Städtefreundschaft zwischen Pirna und Reutlingen Gute Freunde kann niemand trennen – auch kein AfD-OB?

Pirnas OB Tim Lochner (links) und Reutlingens Rathauschef Thomas Keck: Ihre Städte pflegen eine Freundschaft. Foto: dpa/imago/Eibner

Tim Lochner hat als AfD-Kandidat die OB-Wahl im sächsischen Pirna gewonnen und nun sein Amt angetreten. Pirna pflegt eine Freundschaft zu Reutlingen. Von dort heißt es: Dem neuen OB werde man anders begegnen als früheren Rathauschefs.

So viel Aufmerksamkeit hat die Städtefreundschaft zwischen Reutlingen und Pirna seit ihrem Beginn 1990 selten bekommen: Seit in der sächsischen Stadt ein AfD-Kandidat an die Spitze im Rathaus gewählt wurde, muss das Reutlinger Rathaus immer wieder Fragen zu seiner besonderen Beziehung mit Pirna beantworten.

 

An diesem Montag hat Tim Lochner sein Amt als Oberbürgermeister angetreten – und wieder stellt sich die Frage: Gute Freunde kann niemand trennen – auch kein AfD-OB? Die Antwort aus Reutlingen: Ja, aber... Denn, so heißt es aus dem Rathaus, wo Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) das Sagen hat: „Eine Herzlichkeit wie mit früheren Pirnaer Oberbürgermeistern wird mit dem künftigen Amtsträger nicht entstehen.“

Freundschaft kündigen, kommt nicht in Frage

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Tim Lochner kein AfD-Mitglied, sondern parteilos ist – und über seine gesamte Amtszeit bleiben will. Denn der 54-jährige Tischlermeister hat dennoch eine enge Verbindung zu der rechtspopulistischen Partei: Bis zu seinem Amtsantritt saß Lochner für die AfD-Fraktion im Stadtrat von Pirna und war auch Kandidat der AfD bei der OB-Wahl im vergangenen Jahr. Für die Reaktion aus Reutlingen hat er kein Verständnis: „Ich kann nur hoffen, dass man sich auf eine andere Einstellung besinnt, von meiner Seite ist das Angebot da.“

Für Reutlingen jedoch wohl schwer vorstellbar, dass sich die beiden Oberbürgermeister lächelnd vor Kameras die Hand schütteln. Doch deshalb gleich die Freundschaft zwischen den Städten kündigen? Nein, das kommt nicht in Frage. „Die freundschaftlichen Kontakte nach Pirna wollen wir aufrechterhalten und damit die demokratischen Kräfte der Pirnaer Bürgerschaft stärken, die für eine offene pluralistische Stadtgesellschaft eintreten“, heißt es aus dem Reutlinger Rathaus.

Auf der kulturellen Ebene gibt es Verbindungen zwischen Reutlingen und Pirna

Aus Pirna höre man, dass es seit der Wahl Lochners zum OB zu einem „vermehrten bürgerschaftlichen Engagement“ komme. „Nach den Signalen zu schließen, die wir aktuell aus Pirna erhalten, sollen auch auf der Verwaltungsebene die gemeinsamen Projekte fortgesetzt werden“, teilt eine Reutlinger Sprecherin mit. So soll etwa der Erfahrungsaustausch „Kommunaler Klimaschutz“ zwischen den beiden Städten weiter bestehen.

Dagegen hat auch Pirnas neuer OB Lochner nichts – obwohl die AfD den menschengemachten Klimawandel infrage stellt und Klimaschutzmaßnahmen weitgehend ablehnt. Aber wenn es nach ihm gehe, sollte man Klimaschutz zumindest in Umweltschutz umbenennen. Denn – so konstruiert die rechtspopulistische Partei den Gegensatz zum Klimaschutz immer wieder – Umweltschutz bedeute Heimatschutz.

Auch auf der kulturellen Ebene gibt es Verbindungen zwischen Reutlingen und Pirna: Das Reutlinger Theater „Die Tonne“ war 2022 in Pirna zu Gast – und behandelte in einem Theaterstück die NS-Verbrechen in den früheren Tötungsanstalten Grafeneck (Landkreis Reutlingen) und Pirna-Sonnenstein.

Das Reutlinger Theater lässt sich von all dem nicht beirren

Das AfD-Grundsatzprogramm hält eher wenig von diesem thematischen Schwerpunkt: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.“ Tim Lochner kann sich nicht vorstellen, dass das dort so geschrieben steht und rechtfertigt sich: „Ich bin kein Mitglied, ich muss das Grundsatzprogramm nicht auswendig können.“ Er würde ein erneutes Gastspiel begrüßen.

Das Reutlinger Theater lässt sich von der politischen Ausrichtung des neuen OB nicht beirren: Sollte sie die sächsische Stadt irgendwann erneut einladen, „werden wir selbstverständlich weiterhin dorthin fahren, mit welchem Gastspiel auch immer“, heißt es. Mit Pirna sei man heute so eng verbunden wie vor dem Gastspiel 2022. Außerdem, schreibt ein Sprecher des Theaters: „Die bisherige Erfahrung lässt vermuten, dass die AfD, wo sie in politische Verantwortung gerät, sich personell selbst über kurz oder lang entzaubert.“

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