Rauchverbot in Baden-Württemberg Angriff auf Millionen oder Schutz für Millionen?

Manfred Lucha will die Regeln fürs Rauchen in Baden-Württemberg verschärfen. Das führt nicht nur zu Streit zwischen dem Gesundheitsminister und Gastronomen, sondern auch zu einem Disput zweier Redakteure. Ein Pro und Contra.

Szenen wie diese soll es  in Baden-Württemberg nach dem Willen des Gesundheitsministers bald nicht mehr in der Realität geben. (Symbolfoto) Foto: AP
Szenen wie diese soll es in Baden-Württemberg nach dem Willen des Gesundheitsministers bald nicht mehr in der Realität geben. (Symbolfoto) Foto: AP

Stuttgart - Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) will das Rauchen in Kneipen und teilweise auf öffentlichen Plätzen in Baden-Württemberg komplett verbieten, womöglich auch in Biergärten und in Außenbereichen von Gastronomien. Damit wäre die Regelung sogar noch schärfer als die in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Unsere Redakteure Lukas Jenkner und Sascha Maier könnten sich darüber, ob das eine gute Idee ist, uneiniger nicht sein. Bereits die Frage, ob man den Vorstoß eine Verbesserung des Nichtraucherschutzgesetzes oder Verschärfung des Rauchverbots nennen sollte, sorgt für Zündstoff.

Pro: Für einen besseren Nichtraucherschutz

Am Vogelsang im Stuttgarter Westen hält nicht nur die Stadtbahn, sondern dort ist auch Endhaltestelle der Buslinie 40. Die Busfahrer nutzen die Gelegenheit dort gerne für eine kleine Raucherpause, das ist rund um den Mülleimer neben dem Wartehäuschen leider nicht zu übersehen. Herumliegende Zigarettenkippen sind nur eine der vielen ärgerlichen Folgen des Rauchens im öffentlichen Raum, aber längst nicht die schlimmste.

Rauchen ist ein individuelles und gesamtgesellschaftliches Problem zugleich. Die Freiheit des Individuums ist allerdings ein schützenswertes Gut und es ist dem in einer freien Gesellschaft lebenden Menschen zweifellos freigestellt, sich mit dem Tabakkonsum gesundheitlich zugrunde zu richten. Aber während die Gesellschaft dem Individuum die Freiheit des gesundheitsschädlichen Lebenswandels zugesteht, muss sich zugleich vor den Folgen und Begleiterscheinungen so weit wie möglich geschützt werden.

Deshalb ist der angekündigte Vorstoß des baden-württembergischen Sozialministers Manfred Lucha, den Nichtraucherschutz zu verbessern (und nicht etwa zu „verschärfen“, wie manche den Vorgang mittels Wortwahl in ein negatives Licht rücken wollen), vollkommen richtig. Es ist einfach nicht einzusehen, dass es immer noch Bereiche im öffentlichen Raum gibt, in denen Nichtraucher mit Zigarettenqualm konfrontiert werden. In Gartenwirtschaften, an Bushaltestellen und auf Kinderspielplätzen allemal sollte es jedenfalls nicht länger gestattet sein. Dass es dafür überhaupt Verbote geben muss, ist eigentlich ein Armutszeugnis.

Die Gesellschaft könnte sogar noch weiter gehen und sich fragen, ob sie wirklich für die gesundheitlichen Folgen des Rauchens innerhalb der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherung aufkommen muss oder eine privat finanzierte Zusatzversicherung für Raucher nicht angemessener wäre. Dieselbe Frage ließe sich auch beim Thema Alkohol stellen, der eigentlich noch viel schlimmeren und gefährlicheren deutschen Volksdroge.

Beim Thema Übergewicht ist die Lage komplexer, falsche Ernährung und körperliche wie seelische Dispositionen sowie deren Zusammenspiel (und darüber hinaus die Uneinsichtigkeit mancher Lebensmittelkonzerne) sind nicht immer klar zu trennen. Somit muss die Entscheidung über die Finanzierung der gesundheitlichen Folgen der Volkskrankheit Übergewicht wohl letztlich eine Aufgabe der Solidargemeinschaft bleiben, während die schlichte Wahrheit bei Alkohol und Tabak lautet: Deren Konsum ist schlecht, nur ein Verzicht hilft der Gesundheit aller. Suchterkrankungen sind behandelbar, wer sich dem entzieht, sollte zahlen.

