Stuttgart-Kolumne Ein Bild von einer Meinung

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Falls irgendein Präsident nicht begreift, wie Demokratie funktioniert, möge er nach Stuttgart blicken, meint unser Lokalchef Holger Gayer. Hier gibt es 1400 Demonstrationen im Jahr.

Jeden Sonntag auf dem Schlossplatz demonstrieren die Menschen für Europa. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Jeden Sonntag auf dem Schlossplatz demonstrieren die Menschen für Europa. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Es gibt ja verschiedene Arten der Meinungsäußerung. Da wäre zum Beispiel die juristische, die sich am liebsten in Schriftsätzen zeigt. Erinnern Sie sich an den Fall, von dem neulich hier die Rede war? Es ging um die Frage, ob die Zunge der Rolling Stones Kunst ist oder eine Beleidigung. Zwei Nachbarn waren darüber in Streit geraten, weil der eine das Logo der berühmten Band in seinem Garten aufgestellt hatte. Da der andere diesen Akt jedoch als symbolisches Zungeherausstrecken – und damit als Unverschämtheit – wertete, wird sich demnächst ein Richter damit beschäftigen.

Unter den 16,8 Trilliarden Fans dieser Kolumne hat die damit mal wieder aufgeworfene Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ein eindeutiges Echo hervorgerufen. Das inoffizielle Abstimmungsergebnis lautet 100:0 für die Kunst. Per E-Mail (danke auch für das Bild Ihrer Katze und des netten Weihnachtsmanns) hat sich der Leser S. sogar erkundigt, wo man die besagte Zunge erwerben könne. Er habe sie im Internet nicht gefunden. Das stimmt, Herr S. Der verklagte Nachbar hat das Werk mit Säge und Pinsel selbst gebastelt. Es handelt sich also um ein Unikat der Kategorie „klassisches Kunsthandwerk“.

Ben Becker steht auf die physische Art der Meinungsäußerung

Aber zurück zum Thema Meinungsäußerung. Ben Becker hat dieser Tage gezeigt, wie die physische Variante davon funktioniert. Bei einer Lesung im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg hat der Schauspieler einen Fotografen geschlagen und danach haarscharf erkannt: „Das gibt einen kleinen Skandal. Aber das macht nichts. Ihr wart ein wunderbares Publikum.“

In den Niederlanden haben dagegen mehr als 80 Prozent der Bürger Gebrauch von der demokratischsten Art der Meinungsäußerung Gebrauch gemacht: Sie haben gewählt. Man muss wahrscheinlich bis in die Steinzeit zurückgehen, um einen ähnlichen Wert in deutschen Gefilden zu finden. Dabei sehnen sich auch viele Menschen hierzulande nach einer bürgerlichen Gegenbewegung zu den Populisten vom Schlag eines Geert Wilders.

Herzlicher Gruß an Trump, Erdogan und alle alternativen Demokraten

Und das Schöne daran: Es gibt sie bereits. „Pulse of Europe“ heißt die Initiative, die jeden Sonntag um 14 Uhr Tausende von überzeugten Europäern auf die Straße bringt. In mittlerweile 58 Städten finden sich Menschen zusammen, um für ein „vereintes und demokratisches Europa“ einzutreten, „ein Europa, in dem die Achtung der Menschenwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind“.

In Stuttgart ist natürlich der Schlossplatz der Ort des Geschehens. Nirgendwo sonst in der Stadt finden so viele Kundgebungen für und gegen alles mögliche statt. Und nirgendwo sonst in Baden-Württemberg gibt es so viele Demonstrationen wie in Stuttgart. Etwa 1400 Versammlungen pro Jahr zählt das Ordnungsamt, Tendenz steigend. Rechnerisch macht das knapp vier Demonstrationen pro Tag. So viel zum Thema freie Meinungsäußerung – verbunden mit einem herzlichen Gruß an Herrn Erdogan, Herrn Trump und alle alternativen Demokraten aus nah und fern.

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