Praktische Wissenschaft im Strohgäu Hammerschläge bei Eiche, Buche & Co.

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Der Boden im Forstrevier Heimerdingen/Hemmingen ist in den vergangenen Wochen wissenschaftlich untersucht worden. Die aufwendige körperliche Arbeit liefert die Grundlagen dafür, dass der Wald bestmöglich erhalten werden kann.

Sebastian Peters (links) und Werner Leeger analysieren  Bodenproben im Wald: Das Erdreich im Bohrkern wird unter anderem auf Feuchtigkeit untersucht. Foto: factum/Simon Granville
Sebastian Peters (links) und Werner Leeger analysieren Bodenproben im Wald: Das Erdreich im Bohrkern wird unter anderem auf Feuchtigkeit untersucht. Foto: factum/Simon Granville

Strohgäu - Acht, neun Mal bekommt die Eisenstange eine auf den Kopf. Werner Leeger holt kräftig aus, um den Vorschlaghammer mit Wucht auf die Stange im Boden zu hauen. Der Stab muss gut 60 Zentimeter hinein – und das zwischen Traubeneichen, Vogelkirschen, Hain- und Rotbuchen. Leichter Regen tropft von den Blättern im Hemminger Zeilwald. Der Forstwirt in Diensten der Gemeinde assistiert Sebastian Peters. Der 41-jährige Wissenschaftler der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg untersucht den Wald im westlichen Landkreis. Hemmingen und Eberdingen sind erledigt, jetzt sind noch Markgröningen, Oberriexingen, Sersheim und Vaihingen an der Enz dran. Körperliche Schwerstarbeit, Fingerspitzengefühl und ein sicherer Blick sind nötig, um die Daten für neue Waldboden-Karten zu erheben.

Der Revierförster Steffen Frank ist froh über dieses Projekt, womit die Forstwissenschaft der Praxis dient. Rund 1000 Hektar werden seit Anfang Mai untersucht, die Hälfte in Franks Revier. Alle 50 Meter haut Werner Leeger das Eisengestänge in den Boden, dann analysiert Sebastian Peters neue Erde, die mit dem Bohrhohlkörper aus dem Boden gezogen wird. Ist es Lehm, Mergel, Keuper oder Ton? Der Forstwissenschaftler sieht das gleich. 60 bis 80 Mal machen sie das am Tag. GPS-Signale leiten sie zur nächsten vorher bestimmten Stelle.

Trockene Erde zerbröselt

„SL“ schreibt Peters ins Protokoll dieses Lochs. Schichtlehm. Der Bohrstock, der nur beim Herausziehen gedreht wird, ist knapp drei Zentimeter dick, 1,20 Meter lang und auf einer Seite offen. So kann der Untersucher die entnommene Bodenprobe sofort anschauen. Auch die Feuchtigkeit wird notiert. Man spürt sie, wenn man ein bisschen Erde zerbröselt. „Ist das feucht?“, fragt Peters, als er in die Mitte des Stabes greift. Nein, sie ist es nicht: Die ockergelbe Erde zerfällt beim Reiben zwischen drei Fingern zu Staub. Nasse Erde fühlt sich ganz anders an – glitschiger.

Diese Bodenprobe ist charakteristisch für diese Gegend: „Das ist ein Top-Boden für Wald“, erklärt der Wissenschaftler. Schichtlehm kann Wasser gut halten – wenn er Wasser enthält. Dieser hier ist auf den ersten 20 Zentimetern von oben ganz ordentlich feucht. Dann kommen 30 Zentimeter, die trocken sind. Und dann wird es wieder feucht. Die obere nasse Schicht enthält den Regen der letzten Tage, die mittlere ist ein Spiegel der monatelangen Trockenheit zuvor, und die untere feuchte Schicht enthält das Wasser, das vom vergangenen Winter noch gespeichert ist.

Und was bedeutet das? Unterschiedliche Bäume treiben ihre Wurzeln unterschiedlich tief. „Jeder Baum braucht Wasser, um sich verankern zu können“, erklärt Peters. Die Fichte zum Beispiel ist ein sogenannter Flachwurzler – sie braucht Wasser im obersten halben Meter des Bodens. Bei Regenmangel aber ist diese Bodenschicht trocken. Zuerst kümmert der Baum, die Nadeln hängen, der Jahreszuwachs ist dünn. Fehlt weiter das Wasser, vertrocknet der Baum. Wie eine Tulpe in einer Vase ohne Wasser. „Die Fichte ist eine aussterbende Baumart“, erklärt Revierförster Frank, „seit 25 Jahren haben wir keine mehr gepflanzt.“

Eine Traubeneiche oder eine Hainbuche hingegen sind Tiefwurzler – ihre Wurzeln reichen bis zu zwei, drei Meter in die Tiefe. Für sie spielt es keine große Rolle, ob der Regen reichlich oder sparsam oder wochenlang gar nicht fällt. Sie kommen mit Trockenheit besser zurecht als die Fichte.

Auch Bodenbewuchs ist interessant

Sebastian Peters schaut auch noch, was in zehn Metern Umkreis um ein Bohrloch alles am Boden wächst: Farn deutet auf einen feuchten Boden hin, Maiglöckchen auf einen trockenen. Die gerade untersuchte Fläche im Zeilwald ist ein Beispiel für die langen Zeiten, in denen Förster denken: „1990 wurden hier auf anderthalb Hektar fast alle Buchen vom Sturm Wiebke umgeworfen“, erklärt Steffen Frank, „danach hat man sofort Ersatz gepflanzt.“ Diese Bäume sind jetzt 20 Meter hoch.

Mit den neuen Daten kann Frank entscheiden, welche Bäume er an welchen Stellen neu setzt – damit auch noch in 100 Jahren ein gesunder Mischwald steht. In den Jahren 2021 bis 2023 will Frank auf 15 Hektar Tausende Bäume nachpflanzen, die abgestorbene Fichten, Buchen und Eschen ersetzen. Dafür kommen Peters’ neue Waldboden-Karten gerade recht.




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