Stuttgart Sänger Jean-Marc Lorber Fast hätte es zu einem Auftritt mit Andrea Berg gereicht

Diese Begegnung zwischen der Schlagersängerin Andrea Berg und dem Stuttgarter Sänger Jean-Marc Lorber ist noch eine Montage. Doch im Sommer ist Lorber schon mal in einem Wettbewerb aufgetreten, den Andrea Berg initiiert hatte. Foto: Lorber

Der Stuttgarter Sänger Jean-Marc Lorber lebt und arbeitet mit dem Tourettesyndrom: Er singt in verschiedenen Bands und betätigt sich als Referent, um über Tourette aufzuklären – seine Musik soll aber auch alten Olivenbäumen helfen.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Wer könnte Titel wie „Viel zu schön um wahr zu sein“ oder „Wir können nicht verlieren“ schöner oder noch besser singen als Andrea Berg? – Die Künstlerin weiß sehr gut, was sie kann und was ihre Fans an ihr schätzen. Deshalb hat sie im vergangenen Sommer auch zu einem Wettbewerb der Musikgruppen aufgerufen – frei von Konkurrenzgedanken natürlich. Aber nicht zu irgendeinem Wettbewerb, sondern zum „Band Contest inklusiv“, also zu einem Wettbewerb von Gruppen, in denen Menschen mit Behinderung mitwirken oder die das Thema Inklusion aufgreifen. Fast 40 Bands aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich beworben, darunter auch Magic 4s aus Stuttgart als Teil der Band So Sick.

 

Ein umtriebiger und tatendurstiger junger Mann

Die treibende Kraft dahinter ist Jean-Marc Lorber, ein Stuttgarter, der unter dem Tourettesyndrom leidet. Lorber ist ein sehr umtriebiger und tatendurstiger junger Mann, der sich im Gespräch immer wieder verhaspelt, als sei er hypernervös. Doch äußerst entspannt reflektiert er einige Monate später über diesen Wettbewerb: „Wir haben den siebten Platz unter 40 Teilnehmern erreicht, damit kann man doch zufrieden sein“. Am Schluss sei es eben daran gescheitert, dass die Band So Sick bei der Publikumsabstimmung nicht so viele Unterstützer hatte wie andere. Kein Wunder: Wer unter dem Dach von größeren Hilfsorganisationen Musik macht, hat eine größere Fanbasis, sagt Lorber.

Gerne mit guten Musikern zusammenarbeiten

Aber vielleicht wäre es ihm auch gar nicht recht gewesen, musikalisch allzu sehr in die Nähe von Andrea Berg zu rücken oder von Dieter Bohlen, der die letzten CDs von Andrea Berg mit großem Erfolg produziert hat. Denn als Wettbewerbssieger hätte er gemeinsam mit der Sängerin bei ihrem Heimspiel-Open-Air in Aspach auftreten können. Wobei Lorber schon zugibt: „Ich arbeite sehr gerne mit guten Musikern zusammen“. Und Andrea Berg zählt er ausdrücklich zu dieser Liga, aber auch Mark Forster. Oder Vanessa Mai, die mit Andrea Bergs Stiefsohn verheiratet ist.

Ein Benefizprojekt für alte Bäume

Wahrscheinlich aber wäre die Begeisterung noch viel größer, wenn Lorber Andrea Berg für ein musikalisches Projekt begeistern könnte, an dem er schon seit geraumer Zeit arbeitet: Eine Platte mit dem Titel „Songs for the trees“. Lorber: „Das werden zwölf Songs sein mit den verschiedensten Künstlern. Am Schluss sollte es einen gemeinsamen Auftritt geben wie bei ,We are the world‘ von Michael Jackson.“ Das wird dann eine Benefiz-Produktion für die Initiative Cretan Aenaon sein, ein Schutzprojekt zum Erhalt alter Olivenbäume auf der griechischen Insel Kreta. „Da werden Baumpaten gesucht für teils sehr alte Bäume, damit die nicht Avocadoplantagen zum Opfer fallen“, berichtet Lorber. Die Initiative wurde von einem befreundeten Paar ins Leben gerufen.

Lorber gibt Seminare und klärt auf

Lorber gibt auch Seminar, um über das Tourettesyndrom aufzuklären, als „praktische Lebenshilfe“. Und das sei auch ein guter Ort, um Vorurteile abzubauen. Allerdings bekommt er inzwischen die Sparzwänge der Veranstalter zu spüren, die ihn bisher gerne gebucht haben: Große Einrichtungen wie das Rote Kreuz oder andere Lebenshilfeeinrichtungen. Außerdem würden derartige Veranstaltungen wohl als Nachwirkung von Corona jetzt nicht mehr so häufig gebucht, sagen die Veranstalter. Dabei seien derlei Seminare gerade für Polizisten oder Notärzte wichtig, um unterscheiden zu können, ob ein Mensch das Tourettesyndrom hat, unter Drogeneinfluss steht, psychisch krank ist oder gar simuliert – Fragen, auf die manche in Sekundenschnelle passende Antworten finden müssen. Daran werde derzeit gespart, ist Lorbers Beobachtung: „Vor Corona hatte ich zwei bis drei derartige Veranstaltungen in der Woche, jetzt sind es noch ein bis zwei im Monat.“

Erklärungen aus eigener Erfahrung

Lorber hält die Seminare auch, weil er möglichst viele Menschen seriös über diese Krankheit informieren will. Denn da gebe es auch Trittbrettfahrer: „Manche nehmen das auch als Freifahrschein, um andere zu beleidigen. Das gibt es zwar auch als zwanghaftes Verhalten, aber das betrifft nur ganz wenige“, sagt Lorber aus eigener Erfahrung. Überhaupt stellt er fest, dass in letzter Zeit auffällig viele Prominente und Promi-Sternchen erklären, dass sie Tourette haben. Lorber nennt da Billie Eilish, Lewis Capaldi oder Mia Julia, die gerade am Ballermann auf Mallorca unterwegs ist. Lorber: „Das Phänomen nennt sich Pseudo Tourette oder funktionelle Bewegungsstörung und hat überhaupt nichts mit dem Tourettesyndrom zu tun.“ Lorber hat viel Erfahrung aus seiner Arbeit mit Selbsthilfegruppen, die er seit zwölf Jahren mit seinem Partner Michael leitet. Und seit vier Jahren ist Lorber Vorstand des Vereins Life Ticcer. Mit seinem Partner betreibt er auch Aufklärungsarbeit an Schulen, vor Medizinstudenten, vor Absolventen des freiwilligen sozialen Jahrs sowie auf Kleinkunstbühnen.

da

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