Rechte Umtriebe in Hohenlohe Die folgenreiche Liaison zweier V-Leute

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Die Informantin namens „Krokus“ wurde für den Verfassungsschutz zum Problem, als sie eine Beziehung mit einem früheren Spitzel des LKA einging. Am Montag beschäftigt ihre Rolle beim Heilbronner Polizistenmord den Berliner NSU-Ausschuss.

Der Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter im April 2007: welche Rolle spielte „Krokus“, die V-Frau des baden-württemberg Foto: dpa
Der Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter im April 2007: welche Rolle spielte „Krokus“, die V-Frau des baden-württemberg Foto: dpa

Stuttgart - Das Wahljahr 2009 strebte seinem Höhepunkt entgegen, und im Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg präparierte man sich auf ganz eigene Weise. In Schwäbisch Hall warb damals die Bundestagskandidatin der Linken Silvia Ofori um Stimmen. Die Zeit schien gekommen, mehr über die bis dahin unbekannte gelernte Bankkauffrau zu erfahren. So wurde eine bewährte bezahlte Informantin in Marsch gesetzt, die um die Ecke wohnte. „Krokus“ war ihr Tarnname. Im wahren Leben hieß sie Petra Klass, heute ist sie 41 Jahre alt. Sie lebte 2009 in Trennung von ihrem Ehemann und sollte später wieder ihren Mädchennamen annehmen: Petra Senghaas.

„Krokus“ ist mittlerweile ein Großthema im NSU-Untersuchungsausschuss. Wegen ihr treten die elf Bundestagsabgeordneten am Montag wieder in die Beweisaufnahme ein. Dann soll der damalige V-Mann-Führer der Informantin, der seinerzeit den Tarnnamen Rainer Oettinger trug, einer Befragung unterzogen werden. Neun Aktenordner voller Notizen und Protokolle hat das baden-württembergische Innenministerium an die Ausschussmitglieder versandt – mit wochenlanger Verspätung und nachdem der Ausschuss bereits an seinem Schlussbericht arbeitete.

Nächsten Montag wird es weniger um die Spitzeleien der Informantin bei der Linkspartei gehen, sondern um eine Episode, die im rechten Milieu spielt und elektrisierende Wirkung entfaltet hat.

Krokus und ihr Verlobter sind in Irland untergetaucht

Von Frühsommer 2007 bis Anfang 2011 ist Krokus laut Akten Informantin des Landesamts für Verfassungsschutz gewesen. Vielleicht aber, halb offiziell, doch auch schon seit 2006, das werde nochmals genauer geprüft, heißt es vage aus der Behörde. Die Frage ist von einiger Bedeutung. Denn Krokus selber erhebt seit 2012 von einem unbekannten Ort in Irland aus einen schweren Vorwurf. Es geht um den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Heilbronner Festwiese. Sie sei, berichtet Krokus beharrlich in E-Mails an Behörden, Parlamentarier und einzelne Journalisten, bereits seit 2006 für den Verfassungsschutz Baden-Württemberg tätig gewesen. Nur wenige Tage nach dem Mord an der Polizistin habe sie von einer NPD-Aktivistin erfahren, dass deren braune Freunde versuchten herauszufinden, ob der Beamtenkollege Kiesewetters, der schwer verletzte Martin A., womöglich wieder sprechen könne. Sie habe das, behauptet Krokus, ihrem Führungsbeamten Oettinger sofort erzählt. Der aber habe die Sache abgetan – mithin also einen frühen Hinweis auf eine Täterschaft von Rechtsradikalen unterdrückt.

Der Beamte Oettinger weist die Behauptung der Frau entschieden zurück. In einer urkundlichen Stellungnahme hat er gegenüber dem NSU-Ausschuss erklärt, er habe nie einen solchen Hinweis auf Rechtsextreme bekommen. Das Schriftstück, das nach Berlin gesandt worden war, um die Ausschusssitzung am Montag unnötig erscheinen zu lassen, hat erst einmal nicht viel Wirkung gezeitigt. Aus den Reihen der Abgeordneten heißt es, sie hätten schon noch ein paar Fragen mehr.

