Stuttgart 21 Neue Demut bei der Bahn

Vor Stadträten im Rathaus erklärt ein Bahnhofsplaner, welche Arbeiten demnächst anstehen – und dass er die Folgen der Baustelle für Stuttgart 21 in der Innenstadt subjektiv unterschätzt habe.

  Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
  Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Stuttgart 21 sorgt immer noch für gesteigerten Redebedarf. Mehr als zwei Stunden lang diskutierten Mitglieder des Umwelt- und Technikausschusses des Gemeinderats (UTA) am Dienstag über die nächsten Etappen des Milliardenprojekts. Grundsatzdebatten blieben aber aus.

Florian Bitzer von der DB-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm erläuterte, was die Bahn bereits gebaut hat und was sie in den kommenden Monaten anzugehen gedenkt (wir haben berichtet). Dafür gab es Lob und Anerkennung von der CDU, der SPD, den Freien Wählern und der FDP. Luigi Pantisano (SÖS-Linke) flüchtete sich angesichts der sich in der Innenstadt ausdehnenden Baustellen in Sarkasmus. Bitzers Vortrag habe eindrucksvoll bestätigt, dass der Satz des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn in einem StZ-Interview aus dem Jahr 2008 richtig sei, wonach die Anwohner schon „ständig den Kopf in den Gully stecken“ müssten, „um sich nachhaltig in ihrer Ruhe stören zu lassen“. Diese Spitze veranlasste Bitzer zu einem bemerkenswerten Exkurs. In der Hochphase der Auseinandersetzung um das Projekt hätten beide Seiten überzeichnet. Mehdorns Satz gehöre eindeutig zu den politischen Aussagen dieses Streits. Aber auch er, Bitzer, habe „subjektiv betrachtet die Auswirkungen des Baus unterschätzt. Objektiv sind aber alle Konfliktpunkte im Genehmigungsverfahren abgearbeitet worden“.

Lange Sperrung der Stadtbahnstrecke zum Bahnhof

Alexander Kotz (CDU) konstatierte, das Kernerviertel leide unter den Arbeiten. Doch für das Quartier würden sich nach Abschluss des Projekts ganz neue Perspektiven eröffnen. Gabriele Munk (Grüne) monierte, dass die Sperrung der Stadtbahn zwischen Staatsgalerie und Charlottenplatz länger dauere als veranschlagt und fragte nach der anstehenden Unterbrechung in Richtung Hauptbahnhof. Bernd Schröder vom Tiefbauamt wollte sich auf eine Dauer nicht festlegen. Allerdings müsse vor Fertigstellung der neuen Stadtbahnröhren erst noch der alte Nesenbachkanal abgerissen werden. Das sei – Stand heute – nicht vor 2020 möglich. Demnach würde die Ende 2017 beginnende Sperrung deutlich länger als zwei Jahre andauern.

Dem von SÖS-Linke ins Gespräch gebrachten Rückbau der Schillerstraße, wenn diese kommendes Jahr wieder auf ihre bisherige Trasse zurückverlegt werde, erteilte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) eine Absage. Davor müsste erst die Wolframstraße ausgebaut werden, um den verlagerten Verkehr aufnehmen zu können.

15 Kommentare Kommentar schreiben

"Hier gibt es keine zwei Meinungen.": Natürlich gibt es da zwei Meinungen (mindestens), meine z.B., die dazu eine ganz andere ist.

Fakt ist: Das Volk wurde belogen. Hier gibt es keine zwei Meinungen. Es müssen Schuldige benannte werden und es muß juristisch gegen Herrn Mehdorn und evtl. andere vorgegangen werden. Es kann nicht sein, dass sich diese Leute wie Mehdorn jetzt einen schönen Lenz im Herbste ihres Lebens machen, während die Stuttgarter Bürger leiden müssen. Fakt ist aber auch: Dieser Bau kann jetzt nicht abgebrochen werden. Er muß zu Ende geführt werden.

