Zwischen Remseck und Stuttgart Tod im Gleis: Polizei wertet Video aus

Von Wolf-Dieter Obst 

Eine Autofahrerin fährt am Sonntagabend zwischen Stuttgart und Remseck über die Gleise – und übersieht eine Stadtbahn. Es kommt zu einer Katastrophe. Die Polizei wertet nun Videoaufnahmen zum Unfallhergang aus.

Die Rettungskräfte können dem Kind im Auto nicht mehr helfen. Foto: SDMG 7 Bilder
Die Rettungskräfte können dem Kind im Auto nicht mehr helfen. Foto: SDMG

Remseck/Stuttgart - Die tödliche Kollision zwischen einer Stadtbahn und einem Auto, bei dem ein vierjähriges Kind an der Stadtgrenze zwischen Stuttgart und Rems­eck (Kreis Ludwigsburg) ums Leben kam, gibt der Polizei weiter Rätsel auf. „Wir gehen davon aus, dass die Ampel funktioniert hat“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn. Derzeit werden Videoaufnahmen eines nahe gelegenen Klärwerks ausgewertet. Womöglich hat die 33-jährige Autofahrerin eine rote Ampel nicht beachtet.

Fragen über Fragen: Warum war die Frau aus Ludwigsburg am Sonntag gegen 19 Uhr mit ihrem Ford Mondeo überhaupt am Abzweig zum Hauptklärwerk Mühlhausen unterwegs? Hatte sie sich verfahren? Oder wollte sie die Stelle für ein schnelles Wendemanöver zurück nach Stuttgart benutzen?

Was wollte die Fahrerin am Klärwerk?

Der Unfall spielte sich an der L 1100 zwischen Mühlhausen und Remseck-Aldingen ab – eine Stelle, die in der Vergangenheit ­immer wieder Schauplatz spektakulärer Unfälle geworden ist. Die Einmündung zum Klärwerk wird von Stadtbahngleisen durchschnitten, die parallel zur Straße verlaufen. Auf diesen Gleisen befand sich der Ford Mondeo der 33-Jährigen mit ihrem vierjährigen Sohn, als sich aus Remseck eine Stadtbahn der Linie U 12 Richtung Stuttgart näherte.

Der 53-jährige Stadtbahnfahrer konnte mit seinem 60-Tonnen-Zug die Kollision nicht verhindern. Das Auto wurde an der Beifahrerseite getroffen und 30 Meter mitgeschleift. Die Fahrerin wurde schwer verletzt, für ihr Kind kam jede Hilfe zu spät. Der Bub saß hinten rechts im Kindersitz – hatte aber keine Chance. Offenbar bohrte sich die Kupplung der Stadtbahn in die Beifahrerseite des Pkw und zermalmte die gesamte rechte Seite bis zum Kofferraum. Der Stadtbahnfahrer erlitt einen Schock.

Nach ersten Erkenntnissen der Polizei hatte die Ford-Fahrerin aus dem Bereich der Kläranlage nach links auf die L 1100 abbiegen wollen. Dieser Bereich ist mit einer Ampel geregelt. Ein Sachverständiger soll nun prüfen, ob die Ampel funktionierte und ­welche Farbe sie anzeigte. Außerdem sollen Videoaufnahmen vom Klärwerksgelände klären, ob die Autofahrerin bei Rot über die Gleise fuhr. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass die Fahrerin gar nicht aus der Zufahrt kam, sondern womöglich auf der Landesstraße ein Wendemanöver versuchte – und die Gleise im Wendekreis lagen. Eine rote Ampel hätte sie so gar nicht sehen können.

Gefahrgut-Lkw gegen Stadtbahn an derselben Stelle

Die Unfallstelle ist nicht zum ersten Mal Schauplatz von tragischen Kollisionen. Im Dezember 2017 überschlug sich dort ein 26-jähriger BMW-Fahrer nach einem Ausweichmanöver, blieb auf dem Dach im Gleisbett liegen. Es blieb bei 10 000 Euro Schaden. Besonders folgenschwer war ein Abbiegemanöver eines 44-jährigen Lkw-Fahrers im April 2016, der offenbar ein Ampelsignal übersah und mit seinem Gefahrgutlaster mit einer Stadtbahn kollidierte. Der mit Eisen-III-Chlorid beladene Tank blieb an den Gleisen liegen. Es gab einen Schwerverletzten, eine mehrtägige aufwendige Bergung und 1,3 Millionen Euro Schaden.

Werden Signalanlagen nicht beachtet, sind die Folgen zumeist fatal. Bei der Frage der Schwere der Unfallfolgen stand zuletzt besonders die Kupplung der Stadtbahn im Visier der Unfallforscher. Bei der Stadtbahn, die am Sonntag mit dem Familienauto kollidierte, handelt es sich um einen Zug der ­ersten Generation, einen generalüberholten Zug des Typs DT 8.9 aus dem Jahr 1996. Bilder vom Unfallort zeigen, dass sich die hervorstehende Kupplung in der rechten Autoseite regelrecht verkeilt hatte.

Neue Stadtbahnen mit weniger gefährlicher Kupplung

Womöglich hätte der Unfall mit einer Stadtbahn neueren Typs nicht ganz so dramatische Folgen gehabt. Seit der Generation des DT 8.11 im Jahr 2003 sind Kupplung und Front vollständig verkleidet. „Dadurch wird die Fläche größer und eine punktuelle Energie stärker verteilt“, sagt Silja Gis Kollner, Sprecherin des Schienenfahrzeugherstellers Stadler Pankow GmbH in Berlin. Diese Firma hat die jüngste Stadtbahn-Generation DT 8.12 entwickelt – deren Kupplung mehr als ein Viertel der Frontfläche einnimmt.

Generell versuchen Hersteller von Schienen-Neufahrzeugen mit verkleideten Kupplungen so viel Schaden wie möglich von Fußgängern und Fahrzeugen fernzuhalten. Dazu gehören auch Kunststoffteile an der Front, die elastisch Energie aufnehmen. Als Vorsorgemaßnahme für Fußgänger gilt auch ein elastischer Unterfahrschutz, der eine Person auf dem Gleis wie ein Schneeräumer beiseiteschiebt.

Für die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) stellen sich die Fragen nach Kupplungsproblematik und Nachrüstbarkeit bei Altfahrzeugen zunächst nicht. „Wir können ­dazu keine Angaben machen“, sagt SSB-Sprecherin Birte Schaper. Die polizeilichen Ermittlungen zum Unfallhergang und zur Ursache seien noch im vollen Gange.

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