig eingeständig arbeiten“, sagt sie. Bislang leitet Bonita die Bereiche Onlinehandel, Marketing und Personal. Diese Bereiche wird sie auch in Zukunft verantworten. Wolfgang junior verantwortet die Geschäftskunden und IT-Projekte, er wird die Gesamtverantwortung für den Geschäftsbetrieb übernehmen.

Große Investitionen und Entscheidungen diskutieren die Kinder innerhalb der Familie. „Aber darüber hinaus haben wir viele Freiheiten.“ Das liegt auch daran, dass der Vater und die Tochter unterschiedliche Themen vorantreiben: „Mein Vater hat in seinem Leben noch nie eine Onlinebestellung getätigt, insofern ist das Internet auch einfach nicht sein Spezialgebiet.“ Vor Corona lag der Umsatzanteil des E-Commerce bei 15 Prozent und ist mittlerweile auf 40 Prozent angestiegen. Der Gesamtumsatz lag 2022 bei 127 Millionen Euro. Zum Ergebnis schweigt das Familienunternehmen.

In der Öffentlichkeit fällt der 81-jährige Wolfgang Grupp immer wieder durch umstrittene Äußerungen auf – auch zum Thema Rollenbilder oder über den Trigema-Betriebsrat. „Die Männer sind zuständig für das Einkommen, für die Arbeit (. . .), und die Mütter sind verantwortlich für die Kinder“, hatte Grupp beispielsweise im Sommer in einem Podcast gesagt. „So war die Rollenverteilung früher, und da hat die Familie noch funktioniert.“ Wenn heute die Frauen die Jobs wollten, und die Männer sollten den Haushalt machen, dann sei die Welt verkehrt geworden.

Bonita Grupp teilt nicht das Rollenverständnis von Wolfgang Grupp

Bonita Grupp macht indessen nicht den Eindruck, dass sie sich in Zukunft vom Arbeiten abhalten lassen will. „Insbesondere dann nicht, wenn mein Bruder und ich in der Geschäftsführung sind und wir dann noch einmal mehr Verantwortung tragen.“ Sie arbeitet gerne: „Ich werde im Urlaub immer irgendwann unruhig und will wieder etwas tun.“ Im Übrigen sei ihre Mutter selbst auch keine Hausfrau gewesen: „Meine Mutter ist schon seit 35 Jahren im Unternehmen tätig, und sie hat auch gearbeitet, als mein Bruder und ich noch klein waren.“ Bei Trigema ist der Frauenanteil sehr hoch, mehr als 70 Prozent der Führungspositionen sind mit Frauen besetzt. „Ich denke nicht, dass das so wäre, wenn mein Vater im Arbeitsalltag so auftreten würde, wie es seine Äußerungen manchmal vermuten lassen.“

Neben den Rollenbildern verändert sich auch das Führungsverständnis über die Generationen. „Mein Vater führt garantiert anders als mein Großvater, und so werden auch wir anders führen als unser Vater.“ Bonita Grupp will sich als Chefin nicht im Klein-Klein verlieren: „Ich bin niemand, der Mikromanagement betreibt. Mir ist es wichtig, dass mein Team eigenständig arbeiten kann und eigene Ideen entwickelt. Ich vertraue meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und will nicht das Gefühl haben, dass ich jeder Aufgabe nachgehen muss, damit sie erledigt wird.“

Die größten Sorgen bereitet ihr derzeit, wie sich die Konjunktur und die Kaufkraft der Menschen entwickeln. „Unsere Produkte kauft man sich nur, wenn man sie sich leisten kann. Bei Kleidung wird oft am meisten gespart.“ Auch die hohen Energiekosten machen dem Textilhersteller zu schaffen. „Vor allem aber treibt uns der Fachkräftemangel um“, so Grupp. Das Unternehmen beschäftigt 700 Näherinnen und Näher und steht vor der Herausforderung, die Lücke zu schließen, die entsteht, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. „Wir sind gerade dabei, über Agenturen zukünftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Herren Länder anzuwerben.“

Gute Erfahrungen mit Geflüchteten bei Trigema

Insgesamt beschäftigt Trigema Menschen aus mehr als 40 Nationen. Seit 2015 hat das Unternehmen vermehrt Geflüchtete eingestellt. „Die Nachwuchsnäher aus Deutschland müssen wir in der Regel erst anlernen, wohingegen die Arbeitskräfte aus dem Ausland den Beruf oft noch richtig erlernt haben. Aleppo in Syrien beispielsweise war eine bedeutende Textilregion.“

Trigema beschäftigt Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und aus afrikanischen Staaten wie Eritrea oder Gambia. Die Zusammenarbeit funktioniere gut. „Wir haben Deutschkurse angeboten und Familien nachgeholt.“ Auch als seit Februar 2022 vermehrt Ukrainerinnen ins Unternehmen kamen, dort bisher aber nur Menschen mit russischen Wurzeln tätig waren, ist die Stimmung nicht gekippt.

Es sei wichtig, dass die Familie für die Beschäftigten nahbar sei und für alle Probleme ein offenes Ohr habe, sagt Bonita Grupp. Auf diese Weise wollen sie und ihr Bruder das Unternehmen in vierter Generation führen „und dann hoffentlich an die nächste Generation übergeben“.

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