Stuttgart als Krimi-Brennpunkt Steigende Hitze im Kessel

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Zehn Jahre ermittelt das Stuttgarter „Tatort“-Team Lannert und Bootz nun schon gemeinsam. In Sachen Krimi aber ist hier schon viel länger was los. Wobei sich das Image der Schwaben als verbrechenstauglicher Volksstamm im Lauf der Jahre radikal gewandelt hat.

Stuttgart wird 1973 „Tatort“-Schauplatz, mit Willy Reichert (li.) als Geldfälscher und Werner Schumacher als Kommissar Lutz. Foto: SWR
Stuttgart wird 1973 „Tatort“-Schauplatz, mit Willy Reichert (li.) als Geldfälscher und Werner Schumacher als Kommissar Lutz. Foto: SWR

Stuttgart - Haben die Schwaben auch ein Talent zum Verbrechertum? Es gab Zeiten, da hätte diese Frage nur schallendes Gelächter aus allen anderen Regionen Deutschlands provoziert. Die Schwaben hatten, so die allgemeine Überzeugung, vor lauter Kehrwoche, Schaffigkeit und Häuslesgebaue gar keine Zeit, krumme Dinger zu drehen. Als Stuttgart es dann endlich in den „Tatort“ schaffte, am 1. April 1973, zweieinhalb Jahre nach dem Start dieser ARD-Reihe, ging es in „Stuttgarter Blüten“ denn auch nicht um Mord, sondern um Geldfälschung. Einer der Täter war ein knitzer Opa, der in seinem Künstlerstolz, perfekte 100-Markschein-Kopien hinzubekommen, eher sympathisch wirkte.

Gespielt wurde der Fälscher vom da schon legendären Volksschauspieler Willy Reichert. Der Kommissar hieß Eugen Lutz, wurde von Werner Schumacher gespielt, und bevor dieser LKA-Mann in Stuttgart ermitteln musste, war er schon im Februar 1971 in Mannheim und im April 1972 in Friedrichshafen im Einsatz gewesen. Auch der damalige Süddeutsche Rundfunk trauten dem Kessel und dem schwäbischen Umland nicht viel Hitzeentwicklung als Verbrechensbrennpunkt zu.

Ein Journalist wird erfinderisch

Zu der Zeit aber arbeitete bereits eine ganze Weile ein in Dettenhausen bei Tübingen geborener Journalist als Südwest-Korrespondent für den „Spiegel“ in Hamburg und sah das ganz anders: Eberhard Hungerbühler, der sich als Autor Felix Huby nennen sollte. Huby geriet als Journalist immer wieder an krumme Machenschaften, die sich nicht hieb- und stichfest zu Ende recherchieren ließen. Egal, wie überzeugt er sein mochte, etwas durchschaut zu haben, mit Klarnamen als Reportage konnte er das nicht aufschreiben. So verpackte er seine Ideen und Erkenntnisse ab 1977 in Kriminalromane wie „Der Atomkrieg von Weihersbronn“, „Tod im Tauerntunnel“ und „Ach wie gut, dass niemand weiß“.

Huby ging es um die Fälle, um die Kriminalität der äußerlich Ehrbaren, um die Abseiten einer properen Gesellschaft. Die Leser aber liebten vor allem den Stuttgarter Kriminalhauptkommissar Erwin Bienzle, der im Dezember 1992, gespielt von Dietz-Werner Steck, seinen „Tatort“-Dienst antrat. Schon seit 1983 tragen neue Huby-Krimis den Namen Bienzle im Titel, die alten Bücher wurden umgetitelt neu vorgelegt. Aus dem „Atomkrieg von Weihersbronn“ etwa wurde „Bienzle und der Terrorist“.

Bienzle: Quer zur Welt

In Bienzle, dem schon Stuttgart zu neureich und zu windig wurde, stellte sich ein sturer Schwabe quer zur neuen Welt – so jedenfalls lasen viele Fans damals die Bücher. Ein bisschen wirkten auch die „Tatort“-Folgen mit Dietz-Werner Steck so, als wolle uns ein sehr bodenständiger, bruddeliger Kloben die Gewissheit vermitteln, dass das Verbrechen immer die Ausnahme bleiben würde, dass die Gesellschaft sich aus anständigen und wertefesten Leuten bildete. Allerdings kam diese Gewissheit immer mehr ins Wanken, und wer sich die Entwicklung auf dem Buchmarkt anschaut, der kann einen unaufhaltsamen Imagewandel des Südwestens verfolgen.

Zu Huby stieß ab 1980 der Rechtsanwalt Fred Breinersdorfer, der seine Bücher gerne an realen Fällen orientierte und dessen Held, der Anwalt Jean Abel, von Günther Maria Halmer in einer ZDF-Serie verkörpert wurde. Auf Breinersdorfer folgten hochkarätige Autorinnen wie Uta-Maria Heim und Christine Lehmann, die im Südwesten thematisch wie stilistisch die Fesseln dessen sprengten, was landauf, landab als Regionalkrimi Beliebtheitsrekorde einfuhr.

Alle Krisen der Welt

Stuttgart und die Region waren nicht mehr das putzige Ländle der frühen Siebziger, in dem ein Kriminalfall noch niedlicher sein musste als anderswo. Von hier kamen seit Huby mit immer klarerer Kante Romane, die der alten Krimitradition der bissigen Aufklärung verpflichtet waren.

Das merkt man nicht so sehr, wenn man auf den Fernsehschirm blickt, wo „Soko Stuttgart“ im ZDF und das seit zehn Jahren ermittelnde „Tatort“-Team Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) in der ARD Krimiroutine bieten. Auf dem Buchmarkt aber liefern die Krimis von Wolfgang Schorlau das beste Beispiel für das neue Stuttgart: Im Büro des Privatdetektivs Dengler im Bohnenviertel kreuzen sich die Konfliktlinien der Welt, zu allen großen Krisen und Fehlentwicklungen lassen sich hier Fäden aufnehmen. Fürs ZDF werden diese Krimis auch verfilmt, und man kann nur hoffen, dass die Entwicklung so weitergeht: Dass die Möglichkeiten, in einer der reichsten Städte der Republik hinter die Fassaden von Legalität und Biederkeit zu blicken, immer intensiver genutzt werden.