S-Nord Ein Ästhet mit Schwäche für Leopardmuster

Von Eva Funke 

Das Goethe-Institut zählt Alexander Brenner zu den international besten Architekten.

Lebt seine Vision von guter Architektur: Alexander Brenner im Rohbau seines eigenen Hauses. Foto: Eva Funke
Lebt seine Vision von guter Architektur: Alexander Brenner im Rohbau seines eigenen Hauses. Foto: Eva Funke

Stuttgart - Leopardmuster schmücken das Büro. Im Esszimmer verschwindet eine Nische hinter einem Vorhang mit Leoparddruck. Wie passt die geschmackliche Inkonsequenz zu einem Mann, der laut Goethe-Institut zu den zehn besten Architekten Deutschlands gehört, dessen Villen bis ins Detail durchdacht sind und der bei der Gestaltung der Wohnräume und Gärten seiner Projekte den Zufall ausschaltet?

„Das kommt aus meiner Studentenzeit“, sagt Alexander Brenner. Damals hat er sich darüber lustig gemacht, dass Architekten nur schwarz tragen. „Gruppen von Schwarzträgern sind eine Trauergesellschaft oder Kollegen“, sagt er und verfiel aufs Leopardmuster. Erstmals als Deko-Element eingesetzt hat er es in einer Stuttgarter Bar. Mittlerweile ist es sein Markenzeichen, das sich spielerisch abgewandelt als Zitat in vielen seiner Objekte findet

Rund 40 Villen und Häuser hat Brenner in den vergangenen 27 Jahren entworfen und gebaut. Etwa 20 davon stehen in Stuttgart wie zum Beispiel das Su-House in Degerloch, die übrigen in anderen deutschen Städten. Die ersten zehn Jahre sah es nicht danach aus, dass Brenner den Durchbruch schafft: Er hat nichts verdient und in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Dusche gewohnt. Ein kleines Büro gab es allerdings schon. „dort hab ich bis zu 15 Stunden gearbeitet und auf alles verzichtet: Familie, Urlaub, Amüsement“. Mittlerweile hat der 58-Jährige 15 Mitarbeiter in seinen Räumen an der Parlerstraße im Norden. Etwa vier Häuser baut er pro Jahr, bei rund 250 Anfragen. Darunter sind so gigantische Projekte wie der Bau von 2000 Wohnungen in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Brenner hat abgelehnt: „Ich arbeite nur mit Handwerkern, die ich kenne und für Qualität stehen.“

Interesse hätte er an Städtebauprojekten in Stuttgart, doch Kompromisse sind nicht Brenners Sache. „Als Architekt habe ich die Verantwortung, gut und nachhaltig zu bauen“, sagt er. Mit einem privaten Bauherrn sei das einfacher als mit einem Investor. Wenn es um Rendite geht, bleibe die Qualität auf der Strecke. Beispiele dafür in Stuttgart: „Die Königsbaupassagen scheinen den Königsbau zu überrollen. Und das Dorotheenquartier hätte ich auch anders gebaut“, stellt er fest. Der Fehler sei, dass nur ein Architekt ein so riesiges Quartier gestalte. Stuttgarts großes Defizit sieht er darin, dass es seit 1945 keine kontinuierliche städtebauliche Planung mehr gibt.

Vor der Planung wird der Bauherr ins Verhör genommen

Beim ersten Termin mit einem möglichen Bauherrn hat Brenner ein weißes Blatt vor sich liegen und macht Plus- und Minuszeichen. Fordert der mögliche Kunde: „Wir wollen dann und dann einziehen“, gibt’s ein Minus, sagt er: „Wichtig ist uns, dass das Gebäude zu uns passt“, gibt es ein Plus. Sind fünf Minuszeichen zusammen, lehnt Brenner den Auftrag ab. Bei fünf Pluszeichen sind Bauherr und Architekt im Geschäft, und der Kunde wird einem schonungslosen Verhör unterzogen: Welche Erwartungen stellt er an sein Heim, welche Gewohnheiten haben er und die Mitbewohner, schnarcht einer, muss jemand nachts oft zur Toilette, leben die künftigen Eigentümer zurückgezogen oder sind sie gesellig. Für eine perfekte, an den Bedürfnissen der Bewohner ausgerichtete Planung darf es kaum Geheimnisse geben.

Auskragende Dächer scheinen die Häuser fliegen zu lassen. Brenners Gebäude haben klare Formen und sind hoch funktional. Sogar an die Haustiere ist gedacht. Mit dem Ergebnis, dass das Katzenklo in einer Schublade mit Schlupflöchern für die Katzen verschwindet und sogar für die Entlüftung des Tier-WCs gesorgt ist. Obwohl seine Villen ans Bauhaus erinnern, hätten sie mit dessen Stil nichts zu tun: „Mit dem haben sie nur noch die Farbe Weiß und die Flachdächer gemeinsam.“

Will ein Kunde bei der Auswahl der Möbel nicht auf Erinnerungsstücke verzichten, obwohl sie die Ästhetik des Gesamtentwurfs durchkreuzen, schmeißt Brenner dann hin? „Nein, aber früher hatte ich bei jedem Haus Angst um meinen Entwurf . Mittlerweile bin ich lockerer. Dann werden die guten alten Stücke in die Planung miteinbezogen“, sagt Brenner.

Die Kosten für ein Brenner-Traumhaus liegen zwischen 500 000 und fünf Millionen Euro. Seine Arbeit scheint er zur Zufriedenheit der Bauherrn zumachen: In 27 Jahren gab es noch keine gerichtliche Auseinandersetzungen. Derzeit baut Brenner sein eigenes Haus in der Parlerstraße.

Sonderthemen

Unsere Empfehlung für Sie