Stuttgart 21 Degerlocher beklagen angebliche Hausschäden wegen Tunnelbau

Von Tilman Baur 

Seine Terrasse sei um 14 Millimeter vom Haus weggedriftet, sagt ein Bürger aus Stuttgart-Degerloch. Schuld sind aus seiner Sicht die Sprengungen für den Fildertunnel im Rahmen des Projekts Stuttgart 21. Hier nimmt die Bahn Stellung.

Diese Bohrmaschine gräbt den 9,5 Kilometer langen Tunnel zwischen dem Hauptbahnhof und  der 155 Meter höher gelegenen Filderebene. Foto: LG/Julian Rettig
Diese Bohrmaschine gräbt den 9,5 Kilometer langen Tunnel zwischen dem Hauptbahnhof und der 155 Meter höher gelegenen Filderebene. Foto: LG/Julian Rettig

Degerloch - Seit bald einem Jahr wird unter Degerloch gesprengt. Grund ist der Bau des Fildertunnels. Einigen Bürgern machen diese Sprengungen zu schaffen. Das zeigte sich am Dienstag im Bezirksbeirat, wo sich um die 30 Leute einfanden, um zu hören, wie der Bau vorankommt – und um ihre Bedenken zu äußern. Der aus zwei Röhren bestehende, 9,5 Kilometer lange Tunnel verbindet den Hauptbahnhof im Talkessel mit der 155 Meter höher gelegenen Filderebene.

Gleich zu Beginn meldeten sich Bürger zu Wort: So fragte ein Mann, warum Sprengungen auch nachts, an Sonn- und an Feiertagen stattfinden müssten. Andere wiesen auf Schäden hin, die frühere Bohrungen verursacht hätten. „Meine Terrasse ist bereits 14 Millimeter vom Haus weggedriftet“, behauptete ein Mann. Das passiere immer dann, wenn Bohrungen anstünden.

Die zehn wichtigsten Fakten zu Stuttgart 21 sehen Sie im Video:

Die Sanierung des Hauses habe schon mehrere Tausend Euro gekostet

Die Bahn habe er bereits eingeladen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Doch passiert sei bislang nichts. Ein anderer erzählte von mehreren Tausend Euro, die die Sanierung seines Hauses gekostet habe – Ursache seien Probebohrungen gewesen. Und ein Dritter sprach gar von „Körperverletzung“: Der Lärm der Sprengungen hätte bei ihm zu Leistungs- und Konzentrationsstörungen geführt.

Die Vertreter der Bahn äußerten Verständnis für die Beschwerden der Bürger. Gleichzeitig machten sie deutlich, dass die Erschütterungen keine Gebäudeschäden verursachen könnten. Das hätten Messungen ergeben. „Die Normwerte werden bei Weitem eingehalten“, sagte Andreas Dörfel, Teamleiter des Bauabschnitts. Trotzdem sei man bereit, Einzelfälle zu prüfen: Sollte ein Zusammenhang zwischen den Sprengungen und Schäden nachweisbar sein, so werde die Versicherung der Bahn dafür aufkommen, sagte Thomas Berner, Teamleiter Tunnelvortrieb im Fildertunnel. Einem der Bürger machten sie das Angebot, ihn in den kommenden Tagen zu besuchen und sich den Schaden anzusehen. Für die meisten Beschwerden dürfte der Zusammenhang jedoch nicht gelten, so Berner. Denn viele, die sich beklagt hätten, wohnten mehr als 100 Meter vom Ort der Sprengungen entfernt. Dazu kommt die „Überdeckung“; so nennt man den Abstand zwischen der Oberkante der Tunnelröhre und dem darüberliegenden Gelände. Er beträgt überall weit mehr als 100 Meter.

Jeder nimmt Lärm anders wahr, sagt die Bahn

Das Lärmempfinden sei wiederum etwas sehr Subjektives, sagte Andreas Dörfel: die einen fühlten sich durch leichte Geräusche stark beeinträchtigt, andere wohnten direkt neben einer Baustelle, ohne sich gestört zu fühlen. Die Überdeckung sei aber grundsätzlich groß genug, um Lärmbelästigungen auszuschließen. Mit den beiden Landeskirchen sei man übereingekommen, an Ostern und Weihnachten auf Sprengungen zu verzichten. Die Sprengungen zur Nachtzeit seien bereits im Planfeststellungsbeschluss verankert. Diese müsse man durchführen, denn das spezielle Tunnelbauverfahren erfordere einen kontinuierlichen 24-stündigen Vortrieb.

Diese Haltung sorgte bei einigen Bezirksbeiräten für Murren. So sei die Bahn gut beraten, unabhängig von rechtlichen Vorgaben als Geste an die Bürger auf die Nachtsprengungen zu verzichten, sagte Ulrich-Michael Weiß (SPD). Thilo Roßberg (FDP) merkte an, es komme nicht gut an, wenn sich die Bahn nur auf ihre Rechte berufe. Sie müsse die Bürger besser „mitnehmen“. Michael Huppenbauer (Grüne) forderte ebenfalls einen sensibleren Umgang ein, lobte aber auch, dass die Vertreter regelmäßig im Bezirksbeirat erscheinen.

Im Hinblick auf die Nachtsprengungen ließen sich Dörfel und Berner nicht erweichen. Die seien schlicht eine technische Notwendigkeit. Immerhin wird im Spätherbst Ruhe einkehren, denn der avisierte Zeitplan werde aller Voraussicht nach eingehalten. Im Herbst steht auch der nächste Besuch der Bahn im Bezirksbeirat an – vielleicht der letzte zu diesem Thema.

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