Nein, ein Schmuckstück ist die Böblinger Straße in Stuttgart wohl nicht. An der sechs Kilometer langen Straße zwischen Vaihingen und Marienplatz rauschen tagsüber und nachts die Autos durch, alle paar Minuten quietscht eine Stadtbahn. Doch unweit dieser Straße findet sich eine Oase, wie man sie sich dort kaum vorstellen kann: Ein paar Meter oberhalb des Südheimer Platzes liegt ein 2000 Quadratmeter großer Garten: mit Rosen, Kräutern, Obstbäumen, Stauden und zwei Teichen. Wie kommt man an so etwas – wo schon das Finden einer Wohnung mit Balkon in Stuttgart oft eine Herausforderung darstellt?
Kein „schwäbisches Schaffen“, sondern Meditation
Eigentlich gehört das Areal der Kirche. Doch lange kümmerte sich niemand so recht darum, der Garten verwilderte. Vor rund 20 Jahren bot Juliane Schick, die direkt um die Ecke wohnte, der Kirche dann an, mit vier Mitstreitern gemeinsam die Pflege des Grundstücks zu übernehmen. „Nach kurzer Zeit sprangen drei wieder ab, weil sie merkten, wie viel Arbeit dahintersteckt“, erinnert sich die heute 66-Jährige. Etwa zehn Jahre lang bewirtschaftete sie den Garten mit einer weiteren Mitstreiterin – und etwa die gleiche Zeit macht sie es nun alleine.
„Für mich war das immer ein Traum“, sagt die gelernte Sozialpädagogin, die zuletzt auf dem Wochenmarkt arbeitete und nun seit einem Jahr in Rente ist. Schon ihre Mutter hatte einen Garten. Und während die Mutter mit den elf Kindern oft am Ende ihrer Kräfte war, so „glättete“ sie die Arbeit im Garten immer, erzählt Juliane Schick. Bei ihr sei es genauso. Mit „schwäbischem Schaffen“ habe Gartenarbeit für sie nichts zu tun, vielmehr empfinde sie es als Meditation.
Täglich jätet sie Unkraut
Beim Tag der offenen Gärten am Sonntag bekam Juliane Schick viel Besuch von Menschen, die selbst auch Gärten haben und die mit der Stuttgarterin fachsimpeln wollten. „Das Natürliche gefällt nicht allen“, weiß die 66-Jährige. Aber ihr sei genau das wichtig. „Ich will die Leute inspirieren, ihre eigenen Gärten auch mehr freizulassen.“ Damit sei auch den Tieren viel mehr geholfen. Juliane Schick empfiehlt etwa natürliche Blühpflanzen für Bienen, Hagebutten tragende Rosen für Vögel, außerdem Bohnenkraut und Thymian, um Schädlinge natürlich abzuwehren.
Trotzdem bedeutet dieser Fokus aufs Natürliche nicht, dass sie alles einfach wachsen und wuchern lassen kann. Damit Blumen, Kräuter, Obstbäume und Stauden gedeihen können, jätet Juliane Schick täglich Unkraut. „Ich greife viel ein“, sagt sie. Im Sommer sei sie locker vier bis fünf Stunden pro Tag im Garten, im Winter vielleicht zwei Stunden. Dann kümmere sie sich eher um Bauliches oder die Teiche, sagt sie. Und manchmal fotografiere sie auch nur. Mit dem Garten entdeckte sie nämlich auch ihre Liebe zum Fotografieren, die Bilder von Rosen, Käfern oder Schmetterlingen verkauft sie unter anderem auf Postkarten.
Immer weniger Schmetterlinge im Garten
An der Anzahl der Tiere in ihrem Garten spürt Juliane Schick ganz konkret das Artensterben. Zwar seien da immer noch viele Vögel, Eidechsen, Frösche, Molche und Insekten, doch die Zahl der Schmetterlinge lasse nach, sagt sie. Immerhin muss sie trotz der Hitze in diesen Tagen nicht kübelweise gießen. Weil fast die gesamte Erde des Gartens mit Pflanzen bedeckt ist, bleibt die Feuchtigkeit im Boden lange bestehen. Lediglich den schmalen Rasenwegen sieht man inzwischen die Trockenheit an.
Inmitten von Rosen, Kräutern und Stauden hängt auch eine cremefarbene Hängematte, sie sieht einladend aus; dort im Schatten unter den Obstbäumen. „Ich liege darin vielleicht eine halbe Stunde pro Jahr“, sagt Juliane Schick. Meistens fällt ihr vorher irgendetwas ein, was sie tun könnte: hier etwas jäten, dort etwas zurückschneiden, da drüben etwas einsäen. „Das erfüllt mich.“