Die Informantin namens „Krokus“ wurde für den Verfassungsschutz zum Problem, als sie eine Beziehung mit einem früheren Spitzel des LKA einging. Am Montag beschäftigt ihre Rolle beim Heilbronner Polizistenmord den Berliner NSU-Ausschuss.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Stuttgart - Das Wahljahr 2009 strebte seinem Höhepunkt entgegen, und im Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg präparierte man sich auf ganz eigene Weise. In Schwäbisch Hall warb damals die Bundestagskandidatin der Linken Silvia Ofori um Stimmen. Die Zeit schien gekommen, mehr über die bis dahin unbekannte gelernte Bankkauffrau zu erfahren. So wurde eine bewährte bezahlte Informantin in Marsch gesetzt, die um die Ecke wohnte. „Krokus“ war ihr Tarnname. Im wahren Leben hieß sie Petra Klass, heute ist sie 41 Jahre alt. Sie lebte 2009 in Trennung von ihrem Ehemann und sollte später wieder ihren Mädchennamen annehmen: Petra Senghaas.

„Krokus“ ist mittlerweile ein Großthema im NSU-Untersuchungsausschuss. Wegen ihr treten die elf Bundestagsabgeordneten am Montag wieder in die Beweisaufnahme ein. Dann soll der damalige V-Mann-Führer der Informantin, der seinerzeit den Tarnnamen Rainer Oettinger trug, einer Befragung unterzogen werden. Neun Aktenordner voller Notizen und Protokolle hat das baden-württembergische Innenministerium an die Ausschussmitglieder versandt – mit wochenlanger Verspätung und nachdem der Ausschuss bereits an seinem Schlussbericht arbeitete.

Nächsten Montag wird es weniger um die Spitzeleien der Informantin bei der Linkspartei gehen, sondern um eine Episode, die im rechten Milieu spielt und elektrisierende Wirkung entfaltet hat.

Krokus und ihr Verlobter sind in Irland untergetaucht

Von Frühsommer 2007 bis Anfang 2011 ist Krokus laut Akten Informantin des Landesamts für Verfassungsschutz gewesen. Vielleicht aber, halb offiziell, doch auch schon seit 2006, das werde nochmals genauer geprüft, heißt es vage aus der Behörde. Die Frage ist von einiger Bedeutung. Denn Krokus selber erhebt seit 2012 von einem unbekannten Ort in Irland aus einen schweren Vorwurf. Es geht um den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Heilbronner Festwiese. Sie sei, berichtet Krokus beharrlich in E-Mails an Behörden, Parlamentarier und einzelne Journalisten, bereits seit 2006 für den Verfassungsschutz Baden-Württemberg tätig gewesen. Nur wenige Tage nach dem Mord an der Polizistin habe sie von einer NPD-Aktivistin erfahren, dass deren braune Freunde versuchten herauszufinden, ob der Beamtenkollege Kiesewetters, der schwer verletzte Martin A., womöglich wieder sprechen könne. Sie habe das, behauptet Krokus, ihrem Führungsbeamten Oettinger sofort erzählt. Der aber habe die Sache abgetan – mithin also einen frühen Hinweis auf eine Täterschaft von Rechtsradikalen unterdrückt.

Der Beamte Oettinger weist die Behauptung der Frau entschieden zurück. In einer urkundlichen Stellungnahme hat er gegenüber dem NSU-Ausschuss erklärt, er habe nie einen solchen Hinweis auf Rechtsextreme bekommen. Das Schriftstück, das nach Berlin gesandt worden war, um die Ausschusssitzung am Montag unnötig erscheinen zu lassen, hat erst einmal nicht viel Wirkung gezeitigt. Aus den Reihen der Abgeordneten heißt es, sie hätten schon noch ein paar Fragen mehr.

