Sibylle Berg in den Wagenhallen „Ich mache Sie heute alle depressiv“

Von Christof Hammer 

Performance, DJ-Set und Lesung zugleich: Die Schriftstellerin Sibylle Berg hat eine Bühnenversion ihres Romans „GRM“ in die Stuttgarter Wagenhallen gebracht und dabei die dunkle Seite des Digitalismus ausgeleuchtet.

Auch wenn sie lächelt, rast sie auf den Abgrund zu: Sibylle Berg. Foto: Getty Images
Auch wenn sie lächelt, rast sie auf den Abgrund zu: Sibylle Berg. Foto: Getty Images

Stuttgart - Das Jahr ist noch jung, aber was den Literaturbetrieb betrifft, hat es mit Sibylle Bergs Roman „GRM – Brainfuck“ schon jetzt ein frühes Großereignis. Kaum ein Feuilleton, das nicht über dieses sechshundertvierzig Seiten starke Endzeitgemälde berichtet, das freilich viel zu nah an der Realität vibriert, um es als bloße Utopie abzutun. Verstörend authentisch bewegt sich die Geschichte über das Leben von vier englischen Jugendlichen in einem Milieu sozialer Totalzerstörung an der verdichteten Wirklichkeit entlang – auch wenn die deutsch-schweizerische, in Zürich lebende Schriftstellerin einen finalen Schuss an (noch?) fiktiven Elementen als Topping dazukippt.

Aus diesen Buchseiten eine Bühnenversion zu destillieren, ist eine Herkulesaufgabe – versucht haben es Sibylle Berg und der in Stuttgart lebende Musiker und Regisseur Sebastian Schwab dennoch. Radikal ausgebeint hat das auch schon im hiesigen Schauspielhaus zusammenarbeitende Duo die literarische Vorlage, um ganz und gar die Kernaussage und den musikkulturellen Background von „GRM“ in den Mittelpunkt zu stellen: Mit dem Internet und den Apparaten der Künstlichen Intelligenz hat unsere Gesellschaft digitale Höllenmaschinen erschaffen, die den Menschen zum Datenlieferanten degradieren, seine physischen und psychischen Dispositionen hemmungslos freilegen und monetarisieren. Den Soundtrack für das Heranwachsen im Orkan einer sich zersetzenden, radikalisierenden, sich sämtlicher humanistischer Sicherungssysteme entledigenden Gesellschaft liefert der titelgebende, in England geborene „Grime“-Stil – im Buch nur leicht zugespitzt als „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“ bezeichnet.

Beats aus dem Häcksler

In den Stuttgarter Wagenhallen – gut vierhundert Zuschauer hat das Kulturzentrum Merlin als Veranstalter Richtung Nordbahnhof gelockt – kommt dieser Mahlstrom aus gehäckselten Beats, Hochgeschwindigkeits-Rap und Synthieklängen aus erster Hand: Der englische Grime-Pionier Prince Rapid fingert die Sounds aus dem Computer, der vierzehnjährige Rapper T-Roadz feuert dazu ein rasantes Silben-Stakkato ab. Zusammengekommen sind die beiden Musiker in der Londoner Ruff Sqwad Arts Foundation, einer Stiftung, die Jugendliche mittels Musik-Workshops von der Straße holt – eine bessere Sozialarbeit als ein solches Projekt kann man sich kaum vorstellen. Die Rollen der weiteren Romanfiguren übernehmen drei jugendliche Darsteller, teils von der Stuttgarter Hochschule für Musik und darstellende Künste, und fortan verzahnen sich Grime-Sounds und deutsch-englische Romanpassagen zu einer mit siebzig Minuten recht knappen Mischung aus Lesung, Performance und DJ-Set, die gleichwohl viele Gesichter und Facetten hat.

„Ich bin die Herrscherin über die Finsternis und mache Sie heute Abend alle depressiv“, begrüßt Sibylle Berg ihr Publikum, wohl wissend um den Ruf als moderne Kassandra, den ihr „GRM – Brainfuck“ derzeit einbringt. Kokettiert kurz mit ihrem – mutmaßlich genau dafür angelegten? – Outfit, einem tatsächlich sehr sackartigen schwarzen Overall, und überlässt anschließend weitgehend ihren Mitstreitern die Bühne. Videos laufen über die Leinwand, in denen die Drohnenkamera über heruntergekommene Hochhaussiedlungen schwebt und in teils grenzwertig ästhetisierten Zeitlupenaufnahmen zeigt, wie hübsch hässlich es in Rochdale und London zugeht. Auch wenn manche Bühnenszene etwas fronttheaterhaft wirkt, schärft sie doch die Sinne für die Botschaft dieses Abends: Es ist der Mensch selbst, der vom Problemfaktor zum Hoffnungsträger werden muss, um die derzeitige Schussfahrt in den Abgrund zu beenden. Etwas anderes als diese Gesellschaft, etwas Besseres als uns selbst hat die Welt nicht anzubieten.