Zehn Jahre lang lebte das rechtsradikale Mord-Trio um Beate Z. in Zwickau. Doch die Stadt hat trotzdem keine starke Nazi-Szene.

Zwickau - Die Gruppe junger Männer vor dem Supermarkt an der Crimmitschauer Straße in Zwickau sucht erkennbar Ärger. Passanten wechseln eilig die Straßenseite oder vermeiden Blickkontakt. Flaschen machen ebenso die Runde wie ordinäre Parolen gegen Ausländer, Juden oder auch andere Jugendliche, die man mal "aufklatschen" sollte. Sie sehen nicht rechtsradikal aus, tragen weder Glatze noch Springerstiefel. Optisch passen sie nicht das Neonaziklischee.

Doch ihr Benehmen fügt sich in die Vorstellung über ein von Nazis unterwandertes Zwickau. Immerhin hat diese Stadt dem braunen Terrortrio von Jena jahrelang Unterschlupf geboten. Viele ihrer Morde hatten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt offenbar von hier aus geplant und sich dann hier wieder zurückziehen können. In Zwickau besaß das bundesweite Netzwerk "Nationalsozialistischer Untergrund" seine wohl wichtigste Schaltstation. Da stellt sich die Frage: Wie braun ist Zwickau?

Dass die Krakeeler vor dem Supermarkt nicht wie Neonazis aussehen, will für Daniel (Name geändert) nichts heißen. "Manche tragen heute sogar Röhrenjeans, Punkklamotten, Basecaps", erzählt er. Das sei heute etwas ganz anderes als vor einigen Jahren, da er noch einer rechtsradikalen Kameradschaft in der Stadt angehörte. Damals habe es ein klar definiertes Outfit in der Szene gegeben: Harringtonjacken, militante Camouflagehosen, Stiefel von Doc Martens. Heute dagegen trage mancher Aktivist in der braunen Szene der Stadt sogar halblange Haare.

Der Zusammenhalt der Gruppe tut gut

Daniel trieben einst "alltäglicher Frust und glühender Hass auf Ausländer" in die braune Kameradschaft. Er hatte erlebt, wie seine Familie zerbrach, weil sich seine Mutter mit einem kubanischen Gastarbeiter zusammengetan hatte. Er hatte erlebt, wie ein Jugendtreff nach dem anderen mangels Geld dichtmachte, während die Stadt millionenschwer das Rathaus aufpolierte. Er erlebte seine Lehrer als "reine Folien-DJs, die ihr Wissen an die Wand klatschen, ohne sich um deine Probleme zu kümmern". Wohin er blickte, "überall ging's nur abwärts - kein Geld, keine Zukunft, aber Politiker, die sich die Taschen vollstopfen."

Der Frust unter vielen Jugendlichen sei bis heute mit Händen zu greifen. Die Truppe vorm Supermarkt müsse noch gar nicht rechtsradikal sein, sagt er. Wie auch er einst, so quatschten sie zunächst nur die üblichen braunen Sprüche nach, um zu provozieren, Aufmerksamkeit zu finden. Allein die Zugehörigkeit zu einer solchen Kameradschaft tue gut - eine Art Familie, wie viele sie vorher nicht kannten.

"Plötzlich bist du für andere fast unantastbar. Du weißt, jeder der dich blöde anmacht, kriegt nun die ganze Clique auf den Hals", sagt Daniel. Am Wochenende gehe es dann gemeinsam zu Fußballspielen oder Szenekonzerten nach Berlin, Dresden oder Leipzig. Meistens seien Mädchen nicht erwünscht.

Zwickau wurde zu einem Versuchsfeld

Für die Jungen Nationalen (JN), über die die NPD ihren Nachwuchs rekrutiert, seien solche Kameradschaften ein "leichtes Futter". Die JN seien "ganz schlimm", sagt Daniel. "Sie sind geschult darin, junge Leute auf ihre Seite zu ziehen." Wer Grips habe, dem steckten sie Bücher zu und Artikel zu Ausländerfragen, die "scheinbar kluge Leute mit Diplom" verfasst haben. Zusätzlich lade man auswärtige Politiker ein. Daniel stieg eines Tages aus. Statt Antworten auf seine Fragen zu bekommen, fand er sich in Schlägereien mit Linken verwickelt.

So sprach 2006 auch der langjährige NPD-Chef Udo Voigt in Zwickau zur braunen Szene. Es waren die Jahre, da Aktivisten von den sogenannten Freien Kräften in Ostthüringen - wozu auch Jena gehört - Zwickau zum Versuchsfeld machten. Sie lebten hier in einer braunen WG, fanden schnell Kontakt zur örtlichen NPD, schalteten ein "Freies Netz Zwickau" online.