"Dieser Bau kann jetzt nicht abgebrochen werden.", und was dann Herr Bogunovic? Wieso denken Sie Ihre Aussage nicht zu Ende? Was, falls sich herausstellt, dass es Probleme mit dem Brandschutz (und z. Bsp. Entlfluchtung) gibt und dadurch nicht so viele Reisende in den Bahnhof dürfen? Was, falls sich herausstellt, dass durch die abnorme Gleisneigung es zu einer Leistungseinschränkung des Bahnhofes kommt? Was, falls die Zweifler am Stresstest doch Recht behalten sollten und S21 eben nicht das kann, was versprochen wurde und es zu einer Veringerung der Zugzahlen kommen würde (akutelle neue Diskussion durch den Delfter Bahnexperten?) ---- Akzeptieren Sie mit Ihrer Aussage, dass man womöglich 10 Mrd Euro verbaut um dann am Ende festzustellen, dass S21 eben zu wenig für Stuttgart ist, dass am Ende der Kombibahnhof kommt - und das für womöglich 10 Mrd Euro + x Mrd Euro für die Modernisierung des Kopfbahnhofes. --- Was ist an der Idee von Umsteig 21 so schlecht, dass Sie dies scheinbar nicht einmal andenken wollen?

Wenn sich am Ende herausstellt, dass die leistungsfähigkeit nicht derer entspricht, die versprochen wurde: Dann haben wir alle miteinander PECH gehabt. Aber der Bau muß, egal in welcher Form auch immer, jetzt zu Ende geführt werden. Ich betone in diesem Zusammenhang "in welcher Form auch immer". Das impliziert Änderungen. Auf keinen Fall kann es jetzt zu einem Stillstand kommen. Das ist ausgeschlossen. So viel Selbstkasteiungspotenzial besitze ich nicht, auch wenn ich manchmal so rüberkomme. Ich bin Stuttgarter und nicht gewillt mit diesen Baustellen auch nur ein einziges Jahr länger leben zu müssen als geplant.

"Ich bin Stuttgarter und nicht gewillt mit diesen Baustellen auch nur ein einziges Jahr länger leben zu müssen als geplant.", der Satz von Ihnen ist gut. Welches Fertigstellungsjahr ist denn bei Ihnen gerade akutell? 2021, 2022, 2023, .... . Wenn ich ein bisschen übertreibe so kommt der Baufortschritt mit den Terminverschiebungen nach hinten fast nicht mit. Und ähnliches gilt für die Kosten. --- "Dann haben wir alle miteinander PECH gehabt." - ist das nicht ein bisschen fatalistisch, vor allem wenn man bedenkt, dass man das meiste eigentlich heute schon klären könnte, wenn man denn wollen würde. Warum hat man den Brandschutz und den Nachweis der gleichen Sicherheit auf kurz vor die Fertigstellung verlegt - ist das notwendig gewesen? --- Auf der einen Seite kann ich Ihre Einstellung nachvollziehen, dass Sie das "Ding" und die Diskusion darüber los sein wollen, nur, bis 2021, 2022, 2023, ... ist noch lange und bis dahin wird es nie und nimmer ruhig werden, vor allem wenn dann plötzlich irgendwelche holländischen "Experten" Zweifel am sowieso rechtlich unverbindlichen Stresstest äußern. Und auch bei den heute für S21 veranschlagten Kosten (welche mit 100% Sicherheit nicht reichen werden) halte ich die Einstellung "Augen zu und durch" führ mehr als fahrlässig.

Umstieg21: Das einzig sinnvolle ist der sofortige Baustopp, die Umplanung entsprechend Umstieg21 und dann ist das ganze Thema in der Innenstadt bis 2020 gegessen! Auf den Fildern wird es sich leider noch ein bisschen hinziehen, da dort entsprechende Planfeststellungen notwendig sind.

er hat die folgen für die innenstadt: subjektiv unterschätzt. würde mir das einer bitte übersetzen? was meint er damit? und wenn einer zugibt, dass er was unterschätzt hat, ist er damit demütig? demut. auch einer von den begriffen die für alles herhalten müssen, ob es passt oder nicht. der begriff ist furchtbar "in". hat das zugeben was unterschätzt zu haben was mit unterwürfigkeit, fügsamkeit, hingabe zu tun? wohl eher nicht.

