Plattenläden in Stuttgart Dealer für Vinyl-Junkies

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Die Schallplatte ist wieder im Aufwind. Das lässt sich messen und auch die Stuttgarter Plattenläden können als legale Abgabestelle für die Droge Musik nicht klagen. Zwei von ihnen werden dieses Jahr dreißig Jahre alt. Besuch in einer Szene voller Musikverrückter.

Brigitte und Karl-Heinz Ratzer bieten in ihrem Laden neben Musik auch ein Frühstück oder ein kühles Bier an. Weitere Eindrücke aus den Stuttgarter Plattenläden vermittelt die folgende Bilderstrecke. Foto: Michael Steinert 16 Bilder
Brigitte und Karl-Heinz Ratzer bieten in ihrem Laden neben Musik auch ein Frühstück oder ein kühles Bier an. Weitere Eindrücke aus den Stuttgarter Plattenläden vermittelt die folgende Bilderstrecke. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Wie viele Schallplatten er in seinem Reich anbietet, kann Rainer Rupp nur schätzen: Grob 90 000 stehen im Laden in der Leuschnerstraße herum. Ein Stockwerk tiefer sind, wie Rupp sagt, „noch ein paarmal so viele gebunkert“. Säuberlich geordnet nach Stilrichtung und Name des Interpreten lagern in den Regalen die gebrauchten Schätze aus vielen Jahrzehnten. Etwa die Aufnahmen, die Elvis Presley in den Sun Studios eingespielt hat: Rücken an Rücken, die eine Hülle perfekt erhalten, die andere mit Macken, wartet das Album gleich dutzendweise auf Käufer. „Das kommt schon weg“, sagt der 47-jährige Rupp, der selbstbewusst von sich behauptet, mit seinem Geschäft in der Weltliga der Plattenläden mitzuspielen. Second Hand Records hat Stammkunden weltweit, etliche Asiaten zum Beispiel kämen wegen der Jazz-Auswahl.

Dem ersten Untergeschoss folgt ein zweites. Zwischen den Regalen stehen 40 Umzugskartons: die Sammlung eines Freiburger DJs. Am Vormittag hat Rupps Mitarbeiter Michael Paukner, 45, die Kisten abgeholt. Alltag sei es, solche Mengen an Schallplatten anzukaufen, sagt Paukner. Die bisher größte Lieferung wurde mit zwei Lastwagen geliefert. Wer in einem Plattenladen arbeitet, muss schleppen können.

Rainer Rupp und seine drei hauptberuflichen Mitarbeiter behaupten von sich, alle Schallplatten gehört zu haben, die sie zum Verkauf anbieten. Inventarlisten führen sie nicht. Die Musik, die auf drei geräumige Stockwerke verteilt ist, erfassen sie allein in ihren Köpfen.

Die Schallplatte schien am Ende

Es ist nicht lange her, da schien die Schallplatte am Ende. In den 80er Jahren hatte sich die Industrie auf die CD als Trägermedium für Musik festgelegt, Vinyl-Veröffentlichungen wurden seltener, die Qualität schlechter. „Sie ist in Gefahr“, rappte die Stuttgarter Gruppe Massive Töne 1995 über das aussterbende Medium Schallplatte. Allein eine vergleichsweise kleine, eingeschworene Fangemeinde wollte sich damit nicht abfinden: eine Art gallisches Dorf, über die Welt verstreut, spielte einfach weiterhin Platten.

Mittlerweile wächst das Dorf sprunghaft. Musikfans jeden Alters kaufen sich wieder Plattenspieler. Auf Flohmärkten erwerben Teenager Scheiben, die ihre Eltern einst gehört haben. Die Älteren lösen ihre CD-Sammlung auf und wechseln zurück zur Schallplatte. Stars ebenso wie Newcomer veröffentlichen ihre Alben auch oder ausschließlich auf Vinyl. Deren Käufer wiederum schwärmen vom natürlichen, „warmen“ Klang der Platte und schimpfen auf die digitale Seelenlosigkeit von CDs und Downloads. Die Musikzeitschrift „Visions“ feierte kürzlich mit einer Sonderausgabe die Rückkehr der Schallplatte und ihre „neue Stärke“.

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