S-Bahn in Stuttgart und Region Testfahrten für schnellere Signaltechnik geplant

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Bisher ist es ein Wunschtraum: die moderne Signaltechnik ETCS könnte die Kapazität der S-Bahn in der viel befahrenen Stammstrecke erhöhen. Jetzt enthüllt die Bahn erstmals konkrete Pläne für eine Teststrecke.

S-Bahnen fahren in den Stuttgarter Hauptbahnhof ein. Foto: dpa
S-Bahnen fahren in den Stuttgarter Hauptbahnhof ein. Foto: dpa

Stuttgart - Die Pläne für den Einsatz der modernen Zugsteuerungs- und Signaltechnik ETCS (European Train Control System) im Stuttgarter Regionalzug- und S-Bahn-Netz sind bei der Deutschen Bahn weiter fortgeschritten als bisher bekannt. In einem Schreiben an den Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel aus Filderstadt nennt Sven Hantel, Bevollmächtigter der Bahn für das Land Baden-Württemberg, bereits konkrete Testszenarien, bei der die im Zuge von S 21 geschaffene neue S-Bahn-Strecke über die Station Mittnachtstraße eine zentrale Rolle spielt. Ende Oktober soll die Machbarkeitsstudie dafür vorliegen.

ETCS wird bisher vor allem im Fernverkehr eingesetzt, auch die S-21-Strecken werden mit der neuen Technik ausgestattet. Im S-Bahn-Verkehr wird es 2021 in Hamburg eine erste Versuchsstrecke geben. Der Bahnknoten Stuttgart könnte das Testfeld für den weitaus komplexeren Einsatz von ETCS im gesamten Netz von Regionalzügen und S-Bahnen werden. Darüber gibt es bereits seit einiger Zeit Gespräche zwischen Bund, Land, dem Verband Region Stuttgart und der Bahn.

Teststrecke Cannstatt-Hauptbahnhof

Nach Angaben Hantels in dem Schreiben an Gastel, das dieser Zeitung vorliegt, wird nun erwogen, in Stuttgart „ETCS fahrzeug- und streckenseitig unabhängig vom Regelverkehr“ zu testen. Dafür käme der Streckenabschnitt Bad Cannstatt–Mittnachtstraße–Hauptbahnhof infrage, der im Zuge von Stuttgart 21 neu gebaut wird. „Die zügige Fertigstellung vor der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 wird angestrebt“, erklärt Hantel. Stuttgart 21 soll bekanntlich 2025 in Betrieb gehen, nachdem sich ursprünglich genannte Termine wie 2021 und 2022 nicht halten ließen.

Der normale S-Bahn-Verkehr könnte in der Testphase wie bisher von Bad Cannstatt zum Hauptbahnhof geführt werden, die mit ETCS ausgerüsteten Züge könnten über eine aus Gleis 1 in Bad Cannstatt ausfädelnde Weiche über die neue Neckarbrücke zur Station Mittnachtstraße fahren und dann wieder in die bestehende Station Hauptbahnhof (tief) einfädeln. Als weiterer Schritt ist die Vergrößerung des Testbetriebs auf Abschnitte bis Schwabstraße, Nordbahnhof–Zuffenhausen, Vaihingen–Böblingen und Abzweig Rohr–Flughafen/Messe vorgesehen. Bis Ende Oktober soll hierüber Klarheit herrschen. Dann will die Bahn auch die Öffentlichkeit informieren.

Betriebskonzept für Gäubahn

Gastel begrüßt diese Pläne, aber es müssten auch andere Maßnahmen vorangebracht werden. „Fast alle Hoffnungen des hoffnungslos überlasteten S-Bahn-Netzes ruhen auf ETCS“, sagt er, da der Bau eines zusätzlichen Tunnels zur Entlastung der Stammstrecke, wie in München für mehr als drei Milliarden Euro geplant, unrealistisch sei. Deshalb sei es umso wichtiger, ETCS voranzubringen, „um die Zugfolgezeiten zu verkürzen“. Der Verkehrs­experte der Grünen fordert aber auch bessere tangentiale Linien und ein „durchdachtes Betriebskonzept“ für die Gäubahnstrecke von Stuttgart-Vaihingen in die Innenstadt. „Beides, ETCS und die Gäubahn mit ergänzenden Angeboten, brauchen wir, um die wachsenden Fahrgastzahlen bewältigen zu können und weitere Menschen zum Umstieg auf die Bahn zu gewinnen.“

Der Verband Region Stuttgart drängt nach anfänglicher Zurückhaltung gegenüber ETCS nun auf eine rasche Einführung der neuen Technik, um die Probleme der S-Bahn mit der Pünktlichkeit zumindest zu mindern. Zwar beteiligt sich der Verband an den Kosten für die Machbarkeitsstudie wie das Land und die Deutsche Bahn zu einem Drittel. Die Fraktionen in der Regionalversammlung hatten damals aber ausgeschlossen, weitere Kosten für ETCS zu übernehmen. Intern wird davon ausgegangen, dass in den nächsten sechs Monaten die Entscheidung für die Einführung der Zugsteuerungstechnik fallen muss.

Dabei geht es neben der Beschaffung von weiteren S-Bahnen als Ersatz für die umzurüstenden Fahrzeuge vor allem um die Finanzierung. Hantel setzt in dem Schreiben an Gastel ganz auf den Bund: „Die DB Netz AG, das Land Baden-Württemberg und der Verband Region Stuttgart streben an, eine Bundesfinanzierung der ETCS-Fahrzeug- und Streckenausrüstung aus den im Koalitionsvertrag genannten Programmen zu erreichen.“ Erste Gespräche hätten stattgefunden. „Die Ergebnisse müssen abgewartet werden“, so Hantel.

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