Frau Diplom-Ingenieurin (FH), wieso stellen Sie die Frage mit dem "subjektiv unterschätzt" hier und nicht direkt dem Herrn Bitzer? --- Übrigens, Herr Bitzer hat ja nur subjektiv unterschätzt, "Objektiv sind aber alle Konfliktpunkte im Genehmigungsverfahren abgearbeitet worden". Ich frage mich dann nur, warum die Verzögerungen u.a. im Trog eher zu als abnehmen. Und kommen Sie nicht mit der Einsparung von einem Jahr am Nordkopf. Denn alleine die erste Kelchstütze hat nach Leger vom 04.04.2015 (diese Aussag ist nicht einmal 2 Jahre alt!) wohl ~2 Jahre Verspätung, da sie ja wohl erst irgendwann Anfang 2016 fertig sein wird. Und vom Südkopf ganz zu schweigen. --- Und was soll die Wortglauberei. Wollen Sie von den wirklichen Problemen rund um S21 ablenken oder liegt es Ihnen einfach besser?

Ergänzung: Vielleicht hat Herr Bitzer auch folgendes gemeint, als er sagte er habe "subjektiv betrachtet die Auswirkungen des Baus unterschätzt": "Stadtbahntrasse wird für mehrere Jahre gekappt" (StZ, 21.03.2017) wenn man bedenkt, dass in der PFA 1.1 steht: "Lediglich in der letzten der vier Bauphasen ist eine Betriebspause von rd. 2 Wochen für die Linien 9 und 14 [...] vorgesehen.“ und „Der Bauablauf soll so abgestimmt werden, dass die 14-tägige Betriebspause in einer Ferienzeit liegt." ---- Tja, was wurde bei Stuttgart 21 nicht alles schon festgeschrieben, ausgesagt, zugesagt, behauptet, ... ohne dass es eingehalten werden konnte. Und so wird es weiter gehen. Selbst bei der angeblich so sicheren Leistung gibt es neue Zweifel, natürlich nur dann, wenn man Zweifel auch zulässt. ("Neue Kritik am Stresstest", StZ 21.03.2017 und http://wikireal.org/w/images/f/f3/2017-03-09_Engelhardt_Leistungsfaehigkeit_f%C3%BCr_Aufsichtsrat_final.pdf , und nicht einfach sagen, es komme von keinem Experten, sonderen ganz einfach die Argumente wiederlegen, was bei einen Nichtexperten wie Engelhardt ja sehr einfach sein müsste)

Es ist höchste Zeit für „Demut bei der Bahn“: Die zahlreichen Unannehmlichkeiten während der Bauphase ließen sich vielleicht noch mit sehr viel gutem Willen und hoher Leidensfähigkeit ertragen, wenn man nachher wenigstens ein Produkt bekäme, das die verkehrlichen Anforderungen der Zukunft bewältigen kann. Das ist aber keineswegs der Fall. Neben den Terminen, den Kosten und der Beschreibung der Probleme war auch der Stresstest geschönt. Wie wenig die Befürworterseite dem unterirdischen Hauptbahnhof zutraut, sieht man an den bereits vereinbarten Erweiterungen von S 21 (3. Gleis am Flughafenbahnhof, kreuzungsfreier Ausbau der Roher Kurve, Umbau des Vaihinger Bahnhofs) und weiteren Forderungen, den Hauptbahnhof zu entlasten, wie sie kürzlich von Prof. Heimerl genannt wurden. Alle Erweiterungen bedeuten erhebliche zusätzliche finanzielle Belastungen. Wie man an dem dringend notwenigen kreuzungsfreien Ausbau der Wendlinge Kurve sieht, ist völlig ungewiss, wer das bezahlen soll. So bleibt am Ende die Erkenntnis, dass es sich bei der „Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens“ um ein absurd überteuertes Projekt handelt.

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