Solange sich nicht die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es ein schlichtes Gebot der Höflichkeit ist, von sich aus auf den öffentlichen Tabakkonsum zu verzichten, muss der Gesetzgeber die Nichtraucher so gut es geht schützen. Sozialminister Manfred Lucha hat dafür alle Unterstützung verdient. (Lukas Jenkner)

Contra: Ein Angriff auf die Lebensart von Millionen

Eine bildschöne Frau sitzt am Tresen einer Bar, ihr Blick trifft den eines feschen Mannes. Sie steckt sich eine Zigarette in den Mund. Er zündet sie an. Das Leben meinte es nicht immer leicht mit ihnen, vielleicht verlieben sie sich. Szenen wie diese kann man sich in Baden-Württemberg bald nur noch im Film anschauen oder im Großstadtroman nachlesen, wenn Manfred Lucha mit seiner Vision eines raucherbefreiten Ländles durchkommt. Was der Gesundheitsminister plant, ist ein Angriff auf die Lebensart von Millionen.

Viele Raucher nehmen die Gefährdung der eigenen Gesundheit durchaus bewusst in Kauf. Sie entscheiden sich bewusst für das Ritual, das Rauchen gemeinsam an Bar- und Kneipentresen zu praktizieren und betrinken sich dabei auch noch unvernünftig. Millionen Menschen verbringen sehr viel Lebenszeit damit, ihre Stunden auf Erden so zu vergeuden und es ist ihr verdammtes Recht.

Für Barbesucher und Kneipengänger entspricht der Stellenwert ihrer Rückzugsorte etwa der dem der Kirche für einen Christen, einer Moschee für einen Moslem oder einem Schwulenlokal für einen Homosexuellen. Während viele persönliche Bereiche vollkommen zurecht im Grundgesetz durch das Recht auf freie Religionsausübung und das Ausleben der sexuellen Orientierung geschützt sind, kann ein popliges Landesgesetz die Interessen der geselligen Raucher einfach wegfegen.

Raucher sind eine Minderheit und gesamtgesellschaftlich betrachtet ist das auch gut so. Das Rauchen ist weiter auf dem Rückzug und den alten Zeiten, als das noch anders war, weinen auch die Raucher keine Träne nach. Wo die Vernunft sowieso siegt, muss nicht noch nachgetreten werden.

Darum sind die Argumente des Gesundheitsministers so scheinheilig. Allen voran das mit dem Passivrauchen. Alle möglichen Sachen töten indirekt, Plastikmüll zum Beispiel. Nur sind Verbote da ganz anders zu bewerten, da das Aufknibbeln der Plastikverpackung eines Emmentaler-Käses für niemanden einen vergleichbaren rituellen Stellenwert hat wie das Anzünden einer Zigarette zu einem kühlen Feierabendbier. Außerdem: Jedem steht es frei, ob er sich in ein Auto setzt und so das Unfallrisiko erhöht oder eine Raucherkneipe betritt und eben andere gesundheitliche Schäden riskiert.

Besonders schäbig an Manfred Luchas Wurf ist aber die komplette Ignoranz der Gegenseite. Wenn ein Politiker ein Gesetz auf den Weg bringt, hat er Für und Wider abzuwägen. Er sollte nach schlaflosen Nächten schweren Herzens mitteilen, dass der Abwägungsprozess zwischen der Erhaltung dieser verrucht-verrauchten Bars und den Gesundheitsinteressen der Allgemeinheit für ihn eben zu dem Schluss geführt hat, dass das Gesetz verschärft werden sollte.

Aber was macht Lucha? Er tritt breitbeinig, besserwisserisch auf in seinen Interviews, mit dem Feingefühl eines CSU-Sicherheitspolitikers und zeigt, dass ihm komplett der Sinn für diese Menschen fehlt. Die Liebe der bildschönen Frau aus der Bar kann er so jedenfalls nicht erwarten. Und auch das Verständnis von Millionen anderen Rauchern nicht. (Sascha Maier)