Olympia 2018 Der Abschied der Claudia Pechstein

Von Jürgen Kemmner 

Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, mittlerweile 46 Jahre alt, landet im Massenstartrennen nur auf Rang 13 unter den 16 Finalistinnen. War das der letzte Olympia-Start der siebenmaligen Winterspiele-Teilnehmerin?

Hier liegt Claudia Pechstein (vorne rechts) gut im Rennen, doch sie fällt zurück. Foto: dpa
Hier liegt Claudia Pechstein (vorne rechts) gut im Rennen, doch sie fällt zurück. Foto: dpa

Pyeongchang - Unscheinbar. Unspektakulär. Unerfolgreich. Der letzte Auftritt von Claudia Pechstein im Ice Oval von Gangneung war keiner, an den sich die Sportwelt groß erinnern wird. Als die Berlinerin auf der Zielgeraden den Schlussspurt anzog, waren die Besten bereits über die Linie gesaust. Platz 13 im neuen Wettbewerb Massenstart war für die in die Jahre gekommene Grande Dame dieses Sports nur noch möglich, bei 16 Starertinnen im Finale – am 22. Februar war sie 46 Jahre alt geworden. „Es war mein Ziel, ins Finale zu kommen“, sagte Claudia Pechstein in ihrer typischen emotionslosen Tonlage, „das habe ich erreicht, und ich bin stolz darauf.“

Sie hatte versucht, den Lauf über 6400 Meter mitzugestalten, das gelang ihr lediglich in der Anfangsphase. Als die Taktik ein Ende hatte und es auf Tempohärte ankam, riss eine Lücke. „Es ist mir nicht ganz gelungen, den Anschluss zu halten“, sagte die siebenmalige Olympia-Teilnehmerin. Als WM-Elfte von 2017 hatte Pechstein zwar nicht zu den Favoritinnen gezählt, auch wenn ihr im Dezember in Calgary ein überraschender Weltcup-Erfolg gelungen war. Gold ersprintete sich Nana Takagi aus Japan vor der Südkoreanerin Kim Bo-reum und der Niederländerin Irene Schouten. Alle drei Medaillengewinnerinnen waren mit jeweils 25 Jahren fast halb so alt wie die Deutsche, die im Feld der jungen Frauen fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit wirkte. Pechstein hatte bereits vor dem Rennen, das neu im Programm ist, den Wettbewerb als „Lotterie“ bezeichnet.

Das Massenstartrennen feiert eine gelungene Olympia-Premiere

Andere Zeiten, neue Sitten. Die Eisschnelllauf-Fans lieben Rennen, die den Reiz des Unerwartbaren verströmen, die nicht kalkulierbar sind wie ein 5000- oder 10 000-Meter-Lauf, die spektakulärer sind als eintöniges Rundendrehen. Gerade die Marathondistanzen waren nach Sotschi 2014 in die Kritik geraten, weil sie außerhalb der Hochburg Niederlande auf immer größeres Desinteresse bei den TV-Sendern sowie den übrigen Medien gestoßen waren. „Massenstartrennen“, forderte Ottavio Cinquanta, der damalige Präsident der Internationalen Eislauf-Union (ISU), „das direkte Aufeinandertreffen der Läufer sowie eine Teamtaktik könnte die Veranstaltungen spannender machen.“ Der Italiener stand nicht alleine. „Die Attraktivität des Eisschnelllaufs hat fürchterlich gelitten. Wenn nicht Revolutionierendes gelingt, wird sich der Zuschauerschwund fortsetzen und vieles den Bach runtergehen“, betonte der ehemalige Bundestrainer Stephan Gneupel. Die Revolution gelang, der Massenstart wurde 2018 olympisch.

Nun wäre es nicht ganz gerecht, die Akzeptanz alleine an der Premiere festzumachen, denn die war absolut großartig, das Ice Oval war bis auf den letzten Platz besetzt – was freilich hauptsächlich daran lag, dass die Gastgeber auf Eis stets zu den Medaillenfavoriten zählen. 8000 Zuschauer schufen eine stimmgewaltige Atmosphäre, als bei den Frauen Kim Bo-reum Silber gewann, und die Vehemenz der Anfeuerung steigerte sich noch einmal, als Lee Seung-hoon bei den Männern sich sogar Gold sicherte. Doch unabhängig davon ist diese Disziplin eine, die dem Eisschnelllauf gut zu Gesicht steht – schließlich hat sich auch der Ski-Langlauf revolutioniert, nachdem sich die Wettbewerbe besonders dadurch auszeichneten, dass nur noch Fachleute, Verbandsmitarbeiter und Familienangehörige der Starter in den Publikumsrängen saßen. So wurde der Sprint mit K.-o.-Rennen erfunden.

In Peking 2022 wäre Claudia Pechstein 50 Jahre alt

Zurück aufs Eis. Für Claudia Pechstein waren ihre siebten Spiele keine, in denen sie international für Furore gesorgt hätte, und auch ihre eigenen Ziele hat sie deutlich verfehlt. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Gewinn von 5000-Meter-Bronze in Albertville 1992, bei ihrem Olympia-Debüt, hatte die fünfmalige Olympiasiegerin in Südkorea ihre zehnte Medaille anvisiert. Doch sowohl über 3000 Meter (9.) als auch über ihre Paradestrecke 5000 Meter (8.) sowie in der Teamverfolgung (6.) und nun im Massenstart (13.) verfehlte sie das Podest ziemlich deutlich.

Eigentlich wollte sie ihre „Wut über die 5000 Meter in Leistung im Massenstart“ umsetzen. Doch die neue Generation hatte da einiges dagegen – und besaß die deutlich besseren Waffen. Womöglich war der Start im neuen Wettbewerb der letzte Olympia-Auftritt der alten Dame. Zwar betonte die Berlinerin in Pyeongchang mit Nachdruck, bis 2022 in Peking der Szene erhalten zu bleiben. Doch Claudia Pechstein weiß so gut wie alle Sportfans: Mit 50 Jahren wird es nicht einfacher als mit 46, eine Olympia-Medaille zu gewinnen.