Scharfe Schüsse in und um Stuttgart Erster Haftbefehl nach Waffenfund bei Razzia
Bei der Serie der Waffengewalt in Zuffenhausen und der Region prüft die Polizei auch Bezüge zu rockerähnliche Gruppierungen. Die Sonderkommission „Runaway“ ermittelt.
Bei der Serie der Waffengewalt in Zuffenhausen und der Region prüft die Polizei auch Bezüge zu rockerähnliche Gruppierungen. Die Sonderkommission „Runaway“ ermittelt.
Die Sonderkommission nennt sich „Runaway“ – englisch für Ausreißer. „Dies deshalb, weil nach den Schüssen in Zuffenhausen plötzlich alle Beteiligte das Weite gesucht haben“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Timo Brenner. Zurück blieb ein schwer verletzter 32-Jähriger, der per Notoperation gerettet werden musste. Immerhin hat die Soko damit einen Ansatzpunkt für die möglichen Hintergründe, weshalb seit Monaten nicht nur in Zuffenhausen, sondern auch in den Kreisen Esslingen und Göppingen scharf geschossen wird.
Die Beteiligten der Schießerei am Freitag gegen 21 Uhr in der Burgunderstraße in Zuffenhausen sind noch unbekannt – doch immerhin ist der Stuttgarter Polizei ein Beifang gelungen. Gegen einen 21-Jährigen, bei dem eine Nacht später bei einer Razzia im Schwabenzentrum in der Innenstadt eine scharfe Schusswaffe gefunden wurde, ist am Montag Haftbefehl erlassen worden.
Kurzfristig hatte die Polizei mehrere hochgerüstete Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten in der Nacht zum Sonntag an den Josef-Hirn-Platz beordert, um ein Signal zu setzen. Auch dort ist in der Vergangenheit scharf geschossen und auch zugestochen worden – und das einschlägige Klientel nicht unbedingt kooperativ. „Weil es in der Vergangenheit auch dort entsprechende Delikte gab, wollten wir Waffen und gefährliche Gegenstände beschlagnahmen, um mögliche weitere Konflikte zu verhindern“, sagt Polizeisprecher Brenner.
Sind die Schüsse ein Beleg für neue Bandenkriege, wie sie rockerähnliche Gruppierungen wie „Red Legion“, „Stuttgart Kurden“, „Black Jackets“, „United Tribuns“ oder „Osmanen“ ausgefochten hatten? Es heißt, dass das Milieu immer neue Konstellationen produziert, dass alle Beteiligten eines gemeinsam haben: Kein Ton zur Polizei. Wie bei den Schüssen 2019 am Josef-Hirn-Platz: Auch die Opfer schweigen. Von Bandenkrieg will Brenner nicht sprechen, aber: „Die Soko prüft auch Bezüge zu rockerähnliche Gruppierungen“, sagt er.
Allein in Zuffenhausen knallte es im vergangenen Jahr schon dreimal – ohne heiße Spur. Seit Mitte Februar häufen sich die Schießereien besonders. Erst in Ostfildern-Parksiedlung, dann Eislingen und Donzdorf (Kreis Göppingen), Reichenbach und Plochingen (Kreis Esslingen). Dabei wurden eine 21-Jährige in Eislingen und ein 66-jähriger Gastwirt in Plochingen getroffen und schwer verletzt. Ob es hier Überschneidungen gibt, gilt als durchaus wahrscheinlich. Die Informationsfäden der Sonderkommissionen laufen beim Landeskriminalamt zusammen, damit alle Ermittler der Polizeipräsidien Stuttgart, Reutlingen und Ulm auf dem neuesten Stand sind.
Was hinter den Vorfällen stecken könnte, zeigt der Prozess vor der 3. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts, der am vergangenen Freitag begonnen hat. Zufälligerweise am Tag der Schüsse in Zuffenhausen. Vier junge Männer sind angeklagt, im September vergangenen Jahres in Esslingen-Mettingen auf eine rivalisierende Gruppe gefeuert zu haben. Bei der Auseinandersetzung fielen mindestens 19 Schüsse aus halbautomatischen Handfeuerwaffen. Ein Wunder, dass niemand getroffen wurde.
Die Angeklagten, damals 20 bis 21 Jahre alt, schweigen zunächst. Ihre Wurzeln haben sie im früheren Jugoslawien, in der Türkei und Nigeria. Zwei sind Auszubildende, zwei berufslos. Einer ihrer damaligen Gegner, ein 32-jähriger mit kurdischer Herkunft, soll ebenfalls geschossen haben. Er sitzt offenbar noch im Fürstentum Liechtenstein in Haft. Wie es heißt, sollen die Schüsse eine Revanche für eine vorausgegangene Körperverletzung gewesen sein. Für den Prozess sind weitere 20 Verhandlungstage bis Herbst angesetzt.
Seit Sonntagfrüh haben es die Ermittler mit weiteren Schüssen zu tun - abgefeuert auf den Göppinger FDP-Kreisrat und Landwirt Georg Gallus junior. Er wurde auf seinem Uhlandhof in Hattenhofen (Kreis Göppingen) angeschossen, morgens um vier, und der unbekannte Schütze feuerte dabei offenbar von außen durch ein Fenster. Der 65-Jährige, Sohn des früheren FDP-Vorstandsmitglieds und Staatssekretärs im Bundeslandwirtschaftsministerium Georg Gallus, kam schwer verletzt in ein Krankenhaus. Zusammenhänge werden geprüft, womöglich gibt es aber andere Hintergründe.