Bald scharten sich um sie auch Mitläufer für erste größere "nationalsozialistische" Demonstrationen. Angemeldet hatte sie anfangs Thomas Gerlach aus dem thüringischen Meuselwitz. Der Mann, der sich "Gruppenführer einer freien Gruppe im nationalen Widerstand" nennt, gehörte einst auch zu den Aktivisten des Thüringer Heimatschutzes, aus dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hervorgingen.

Nazi-Trio lebte völlig unauffällig

Für Beobachter aus der Zwickauer Antifa-Szene ist sicher, dass Gerlach wie auch der nun verhaftete Ralf Wohlleben Kontakte zum untergetauchten Terrortrio hatten. Doch Querverbindungen zur städtischen Neonaziszene schließt man bisher aus. "Zumindest ist uns bei Recherchen dazu noch nichts aufgefallen", sagt auch René Hahn, der für Linke im Zwickauer Stadtrat sitzt.

Akribisch habe man in den vergangenen Wochen Fotos und Videos gesichtet, die man vor allem 2007 bis 2009 bei rechtsextremen Demonstrationen gemacht hatte. Doch Mundlos, Böhnhardt oder auch Beate Zschäpe wurden nie entdeckt.

Stattdessen stießen linke Gruppen auf andere überraschende Dinge. So lebte das Trio bis 2009 in einer von Beate Zschäpe unter falschem Namen angemieteten Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße. Im selben Haus wohnte auch eine türkische Familie, mit der man an schönen Sommertagen im Garten gemütlich zusammensaß. Mithin seien weder sie noch der unlängst in Brandenburg verhaftete André E., der in seiner Zwickauer Wohnung das Video über die Dönermorde produziert hat, je irgendwie rechtsradikal aufgefallen, sagt Aussteiger Daniel. "Sie hatten die perfekte Tarnung - nur durch wen?"

Mitgliederzahl der "Freien Kräfte" hat sich halbiert

Das "Projekt Zwickau", mit dem Thüringens Rechte den "nationalen Widerstand" auch in westsächsische Lokalparlamente tragen wollte, gilt mittlerweile als gescheitert. Das liegt zum einen an den falschen Führungsleuten in Zwickau. Langjähriger Kopf der Szene ist Peter Klose. Der 58-Jährige war einst sächsischer Landesvize der Republikaner, eher er zur NPD wechselte und hier 1995 den Kreisvorsitz übernahm.

2006 rutschte Klose sogar für drei Jahre als Nachrücker in den Dresdner Landtag. Doch sein wenig geschliffenes Auftreten belastete bald das Verhältnis zu NPD-Fraktionschef Holger Apfel. Als die Partei den Neonazi zur letzten Landtagswahl nicht mehr nominierte, verließ er die NPD. Sein politisches Ende beförderte auch das Scheitern der rechten Offensive in Zwickau. Denn andere Aktivisten konnten Kloses Abgeordnetenbüro nicht mehr als Mobilisierungszentrale nutzen.

Zu ihren besten Zeiten zählten die "Freien Kräfte" rund 60 aktive Mitglieder. Nachdem der Kampf um die Parlamente gescheitert war, suchten sie damals vor allem den Kampf um die Straße. So wurde 2009 ein Stadtrat der Linken in einer Discothek niedergeschlagen. Es gab es Überfälle auf Besucher eines linken Festivals.

Mittlerweile schätzt die Zwickauer Linke ihre Zahl jedoch auf gerade noch 30 Mitglieder. Stadtrat Hahn führt dies auch auf den gewachsenen Widerstand demokratischer Kräfte zurück. Diese seien mittlerweile so stark, dass es sogar gelinge, rechtsradikale Fans aus dem Umfeld des Fußballklubs FSV Zwickau im Stadion niederzubrüllen. Der linke Fanblock "Red Kaos" ist bei jedem Heimspiel dabei.

"Sieg-Heil"-Rufe der Zwickauer FSV-Spieler

Seit Kurzem ermittelt der Staatsschutz gegen den FSV Zwickau. Zeitgleich zur Gedenkveranstaltung für die Opfer der braunen Terrorzelle, zu der sich Tausende Zwickauer vor acht Tagen trafen, empfing auch der FSV den Erzrivalen Erzgebirge Aue. Nicht nur auf den Rängen tönten rassistische Gesänge. Auch aus der Zwickauer Spielerkabine waren anschließend "Sieg-Heil!"-Rufe zu hören. Der Klubpräsident kündigte bereits an, den vermuteten Gröler umgehend auszuschließen. Doch linke Politiker zeigen schon lange auf den Club. Im Verwaltungsrat sitzt der Chef der Nazi-Band "Diary of a dying Nation". Red Kaos hat noch viel zu tun.

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