Strauß, Stoiber, Söder Ein Bayer für Deutschland?
Laschet, Röttgen, Merz – oder vielleicht doch der Söder? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein CSU-Politiker versucht, Kanzler zu werden. Ein Rück- und Ausblick auf bajuwarische Kandidaten.
Laschet, Röttgen, Merz – oder vielleicht doch der Söder? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein CSU-Politiker versucht, Kanzler zu werden. Ein Rück- und Ausblick auf bajuwarische Kandidaten.
München/Berlin - Macht er’s oder macht er’s nicht? Seit Monaten wird spekuliert, ob Markus Söder ins Rennen um das Kanzleramt einsteigt. Ein Bayer für Deutschland? Und dann auch noch der Söder? Wie konnte das passieren? „Söder hat sich seit seiner Kehrtwende in der Asylpolitik und der Neuerfindung als Baum- und Bienenfreund zu einer Figur der politischen Mitte entwickelt“, sagt Roman Deininger, Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ und Autor zweier Bücher über den bayerischen Ministerpräsidenten und die CSU. Corona bescherte dem CSU-Chef, was ihm noch fehlte: „Einen identitätsstiftenden Moment, der ihm Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Leute einbrachte, weil er in einer Situation der Unsicherheit den Ton getroffen hat: energisch, aber nicht panisch.“
Wobei der Hype um Söder natürlich auch mit dem Personal der CDU zusammenhängt: Immer wenn ein Kandidat aus München zum Zuge kommt, ist dies vor allem der Schwäche der jeweiligen CDU-Kandidaten geschuldet. Denn es wäre nicht das erste Mal, dass ein CSU-Politiker versucht, Kanzler zu werden.
1980 tritt Franz Josef Strauß für die Union an: Metzgerssohn aus der Münchner Maxvorstadt, kraftstrotzender Homo politicus, mal Wüterich im Bierzelt, mal mit lateinischen Bonmots um sich werfend – und für die CSU bis heute trotz aller Skandale eine Mischung aus Heiligem und Allmächtigem. Auch weil „sich nicht erwischen zu lassen, in Bayern schon immer eine Qualität war“, wie Hans Well, Mitglied der legendären Kabarettgruppe Biermösl Blosn, einmal erklärt hat. Strauß ist eine Urgewalt, die nicht nur die Interessen Bayerns mit Zähnen und Klauen verteidigt, sondern den Herren in Bonn auch in schöner Regelmäßigkeit erklärt, was für „Saupreißn“ sie doch eigentlich sind.
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Die Kollegen von der CDU hält Strauß ohnehin für „politische Pygmäen“. In seiner Wienerwald-Rede poltert er nach der Wahlniederlage der Union 1976: „Der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: ‚Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat; Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche‘.“ 1980 lässt Kohl Strauß den Vortritt, wohl wissend, dass Kanzler Helmut Schmidt bei den Wählern durchaus beliebt und die FDP noch nicht bereit ist, die Seiten zu wechseln.
Für die Linken ist das stiernackige Alphamännchen aus München seit der „Spiegel“-Affäre das Feindbild. „Stoppt Strauß!“ lautet der Schlachtruf. Zu lange hat Strauß polarisiert, als dass er nun als Kanzler aller Deutschen reüssieren könnte. In Bremen kommt es während einer Wahlkampfveranstaltung zu Ausschreitungen. Auf dem Podium erklärt der stets auf Attacke gepolte Strauß mit hochrotem Kopf derweil: „Wer Pflastersteine und Molotowcocktails für bessere Argumente hält, den kann ich nicht anders bezeichnen als Volksfrontgesindel.“ Störer in Essen lässt er wissen: „Ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat.“ Alles „kommunistische Terrorbanden“, „Pöbelhaufen“ und „rote Brüllhorden“.
