Rennstrecke Neue Weinsteige Warum eine Unfallkurve fast schon ein Stuttgarter Wahrzeichen ist

Seit 25 Jahren schlängeln sich Autofahrer auf der Neuen Weinsteige an Baustellenbaken vorbei. Foto: Uli Kraufmann

Die kurvige Panoramastrecke der Neuen Weinsteige hat viele schöne Ausblicke in den Stuttgarter Talkessel – nur die rot-weiße Baustellenbaken mögen nicht dazu passen. Was steckt dahinter?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - Der Bundestagsabgeordnete schreibt dem Oberbürgermeister: „Bitte nehmen Sie diese leidige Angelegenheit persönlich in die Hand.“ Die Polizei wettert gegen die Stadt: „Das ist langsam ein Skandal.“ Der Bürgermeister ätzt gegen die Polizei: „Das ist teilweise inkompetente Kritik.“ So kann es zugehen beim Streit über die Verkehrssicherheit in Stuttgart, einem Streit um die Neue Weinsteige. Ein Mahnmal erinnert bis heute daran – und begeht ein Jubiläum. Die rot-weißen Plastikbaken in der Kurve unter dem Weinberg wirken wie eine provisorische Baustelle. Doch das täuscht. Keine Baustelle, kein Provisorium. Dort, wo die Panoramastrecke den schönsten Ausblick auf Stuttgarts Talkessel bietet, ist die Straße am hässlichsten. Und das seit nunmehr 25 Jahren: Zu Ostern 1996 hat das Tiefbauamt die Baken aufgestellt. „Das ist keine Dauerlösung“, erklärte der damalige Amtschef Hartwig Beiche, „wir machen das jetzt, um keine Zeit zu verlieren.“

 

Die Polizei ist dagegen

Damals, 1996, bricht ein öffentlicher Streit zwischen Stadt und Polizei aus. „Wir lehnen die beabsichtigte Vorgehensweise ab“, kritisieren die Experten der Verkehrspolizei. Nur eine Betongleitschutzwand könne Frontalzusammenstöße verhindern. „Wir müssen die Entgegenkommenden vor notorischen Rasern und Angetrunkenen schützen.“

Rennstrecke Neue Weinsteige: In den Neunzigern, nachdem die rutschigen Straßenbahngleiseund Kopfsteinpflasterabschnitte in der Fahrbahnmitte entfernt sind, geben die Verkehrsteilnehmer talwärts Gas. 40 000 Autos täglich, sechs Prozent Gefälle, enge Kurvenradien – das Tempolimit von 50 gilt eher als Empfehlung. Mancher wird mit 100 km/h geblitzt.

Düstere Unfallzahlen alarmieren die Politik

Drei Tote binnen zweier Monate: 1992 ist für die Weinsteige ein besonders dunkles Jahr. Ein 31-jähriger Motorradfahrer gerät im August auf die Gegenfahrbahn, kollidiert mit einem Kleinbus. Bilanz: ein Toter, ein Schwer-, zwei Leichtverletzte. Ein Golf mit vier Insassen fliegt im Oktober aus einer Rechtskurve, stürzt den Abhang hinunter, rammt einen Baum. Die 27-jährige Fahrerin überlebt, nicht aber ihr 31-jähriger Ehemann und die 54-jährige Schwiegermutter. 52 Unfälle allein im zweiten Halbjahr 1994, und auch 1995 nur Alarm: Neun Unfälle allein in der Kurve unterm Weinberg, 22 Verletzte.

Die Polizei fordert eine Betongleitwand, wie in der Rotenwaldstraße. Der Bundestagsabgeordnete Roland Sauer (CDU) weist Manfred Rommel, Parteifreund und OB, auf eine „mangelnde Verkehrssicherheit“ hin und fordert ebenfalls eine Gleitwand. Die Stadt setzt indes auf einen Blitzkasten, der seit 1984 nicht mehr als notwendig erachtet worden war. Auf der Geraden unterhalb des Etzeldenkmals blitzt im August 1995 ein neues Gerät binnen weniger Tage 628 Autofahrer, die mindestens 74 km/h auf dem Tacho haben.

Die Plastiklösung ist erheblich billiger

Die Stadtverwaltung wehrt sich gegen eine Betonwand. Dazu müsste die Fahrbahn verbreitert, eine Stützmauer ausgebaut werden. Kosten: umgerechnet 750 000 Euro. Ein Ortstermin mit Verkehrsministerium und Regierungspräsidium bringt der Stadt ein billiges Provisorium: Plastikleitbaken wie bei einer Baustelle, auf 350 Metern, für umgerechnet 30 000 Euro – gegen das Votum der Polizei. Nach den Osterferien 1996 geht’s los.

An Karfreitag fliegt noch ein 22-Jähriger mit dem Heck voraus aus der Kurve und prallt gegen einen Metallzaun. Anderthalb Wochen später schleudert ein Transporterfahrer in den Gegenverkehr, der Frontalzusammenstoß fordert einen Schwer- und eine Leichtverletzte. Doch die Zahl der Unfälle sinkt. Nur noch sechs Kollisionen binnen eines Jahres statt 16.

Und wie viele Baken wurden Opfer?

Der Trend setzt sich fort – vor allem, als im Dezember 2008 stadteinwärts vor der Kurve ein zusätzlicher Blitzer in Betrieb genommen wird. Und zusätzlich 2019, als aus Umweltgründen Tempo 40 gilt. „Der Bereich wird nicht mehr als Unfallhäufungsstelle eingestuft“, sagt Stadtsprecher Martin Thronberens. Die Polizei bestätigt: 2020 gab es nur noch drei Unfälle in der Kurve, halb so viele wie 2019. Seit dem Jahr 2009 wurden 53 Unfälle in der Kurve registriert – indes mit einem Wermutstropfen: „Wenn es mal Verletzte gibt“, sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann, „dann sehr oft mit gravierenden Folgen.“ Von 27 wurden 24 schwer verletzt.

Die rot-weiße Plastikallee wird auch weiterhin die Kurve zieren: „Die Bakenlösung hat sich bewährt“, sagt Stadtsprecher Thronberens. Eine Sparlösung als Erfolgsmodell – und Kulisse für den „Tatort“-Fernsehkrimi „Stau“, Folge 1076, mit Richy Müller. Dabei haben nicht alle Baken ihr 25-Jahr-Dienstjubiläum erlebt. Einige sind von Autos abgeräumt worden. Die Opferbilanz: 28 Stück.

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