Stuttgart-West Für Radfahrer wird der rote Teppich ausgerollt

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Für eine knappe Stunde sind am Samstagmorgen die Radler in Stuttgart-West wie Prominente gefeiert worden. Autofahrer mussten unterdessen unter dem Teppich hindurch fahren.

Fahrradfahrer dürfen drüberfahren, Autos müssen unten durch:  Rund 50 Menschen sind  mit einem 50-Meter-Teppich durch den Stuttgarter Westen gezogen. Foto: Julia Bosch
Fahrradfahrer dürfen drüberfahren, Autos müssen unten durch: Rund 50 Menschen sind mit einem 50-Meter-Teppich durch den Stuttgarter Westen gezogen. Foto: Julia Bosch

S-West - Statt der Orgel oder den Kirchenglocken ist an diesem Morgen Rockmusik vor der Johanneskirche am Feuersee zu hören. Einer der Radfahrer hat in den Anhänger seines Lastenrads einen großen Lautsprecher gestellt. Um die 50 Menschen haben am Samstag im Rahmen eines Flashmobs auf die schlechten Bedingungen für Radfahrer in der Landeshauptstadt aufmerksam gemacht und für den Stuttgarter Radentscheid geworben.

Mit einem 50 Meter langen roten Teppich ist die Gruppe durch den Stuttgarter Westen gezogen und hat für jeden Radfahrer auf dem Weg den Teppich ausgerollt. Bei Autos wurde der Teppich in die Luft gehalten; die Fahrer mussten unten hindurch fahren.

„Wir haben nichts gegen Autos, aber gerade kurze Strecken in der Stadt sind mit dem Rad viel besser und schneller zu bewältigen“, sagt Thijs Lucas. Er hat die „Initiative Zweirat“ gegründet und den Radentscheid Stuttgart initiiert, also einen Bürgerentscheid für besseren Radverkehr in der Stadt. Seit Juni hat er gemeinsam mit vielen anderen Menschen 10 000 Unterschriften gesammelt. Bis zum 7. November sollen es mehr als 20 000 werden; dann wollen die Radfahrer die Listen bei der Stadtverwaltung abgeben, um das Begehren bei den Kommunalwahlen im Mai 2019 vorzubringen.

Viele Radler sind auf Gehwegen unterwegs

Die Aktion mit dem roten Teppich hat sich die Initiative von der Stadt Köln abgeschaut. „Auch dort gibt es einen Radentscheid, und wir waren dabei, als in Köln der rote Teppich für Radler ausgerollt wurde“, sagt Thijs Lucas. „Die Idee fanden wir super – und gerade im Stuttgarter Westen bot sich das an, weil wir dort insgesamt nur 250 Meter Radweg haben.“

Nicht nur im Westen, sondern überall in der Stadt kann man regelmäßig beobachten, wie viele Radfahrer auf den Gehwegen fahren. „Die Straßen sind ihnen zu gefährlich, oder sie denken, sie dürften gar nicht auf der Straße fahren. Das wollen wir verändern“, sagt Thijs Lucas. Etwa ein halbes Jahr lang hat die Bürgerinitiative an einem Forderungspapier gebastelt. Nach einer Prüfung durch einen Rechtsanwalt ist dabei ein Elf-Punkte-Plan herausgekommen, der Politikern und Verwaltung zeigen soll, was sich die Radler in Stuttgart wünschen.

Positives Beispiel ist die Tübinger Straße

Das oft entgegnete Argument, dass es in der Stadt keinen Platz für Radler gebe, funktioniere bei dem Modell Fahrradstraße nicht, sagt Thijs Lucas. Schließlich nutzen dort Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer gemeinsam den Platz auf der Straße. „Wir sehen ja, wie gut diese Möglichkeit an der Tübinger Straße in Stuttgart-Süd angenommen wird. Von solchen Radstraßen muss es viel mehr geben.“

Vorbild für die Stuttgarter Radfahrer sind Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder Straßburg. „Der Stuttgarter Gemeinderat muss dafür endlich aktiv werden und einheitlich arbeiten. Derzeit hat man das Gefühl, dass die sich gegenseitig hemmen“, sagt Thijs Lucas. Denn die Hauptradroute 1 von Vaihingen bis nach Bad Cannstatt sei zwar ein tolles Vorzeigeprojekt – aber bisher eben die einzige, die einigermaßen funktioniere. „Und auch dort fährt man teilweise noch über Fußwege.“

Weitere große Aktionen geplant

„Die Reaktionen auf den Radentscheid sind bisher sehr positiv“, sagt Susanne Keller, eine der Initiatoren. Regelmäßig würden sich Menschen bedanken, dass die Gruppe auf die Situation der Radfahrer aufmerksam mache. „Mittlerweile haben wir auch ein großes Bündnis an Unterstützern, wie beispielsweise den Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) oder Greenpeace“, sagt Thijs Lucas. Auch immer mehr Privatleute würden fleißig Unterschriften sammeln gehen: „Erst kürzlich hat sich eine zwölfjährige Radlerin geärgert, dass ihre Stimme nicht gezählt wird, weil sie noch keine 16 ist. Daraufhin ist sie losgezogen und kurz darauf mit drei vollen Unterschriftenlisten wiedergekommen.“

Bis November, wenn die Initiative die Unterschriftenlisten abgeben will, soll es noch weitere größere Aktionen in der Stadt geben – was genau, wollen die Radfahrer bisher aber noch nicht verraten.

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