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Dennoch wird die Union stärkste Kraft. Doch 44,5 Prozent – vier Prozent weniger als Kohl 1976 – reichen nicht. Die SPD bleibt an der Macht. An der Verehrung des stiernackigen Alphamännchens in Bayern ändert das freilich nichts. Trifft auf Strauß doch zu, was zwischen Lech und Inn einem Ritterschlag gleichkommt: „A Hund war a scho.“ Strauß kehrt zurück nach Bayern, trifft sich mit den Großen der Welt, betreibt eine eigene Außenpolitik. Wobei er auch hier nicht für sein Fingerspitzengefühl bekannt ist. So erklärt er während eines Besuchs in Moskau auf die Frage, ob er zum ersten Mal in der Sowjetunion sei: „Nein, das zweite Mal. Das erste Mal kam ich nur bis Stalingrad.“
Für ein paar Stunden wähnt er sich schon als Sieger. Nach den ersten Hochrechnungen erklärt Edmund Stoiber am Abend des 22. September 2002 gut gelaunt: „Eines steht jetzt schon fest: Die CDU, die CSU, die Union, wir haben die Wahl gewonnen.“ Ein Irrtum, denn am Ende fehlen Stoiber nicht nur die oftmals beschworenen 6000 Stimmen. Auch der anvisierte Koalitionspartner FDP springt zu kurz. Letztlich schlägt nicht Gerhard Schröder Edmund Stoiber, sondern Joschka Fischer Guido Westerwelle. Stoiber sieht das freilich ganz anders. „Im Umfeld von Stoiber ist man bis heute davon überzeugt, dass ihn Baden-Württemberg die Kanzlerschaft gekostet hat“, sagt Deininger. Stoiber lege Wert darauf, dass die Union in allen Bundesländern Stimmen hinzugewonnen habe, selbst im Osten. Nur eben nicht im benachbarten Baden-Württemberg.
Dabei hatte es so gut angefangen. Stoiber ist damals der starke Mann der Union, liegt in den Umfragen vorne, inszeniert sich als kühl kalkulierender Manager der Bayern AG: Laptop und Lederhose. Woran er letztlich scheitert? Schröders Nein zum Irakkrieg, dem Hochwasser in Ostdeutschland und dem sogenannten Bayern-Handicap. „Es gibt ein gewisses Ressentiment gegen Bayern, gegen diese ‚präpotenten Alpenseppl‘, die glauben, alles besser zu wissen“, erklärt Deininger.
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Immer so zu tun, als sei Bayern das schönste Bundesland, das kommt in Bayern an, aber eben nicht in den restlichen 15 Bundesländern. Die Bayern würden gerne robust vertreten: „Wenn der Stoiber in Berlin auf den Tisch gehauen hat, sorgte das in Bayern für eine tiefe innere Zufriedenheit.“ Aber eben nur dort. Auch positioniert sich Stoiber als Ministerpräsident rechts der Mitte, sein Schwenk in die Mitte kommt zu spät, als dass die Wähler ihm glauben könnten. Anders bei Söder: „Der arbeitet bereits seit Sommer 2018 an seiner Neuerfindung als sanfter Mann der Mitte.“
Und nun? Macht er’s oder macht er’s nicht? „Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen“, meint Deininger. Die Versuchung sei natürlich gewachsen, trotz des gebetsmühlenartig vorgebrachten Satzes „Mein Platz ist in Bayern“. Söder denke ernsthaft darüber nach. Letztlich liegt es aber an der CDU. Söder kommt nur ins Spiel, wenn sich die CDU nicht auf einen Kandidaten einigen kann. „Wenn sie ihm die Kandidatur auf dem Silbertablett servieren, dann ja, aber er wird sich nicht auf eine Auseinandersetzung einlassen, die er verlieren könnte. Dafür ist er zu risikoscheu.“
Falls er antritt, hätte Söder denn Chancen? „Bessere als Strauß oder Stoiber“, meint Deininger. Die Wähler hätten Söder vieles verziehen. Auch helfe ihm, dass er zwar den Oberbayer gebe, aber eigentlich Franke sei und dazu noch Protestant. „Das macht ihn besser vermittelbar, vor allem im Osten. Eine von Söder geführte Union wäre meiner Meinung nach der Favorit. Aber es ist noch ein Jahr hin und der Corona-Faktor ist absolut unberechenbar.“
Der erste Bundeskanzler aus dem Bundesland Bayern wäre Söder ohnehin nicht. Ludwig Erhard war gebürtiger Fürther. Der war allerdings bei der CDU.