Raserunfall in Stuttgart Keine PS-Protze an junge Fahrer

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Die Forderung eines Mindestalters für schnelle Autos ist mehr als ein Reflex. Die Politik muss darauf reagieren, meint unsere Polizeireporterin Christine Bilger.

An der Unfallstelle liegen Blumen zum Gedenken an die Opfer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
An der Unfallstelle liegen Blumen zum Gedenken an die Opfer. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Egal, mit wem man dieser Tage über den schrecklichen Unfall von der Rosensteinstraße spricht, ob Anwohner, Kinomitarbeiter, Polizisten oder Politiker wie dem Innenminister Thomas Strobl: Der Schock sitzt tief. Der Gedanke, dass binnen Sekundenbruchteilen zwei junge Leben ausgelöscht wurden, vielleicht wegen eines winzigen Lenkfehlers und zu hoher Geschwindigkeit des Jaguarfahrers, ist verstörend und beklemmend. Nur wenige Sekunden zuvor war der Kleinwagen des Paares, das erst vor Kurzem nach Stuttgart gezogen war, noch in der Tiefgarage des Kinokomplexes; wenige Sekunden später wären die beiden auf dem Heimweg gewesen – diese Gedanken überfallen einen, wenn man das Geschehen Revue passieren lässt.

Und doch es geht hier nicht um eine schreckliche Fügung des Schicksals, das der Mensch nicht steuern kann. Es geht um Sicherheit und Regeln im Straßenverkehr, die Menschenleben retten können und ein sicheres Fortkommen für alle gewähren sollen. Denn auch wenn das abschließende Gutachten noch auf sich warten lassen wird angesichts der komplexen Berechnungen, die in dieses Werk einfließen müssen, eines ist klar: Der Gutachter hat in einer ersten Einschätzung gemeldet, dass der 550 PS starke Wagen des Unfallverursachers mit Tempo 80 bis 100 gefahren sein muss – in einer geschlossenen Ortschaft, wo 50 Stundenkilometer das Limit sind. Das ist per Gesetz ein klarer Regelverstoß. Von Anwohnern hört man zudem etliche Klagen über Raser an der Rosensteinstraße: Der junge Mann im Jaguar ist demnach wohl kein Einzelfall gewesen.

Die Rufe nach Konsequenzen sind mehr als der übliche Reflex

Dass vor allem junge Männer dazu neigen, zu schnell zu fahren, das wissen Fahrlehrer, Polizisten und auch der Innenminister. Wenn nun also nach solch einem Horrorunfall Rufe nach Gesetzesverschärfungen und mehr Überwachung laut werden, dann ist das nicht nur der übliche Reflex. Dann ist das die traurige Lehre, dass man nie genug tun kann, um Gefahren abzuwenden. Eine solche Forderung ist die nach dem Mindestalter für junge Fahrer, die sich den Männertraum, einmal so richtig mit PS zu protzen, erfüllen wollen. Jeder fängt mal an, Auto zu fahren. Richtig. Und auch eine 56-jährige Frau oder ein 43-jähriger Mann am Steuer eines 550-PS-Fahrzeugs können Fehler machen, wohl wahr. Aber die hohe Risikobereitschaft der 18 bis 25 Jahre alten Fahrer zu ignorieren, nur weil damit nicht alle Eventualitäten abgedeckt wären, wäre falsch. Darum wäre eine Regelung, die den jungen Fahrern den Zugang zu allzu verführerisch schnellen Autos vorerst verwehrt, wünschenswert – bei allen Bedenken zur Durchsetzbarkeit. Gerade bei den Verleihfirmen könnte die Branche nun schnell reagieren: Eine Art freiwillige Selbstverpflichtung wäre ein denkbarer erster Schritt.

Der Ruf nach strengeren Regelungen ist auch deswegen mehr als ein Reflex, weil Sicherheit – sowohl im Straßenverkehr als auch im öffentlichen Leben – nichts ist, dessen Parameter, einmal festgelegt, für immer Bestand haben. Wenn sich die Bedingungen ändern oder – wie im tragischen aktuellen Fall – Unfälle neue Erkenntnisse liefern, müssen neue Regeln her.

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