Politischer Aschermittwoch Phantomschmerzen und andere Sorgen

Am Aschermittwoch teilen die Parteien aus. Ob in Biberach, Ludwigsburg, Fellbach oder auch in Karlsruhe. Auch die Bundesprominenz schaute vorbei.

Die grüne Chefin der Bundestagsfraktion Renate Künast ist aus Berlin gekommen, um in Biberach Winfried Kretschmann Schützenhilfe zu geben. Foto: dapd 4 Bilder
Die grüne Chefin der Bundestagsfraktion Renate Künast ist aus Berlin gekommen, um in Biberach Winfried Kretschmann Schützenhilfe zu geben. Foto: dapd

Stuttgart - Es ist der Tag der verbalen Attacken  und zwar jeder gegen jeden – zumindest ein bisschen. Vor allem wird auf die Landespolitik geschaut, aber auch voraus bis zur Bundestagswahl 2013 oder die Stuttgarter OB-Wahl. Die Grünen feiern vor allem sich selbst; die CDU  demonstriert Kampfeslust; die SPD hofft auf die Zukunft, und die Liberalen rechnen ab:

So restlos gefüllt war die Biberacher Stadthalle noch nie, seit die Grünen hier ihren Aschermittwoch abhalten, aber es war ja auch noch nie „der erste grüne Ministerpräsident der Welt“ am Rednerpult. So euphorisch war Winfried Kretschmann vorgestellt worden, der allerdings musste auf dem Weg nach vorne an einigen Transparenten vorbei, die ihm gar nicht gefielen. „Wer hat uns verraten? Grüne ,Demokraten‘“, stand zu lesen oder, ganz unverblümt: „Kretschmann bitte zurücktreten!“.

Bevor Kretschmann auf Stuttgart 21 zu sprechen kam, frotzelte er gegen den Regierungspartner SPD. Sie leide immer noch unter „Phantomschmerzen“ wegen des Wahlergebnisses im März 2011. „Das Schöne am Menschen ist, er gewöhnt sich an alles“, sagte der Regierungschef in gespieltem Beileid. Schmerzen leide auch die CDU. „Ich warte immer noch darauf, dass wir eine starke Opposition im Landtag bekommen.“ Anstatt sich mit kritisch-konstruktiven Beiträgen einzubringen, machten die Christdemokraten „Fundamentalopposition“. Kretschmann: „Mir ist das zu grob, was da kommt.“

Kritische Plakate von Stuttgart-21-Gegnern

Unten vor der Stadthalle hatten Sicherheitsleute vor Beginn der Veranstaltung einem Besucher frische Eier abgenommen – es war Mittwochsmarkt. So musste Kretschmann, der ja leidvolle Erfahrungen mit geworfenen Espandrillos sammeln musste, nichts fürchten, als er gegen die vereinzelten Gegner aus dem eigenen Lager argumentierte: „Die Demokratie verlangt von Ihnen nicht, dass Sie Ihre Meinung ändern, sondern dass Sie das Ergebnis des Spruchs akzeptieren. Darum geht es.“ Er selber sei „enttäuscht“ vom Ergebnis der Volksabstimmung. „Aber wenn wir das Ergebnis einer Volksabstimmung nicht akzeptieren, muss ich mich fragen, wie sollen wir dann überhaupt noch Konflikte beenden?“

Hier traf sich Kretschmanns Rede mit der von Fritz Kuhn, Heidelberger Bundestagsabgeordneter und neuerdings Kandidat für den OB-Sessel in Stuttgart. Er spüre die „Zerrissenheit“ vieler Grüner überhaupt nicht, die in Sachen Bahnhofsbau „einerseits dagegen“ seien und „andererseits bauen“ müssten: „Der Volksentscheid ist das letzte Wort“, sagte Kuhn. Er lasse sich auch nicht als „Verräter“ titulieren, schließlich seien es die Grünen gewesen, die 16 Jahre lang gegen S 21 gekämpft hätten und am Ende eine „bittere Niederlage“ hätten hinnehmen müssen. Nach vorne will Kuhn schauen und das will er auch im anstehenden Wahlkampf sagen: „In Stuttgart muss jetzt, wenn’s ein Problem gibt, eine andere Antwort her als Vergraben und Beton. Das können die Schwarzen nicht.“

Fritz Kuhn läuft sich für Stuttgarter OB-Wahlkampf warm

Noch ein Seitenhieb gegen einen Konkurrenten um den Stuttgarter Rathausstuhl, dann war die aus Berlin angereiste Renate Künast dran. „Ob man in Stuttgart einen Badener aufstellen will, muss man sich auch mal überlegen“, sagte der in Bad Mergentheim geborene Kuhn. Andreas Renner, ehemals OB der Stadt Singen und dann Sozialminister, stammt aus Stockach am Bodensee. Künast unterstützte Kuhn mit einer Erzählung aus alten Zeiten. Öfter sei sie mit Rezzo Schlauch und Kuhn nach langen Arbeitstagen in Stuttgart eingekehrt, damals, als Schlauch vergeblich versuchte, die Nachfolge Manfred Rommels zu erringen. Als es ans Zahlen gegangen sei, habe Kuhn immer in seinen Taschen gekramt und zu Schlauch gesagt: „Kannst du zahlen? Ich habe nur einen 500-Mark-Schein.“ Das Fazit der Berlinerin: „Der Fritz kann auch mit Geld umgehen.“

Das gefiel den Oberschwaben und auch Winfried Kretschmann sah noch ein aufmunterndes Plakat. Die grüne Jugend hielt es hoch und verkündete darauf, Kretschmann sei der „Beschde“.