Geld war der Informantin immer willkommen

Im Jahr 2009, gut zwei Jahre nach dem Heilbronner Mord, war Krokus noch mit anderen Dingen beschäftigt. Sie arbeitete außer für den Verfassungsschutz noch für einen hohenlohischen Schraubenhersteller und machte Telefonmarketing auf Provisionsbasis. Geld war immer willkommen. Auf einer Parteiveranstaltung der Linken in einer Gaststätte in Heroldhausen (Kreis Schwäbisch Hall) begegnete der pensionierte Gymnasiallehrer Eckart J. dieser Frau. Sie saßen am selben Tisch, plauderten, stellten fest, dass sie nicht weit voneinander entfernt wohnten. Man verabredete sich fortan zu gelegentlichen gemein­samen Spaziergängen mit den Hunden entlang der schönen Jagst.

An Silvester, dem Übergang ins Jahr 2011, lernte Petra Klass – angeblich über einen Chat – den weit gereisten Alexander Gronbach kennen, auch ein Mann aus dem Ort. Er war zu dieser Zeit für eine irische Baufirma in Dubai tätig. Auf Einladung Gronbachs flog Klass alias Krokus dann für ein paar Tage nach Dubai, und im März 2011 übersiedelte ihr neuer Freund plötzlich zu ihr. Um diese Zeit herum hat das Landesamt für Verfassungsschutz Krokus „abgeschaltet“.

Gronbach war den baden-württembergischen Behörden nur zu gut bekannt. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor war er selber V-Mann des Landeskriminalamts (LKA) gewesen. Er spürte als wertvoll geltende Informationen aus dem Drogenmilieu auf und half bei der Aufklärung einer Brandserie. Deswegen brachte das LKA den Mann auch zeitweise in einem Zeugenschutzprogramm unter. Allerdings galt Gronbach als kaum steuerbar und latent gewalttätig. Außerdem sahen Ermittler ein Drogenproblem bei ihrem Drogenspitzel.

Alexander Gronbach soll gute Kontakte zur IRA haben

Gronbachs Weg von seiner früheren V-Mann-Tätigkeit bis zu seinem Auftauchen 2011 aus Dubai ist weitgehend unbekannt. Unzweifelhaft sind Kontakte zur irischen Untergrundorganisation IRA sowie zu Geschäftsleuten und ranghohen Politikern im Nahen Osten, speziell im Iran.

Im hohenlohischen Kleinstädtchen machte Gronbach von Anfang an auf Weltmann. Der Ex-Lehrer J. und seine Frau betrachteten ihn als ein Faszinosum. Mal kündigte Gronbach an, er besitze eine Mitgliederliste des Rechtsradikalen-Forums Thiazi, die er zu verkaufen gedenke. Dann wieder prahlte er mit einer geldwerten Liste von Waffensystemen des Iran. Auch Krokus war offenkundig fasziniert. Das Paar versuchte, ins Geschäft mit Solaranlagen einzusteigen, doch daraus wurde nichts. Nebenbei machte sich Petra Klass bei der Ortspolizei einen Namen als fleißige Anzeigeerstatterin. Einmal zeigte sie, wie Gronbach erzählte, eine Landbaufirma, einen Bürgermeister und den Fürsten von Hohenlohe-Langenburg gleichzeitig wegen der Errichtung einer illegalen Erddeponie an.

Die Spitzelbeziehung zeigte von Anfang an ein explosives Element. Immer wieder gab es Streit, im September 2011 zog Gronbach zum ersten Mal für einige Tage bei dem Lehrerehepaar J. ein. Gronbach habe geargwöhnt, erzählt der Oberstudienrat, dass Petra Klass auf ihn angesetzt gewesen sei, die Beziehung also eigentlich auf einem Auftrag des Verfassungsschutzes fußte. Aus der Stuttgarter Behörde wird das heute entschieden verneint.