Geld war der Informantin immer willkommen

Im Jahr 2009, gut zwei Jahre nach dem Heilbronner Mord, war Krokus noch mit anderen Dingen beschäftigt. Sie arbeitete außer für den Verfassungsschutz noch für einen hohenlohischen Schraubenhersteller und machte Telefonmarketing auf Provisionsbasis. Geld war immer willkommen. Auf einer Parteiveranstaltung der Linken in einer Gaststätte in Heroldhausen (Kreis Schwäbisch Hall) begegnete der pensionierte Gymnasiallehrer Eckart J. dieser Frau. Sie saßen am selben Tisch, plauderten, stellten fest, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten. Man verabredete sich fortan zu gelegentlichen gemeinsamen Spaziergängen mit den Hunden entlang der schönen Jagst.

An Silvester, dem Übergang ins Jahr 2011, lernte Petra Klass – angeblich über einen Chat – den weit gereisten Alexander Gronbach kennen, auch ein Mann aus dem Ort. Er war zu dieser Zeit für eine irische Baufirma in Dubai tätig. Auf Einladung Gronbachs flog Klass alias Krokus dann für ein paar Tage nach Dubai, und im März 2011 übersiedelte ihr neuer Freund plötzlich zu ihr. Um diese Zeit herum hat das Landesamt für Verfassungsschutz Krokus „abgeschaltet“.

Gronbach war den baden-württembergischen Behörden nur zu gut bekannt. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor war er selber V-Mann des Landeskriminalamts (LKA) gewesen. Er spürte als wertvoll geltende Informationen aus dem Drogenmilieu auf und half bei der Aufklärung einer Brandserie. Deswegen brachte das LKA den Mann auch zeitweise in einem Zeugenschutzprogramm unter. Allerdings galt Gronbach als kaum steuerbar und latent gewalttätig. Außerdem sahen Ermittler ein Drogenproblem bei ihrem Drogenspitzel.

Alexander Gronbach soll gute Kontakte zur IRA haben

Gronbachs Weg von seiner früheren V-Mann-Tätigkeit bis zu seinem Auftauchen 2011 aus Dubai ist weitgehend unbekannt. Unzweifelhaft sind Kontakte zur irischen Untergrundorganisation IRA sowie zu Geschäftsleuten und ranghohen Politikern im Nahen Osten, speziell im Iran.

Im hohenlohischen Kleinstädtchen machte Gronbach von Anfang an auf Weltmann. Der Ex-Lehrer J. und seine Frau betrachteten ihn als ein Faszinosum. Mal kündigte Gronbach an, er besitze eine Mitgliederliste des Rechtsradikalen-Forums Thiazi, die er zu verkaufen gedenke. Dann wieder prahlte er mit einer geldwerten Liste von Waffensystemen des Iran. Auch Krokus war offenkundig fasziniert. Das Paar versuchte, ins Geschäft mit Solaranlagen einzusteigen, doch daraus wurde nichts. Nebenbei machte sich Petra Klass bei der Ortspolizei einen Namen als fleißige Anzeigeerstatterin. Einmal zeigte sie, wie Gronbach erzählte, eine Landbaufirma, einen Bürgermeister und den Fürsten von Hohenlohe-Langenburg gleichzeitig wegen der Errichtung einer illegalen Erddeponie an.

Die Spitzelbeziehung zeigte von Anfang an ein explosives Element. Immer wieder gab es Streit, im September 2011 zog Gronbach zum ersten Mal für einige Tage bei dem Lehrerehepaar J. ein. Gronbach habe geargwöhnt, erzählt der Oberstudienrat, dass Petra Klass auf ihn angesetzt gewesen sei, die Beziehung also eigentlich auf einem Auftrag des Verfassungsschutzes fußte. Aus der Stuttgarter Behörde wird das heute entschieden verneint.

Eine Friseurin, die für die NPD kandidiert

Nach dem 4. November 2011, dem Tag, als die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil starben, ging eine Veränderung mit dem Pärchen vor. Petra Klass erinnerte sich an den Hinweis auf eine Täterschaft der NPD im Zusammenhang mit dem Heilbronn-Mord. Sie begann, unter Regie ihres Freundes, ihren Vorwurf zu verbreiten, in Baden-Württemberg seien seit 2007 Hinweise auf rechtsextreme Täter unterdrückt worden. Tatsächlich gab es damals Gerede, wie mittlerweile auch die baden-württembergischen Behörden einräumen. Dies, so heißt es, sei jedoch erst 2012 ermittelt worden. Angelpunkt war der in einem hohenlohischen Dorf ansässige Friseursalon der früheren NPD-Kandidatin Nelly R. Dort ließ sich Krokus öfter frisieren und maniküren und suchte, wie sie heute selber angibt, zugleich das ergiebige Gespräch.

