Serie „Besser leben“ Lektion in Sachen Lebenskunst

Antike Straßenszene: in dieser Bearbeitung von Raffaels „Schule von Athen“ wird klar, was die alten Philosophen wirklich denken. Foto: StZ
Antike Straßenszene: in dieser Bearbeitung von Raffaels „Schule von Athen“ wird klar, was die alten Philosophen wirklich denken. Foto: StZ

Von Carpe diem bis hin zu Memento mori – Ratgeberliteratur mit weisen Sprüchen verkauft sich blendend, erst recht wenn sie philosophisch daherkommt. Aber sind derlei Denkübungen überhaupt zeitgemäß?

Sport: Daniel Hackbarth (had)
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Stuttgart - Die Früchte geistiger Arbeit mögen süß sein – Ausweis besonderer Lebensführungskompetenz sind sie nicht. Einer Anekdote zufolge sollen sich einst zwei Gelehrte geschlagene vierzehn Tage um die korrekte Bildung des Vokativs des lateinischen Pronomens „ego“ gestritten haben, ehe sie sich schließlich gegenseitig an die Gurgel gesprungen sind. Gerade Philosophen stehen im Ruf, verschrobene Vögel zu sein; man denke etwa an den Griechen Diogenes, der freiwillig sein Dasein in einer Tonne fristete, also streng genommen sich für ein Leben als Penner entschied.

Umso überraschender, dass die Nachfrage nach philosophischem Ratschlag floriert. Weisheit verheißende Titel finden sich in den Bestsellerlisten wieder, im Fernsehen kann man Richard David Precht beim Nachdenken zugucken, und neuerdings gibt es in Köln sogar ein Philosophiefestival, das sich an interessierte Laien richtet. Weit davon entfernt, Philosophie als das Geschäft lebensfremder Eigenbrötler zu betrachten, erhoffen sich offenkundig viele Menschen von den Antworten, die diese Disziplin verspricht, Orientierung. Aber kann das funktionieren – ein besseres Leben durch philosophische Reflexion, also durch eine Tätigkeit, die schon ihrer Definition nach von den konkreten lebensweltlichen Umständen abstrahiert?

Philosophie lässt sich nicht mit Lebenskunst identifizieren

Zumindest existiert in der Lebenskunstliteratur ein philosophisches Genre, das sich dezidiert der Frage widmet, wie ein glückliches Dasein zu erreichen ist. In der akademischen Philosophie der Gegenwart spielt dieses jedoch allenfalls eine marginale Rolle. Philosophie mit Lebenskunst zu identifizieren wäre schlicht falsch, da jene – von der Erkenntnistheorie über die Metaphysik und Ontologie bis hin zur Ästhetik und Sozialphilosophie – vor allem Themen bearbeitet, für die Klugheitslehren zur Bewältigung der kleineren und größeren Lebenskatastrophen keine Bedeutung haben. Die moderne Moralphilosophie indes richtet sich an den Menschen im Allgemeinen, hat also universalen Anspruch; der Einzelne in seinen besonderen biografischen Umständen interessiert sie nicht.

Für das antike Denken zeichnet sich indes ein anderes Bild. Hier war es tatsächlich noch so, dass die Ars Vivendi einen zentralen Rang innehatte. Vor allem die Schulen des Epikureismus und der Stoa entwickelten zahlreiche Leitfäden zur Lebensführung. Diese waren allerdings eingebettet in die Vorstellung von der Welt als einer nach vernünftigen Prinzipien strukturierten Ordnung, die normativ bindend war für den Menschen. Antike Lebenskunst wollte dementsprechend anleiten, ein der natürlichen Ordnung angemessenes Leben zu führen: Ein glückliches Dasein kann dieser Vorstellung zufolge nur derjenige erreichen, der sich an den Grundsätzen orientiert, nach denen der Kosmos im Ganzen aufgebaut ist.

Senecas Maximen spenden heute noch Trost

Für die Entstehung des neuzeitlichen Denkens war aber gerade der Bruch mit solchen naturphilosophischen Ideen konstitutiv; die modernen Wissenschaften fragen nicht mehr nach Sinn-, sondern nach Kausalzusammenhängen. Daher ist jede Aktualisierung antiker Lebenskunst nur um den Preis zu haben, dass deren kosmologisch-ontologischer Kontext gekappt wird. Während also in der Antike die Maximen der Lebenskunst tatsächlich philosophisch fundiert waren, wäre eine solche philosophische Grundlegung der Lebenskunst heute nur noch auf Kosten eines Rückfalls ins Vormoderne zu haben. Daher spielt diese an den Universitäten kaum noch eine Rolle; und wenn doch, dann aus historischem Interesse.

Gleichwohl lassen sich die einzelnen Ratschläge berühmter antiker Denker wie Seneca, Marc Aurel oder Epikur meist fast gänzlich unproblematisch auf den modernen Alltag übertragen. Dies zeigt zugleich aber an, dass in dieser Disziplin keinerlei Erkenntnisfortschritt zu verzeichnen ist, jedenfalls keiner, der mit demjenigen der Wissenschaften zu vergleichen wäre. Vielmehr sind Lebenskunsttexte in der Regel Sammlungen von Klugheitsregeln, die sich über den Lauf der Zeit gewissermaßen empirisch bewährt haben, wenn sie nicht ohnehin schon die unmittelbare Evidenz von Aufforderungen aufweisen wie derjenigen, jeden Tag sinnvoll zu nutzen, weil das Leben ja so kurz ist. So ist es im Einzelfall durchaus möglich, dass etwa Senecas Maximen bei einem Schicksalsschlag auch heute noch Trost spenden können.




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