Andy Holzer ist der einzige blinde Profi-Bergsteiger Europas. Noch im Mai will er auf dem Gipfel des Mount Everest stehen. Wir begleiten ihn mit einer Serie bei seiner Vorbereitung und beim Weg hinauf in eisige Höhen.

Leben: Markus Brauer (mb)

Mount Everest - 14. Mai 2017 – 42. Tag der Expedition des „Blind Climber“ Andy Holzer und seines Teams auf den Mount Everest.

Warten auf besseres Wetter

Das Wetter am Everest war das ganze Wochenende über durchwachsen. Starke Winde machten einen Aufstieg unmöglich. Andy Holzer, Wolfgang Klocker und Klemens Bichler harren weiter im Advanced Base Camp (ABC, vorgeschobenes Basislager) auf 6400 Meter aus.

Hunderte Bergsteiger warten in den Basislagern

Wie das nepalesische Amt für Tourismus in der Hauptstadt Kathmandu mitteilte, sind in dieser Klettersaison Lizenzen an 372 Bergsteiger vergeben worden, die den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt erlauben. Hinzu kommen noch weitere mehr als 300 Bergsteiger aus aller Welt, die noch Lizenzen aus den Jahren 2014 und 2015 haben sowie rund 400 lokale Bergführer, Köche und Gepäckträger, die die Bergsteiger beim Aufstieg unterstützen.

Insgesamt wollten sich 42 Expeditionsteams auf dem Weg zum 8848 Meter hohen Gipfel machen, hieß es weiter. Im vergangenen Jahr hatte Nepal Lizenzen für 34 Teams und 289 Bergsteiger vergeben. Eine Lizenz zum Aufstieg auf den Mount Everest kostet in Nepal mindestens 11 000 Dollar (ca. 10 000 Euro)pro Person.

Sherpas haben den Weg auf den Gipfel bereitet

„Die ersten Sherpas werden sich nun auf den Weg zum Gipfel machen“, sagte Temba Tsheri Sherpa, Organisator einer der Expeditionen. Als Temba Tsheri 2001 mit 16 Jahren den Gipfel erreichte, war er der bis dahin jüngste Everest-Bezwinger. „Sie werden die Ersten sein, die den Berg in dieser Saison komplett besteigen.“ Das Wetter werde erstmals in dieser Saison gut genug sein, um den Aufstieg zu wagen. Die Saison am Everest geht in der Regel von Mitte April bis Ende Mai.

„Wir haben 2017 die größte Zahl an Lizenzen seit vielen Jahren vergeben“, sagte Durga Dutta Dhakal, der Chef der Tourismusbehörde. „Ein Grund dafür ist, dass viele Kletterer noch Lizenzen aus dem Jahr 2015 haben. Deren Gültigkeit haben wir verlängert, nachdem wegen des schweren Erdbebens alle Expeditionen abgesagt werden mussten.“

Reinhold Messner Weg auf den Everest

Routenverlauf

Basislager – Nordgrat – Traverse der Nordwand – Große Couloir – Gipfel.

Basislager – Nordgrat

Die Tour über den Norton-Couloir aus Richtung Nordgrat wurde erstmals von Reinhold Messner im Jahr 1980 bei seinem legendären Soloaufstieg gewählt. Wahrscheinlich nahmen auch Edward Mallory und Edward F. Norton bei ihrem Aufstiegsversuch 1924 diese Route über den North Col, die Traverse und den Aufstieg der Great Couloir bis auf den Gipfel.

Messner/Habeler – Messners Solo

Am 8. Mai 1978 standen Reinhold Messner und Peter Habeler auf dem Gipfel des Mount Everest. Sie waren die ersten Menschen, denen dies ohne die Verwendung von zusätzlichem Sauerstoff gelang.

Zwei Jahre später, am 20. August 1980, stand Messner erneut auf dem höchsten Berg der Erde, erneut ohne Sauerstoffgerät. Für seine spektakuläre Solo-Besteigung im alpinen Stil wählte er die Nordroute zum Gipfel – die sogenannte Messner-Traverse.

Alpinstil

Im Zeitalter der Kletter-Kommerzialisierung steigt man mit großem Gerät auf den Everest. Beim klassischen Expeditionsstil werden Hochträger, fest installierte Hochlager, Materialdepots, Fixseile und Leitern eingesetzt. Auf diese Weise können reiche Bergsteiger-Amateure selbst den höchsten Gipfel der Welt erklimmen.

Bergsteiger-Ikonen wie Reinhold Messner, Hans Kammerlander oder Gerlinde Kaltenbrunner sind solche Material-Exzesse ein Graus. Sie klettern im Alpinstil die höchsten Berge hinauf. Der Alpinstil ist eine Variante des Höhenbergsteigens, bei der die gesamte Begehung ähnlich wie in den Alpen durchgeführt wird. Selbst die 14 Achttausendern werden als kleine Seilschaft, ohne fremde Hilfe durch Träger, ohne zuvor präparierte Route und in einem Zug vom Basislager bis zum Gipfel und zurück bestiegen.

Auch die für die Tour notwendige Verpflegung und Ausrüstung wie Zelte, Seile, Karabiner und Eispickel werden selbst getragen. Auf den Einsatz von Flaschensauerstoff wird grundsätzlich verzichtet.

Traverse der Nordwand: Große Couloir

Außerhalb des Nordsattels auf 7800 Meter querte er in der Horizontalen in der Nordwand zum Norton-Couloir. Ihren Namen verdankt dieser Steilhang dem britischen Bergsteiger Edward F. Norton, der am 4. Juni 1924 bei seinem erfolglosen Gipfelsturm bis auf eine Höhe von circa 8570 Meter kam.

Messner stieg senkrecht von circa 7800 auf 8700 Meter auf, bis er auf den Nordostgrat einschwenkte. Er entschied sich nach eigener Aussage spontan für diesen Weg, um den ausgesetzten Nordostgrat und den gefährlichen Second Step zu umgehen. Während seines Solo-Aufstiegs hatte er vom Basislager auf 5400 Meter bis zum Gipfel keine Lager auf dem Berg eingerichtet.

„Allein am Berg“

„Allein am Berg. Es gab keine Spur, kein Zelt, kein Fixseil. Ich war am Ende unendlich weit weg von der Sicherheit“, erinnert sich der 72-Jährige. „Ich hatte ganz oben immerzu Angst, dass meine Spur verweht, war ich doch beim Abstieg auf die Spur angewiesen – sonst hätte ich mich da oben verloren.“ Fünf Tage dauerte sein Alleingang hin und zurück. Mehr als 7000 Höhenmeter überwand er. „Das ist eine lange Zeit. Im Unterbewusstsein ist das wie ein Monat.“

„1980 war es noch möglich, am Mount Everest Abenteuer zu erleben“, so der Südtiroler weiter. „Wenn Sie heute allein auf den Everest gehen wollen, stolpern Sie überall über Fixseile und Lager – es geht gar nicht mehr. Da bauen die Sherpas eine Art Klettersteig und wenn die Piste fertig ist, führen die Reiseunternehmen die Gruppen zum Gipfel. Es ist anstrengend, es ist gefährlich – aber nicht zu vergleichen mit dem, was es früher war.“