2007, wenige Tage nach dem Heilbronn-Mord, tauchte dort eine weitere Kundin auf, Krankenschwester von Beruf und kurz vor ihrer Heirat stehend. Sie arbeitete tatsächlich auf der Station, auf der der schwer verletzte Martin A. lag. Die Krankenschwester ist mittlerweile von der Polizei ausfindig gemacht und eingehend befragt worden. Die Frau habe Beamten bestätigt, damals mit ihrer Friseurin über den verletzten Polizisten geredet zu haben. Niemals aber sei sie von irgendjemandem beauftragt worden. Es sei wahrscheinlich, glaubt die Polizei, dass Nelly R. diese Episode kurz darauf auch Krokus weitererzählt habe. Dass die Friseurmeisterin, wie von Krokus behauptet, gesagt habe, ihre Gesinnungsgenossen müssten prüfen, „ob etwas zu tun sei“, hält die Polizei für eine Erfindung. Nelly R. selber weist jeden dahingehenden Vorwurf zurück.

Eine schlüssige Antwort fehlt noch immer

Es gibt in dieser so entscheidenden Szenenschilderung übrigens einen auffälligen Irrtum, den Krokus verbreitet. Sie schreibt beharrlich, die Krankenschwester habe im Klinikum Ludwigsburg gearbeitet. Doch die Krankenschwester stammt aus dem SRH-Fachkrankenhaus Neresheim im Ostalbkreis, das auf die Behandlung von Patienten mit schwerer Hirnschädigung spezialisiert ist. Dorthin war der Polizist Martin A. kurz nach seiner Noteinlieferung in Ludwigsburg verlegt worden. Sollte Krokus tatsächlich eine Legende vorantreiben, bliebe die Frage nach dem Warum. Eine schlüssige Antwort darauf fehlt. Um die 300 000 Euro Belohnung, die 2009 für Hinweise zur Ergreifung der Kiesewetter-Mörder ausgelobt wurden, dürfte es kaum gehen. Das Geld wird längst in Tranchen an den Hinweisgeber auf das Wohnmobil ausbezahlt, in dem 2011 Mundlos und Böhnhardt umstellt wurden.

Im April 2012 klingelte es wieder an der Tür von Oberstudienrat J. Alexander Gronbach bat, nach einem Streit mit Petra Klass, wieder einmal um Asyl. Er blieb diesmal zwei Monate bei dem Pensionärsehepaar. Am Abend des 31. Mai teilte Gronbach seinem Gastgeber mit, Petra Klass werde von NPD-Mitgliedern, die sie an den Verfassungsschutz verraten habe, mit dem Tode bedroht, er müsse sie am nächsten Tag nach Genf zu Freunden in Sicherheit bringen und brauche einen Mietwagen; bezahlen werde alles später eine Tante. Der beunruhigte Lehrer buchte auf seinen Namen einen Einser-BMW bei Sixt. Damit verschwand das Paar spurlos.

Vor wenigen Tagen, am 12. Juni, ist Ex-Lehrer J. vom Landgericht Ellwangen zu einer Schadenersatzzahlung von 15 000 Euro an die Firma Sixt verurteilt worden. Nelly R. sowie vier weitere NPD-Mitglieder haben bei der Polizei Schwäbisch Hall gegen Alexander Gronbach Strafanzeige wegen Verleumdung gestellt. Das Amtsgericht Langenburg erließ im Herbst 2012 einen Haftbefehl gegen Gronbach. Er war zu einem Prozesstermin wegen eines Drogenvergehens nicht erschienen. Wenn der Mann wieder deutschen Boden betritt, muss er mit seiner Festnahme rechnen.

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