InterviewStuttgarter Band Rikas „Unsere Leichtigkeit wird nicht verloren gehen“

Von Laura Kurtz 

Mit ihrem sonnig-leichten Indie-Pop haben sich die Rikas von der Schulband zum Erfolgsphänomen entwickelt. Die Corona-Krise sehen die Stuttgarter Musiker als Chance, sich neu auszuprobieren – und gleichzeitig ihrem unverkennbaren Klang treu zu bleiben.

Seit Schultagen nicht nur Freunde, sondern auch Musikkollegen: Ferdinand Hübner, Sam Baisch, Sascha Scherer und Chris Ronge (v. l.). Foto: Lisa Nguyen
Seit Schultagen nicht nur Freunde, sondern auch Musikkollegen: Ferdinand Hübner, Sam Baisch, Sascha Scherer und Chris Ronge (v. l.). Foto: Lisa Nguyen

Stuttgart - Die Rikas blicken bereits auf über zehn Jahre Bandgeschichte zurück, die in Schultagen begonnen hat. Nach dem Abitur haben sich Ferdinand Hübner, Chris Ronge, Sascha Scherer und Sam Baisch auf eine Tour durch Europa mit dem Interrail gemacht und sich mit Straßenmusik ihren Lebensunterhalt verdient. Die Hündin der Familie Hübner, Rika, wurde zur Namensgeberin der Band, die sich in den vergangenen vier Jahren nicht nur im heimischen Schwabenland, sondern deutschlandweit einen Namen gemacht hat. Mit ihrem Debütalbum „Showtime“ wären die Rikas im Frühjahr 2020 auf Tour gegangen, durch die Corona-Krise kam aber alles anders.

Lesen Sie hier die ganze Erfolgsgeschichte der Stuttgarter Band Rikas – und wie alles angefangen hat

Nicht unbedingt schlechter, findet Sascha Scherer. Im Interview erzählt er, was die Rikas aus der Corona-Zeit mitgenommen haben, welche Träume in den vier Freunden schlummern und warum ein wenig Leichtigkeit, für die die Band so bekannt ist, gerade jetzt nicht schadet.

Die Künstlerbranche ist von der Corona-Krise mit am härtesten betroffen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Anfangs war es auch für uns ein Schock. Wir mussten unsere Tour verschieben, Auftritte absagen, konnten nicht zusammen spielen. Es war ungewohnt, uns nicht zu sehen, all die Jahre waren wir schließlich ständig zusammen. Aber gerade deshalb war es für uns auch mal gut, allein zu sein, zum Durchatmen und zum Nachdenken: Wie steht es um uns, unsere Musik, unsere Freundschaft? Als wir dann wieder zusammengekommen sind, hatte jeder etwas dazu zu sagen. Wir sind letztendlich sogar näher zusammengerückt.

Sie konnten also etwas Positives aus der Corona-Krise ziehen?

Die Positivität zu finden, fällt manchmal schwer, ist aber enorm wichtig. Uns leitet das als Band, dass wir negative Emotionen immer in etwas Positives umwandeln, das ist unser Geist. Deshalb spielen wir diese lockere, fröhliche Musik, die manchmal auch als zu unernst beschrieben wird. Aber für uns fühlt sich das richtig an, und letztendlich sind Freundschaften dafür ja auch da.

Fließen die Erfahrungen der Corona-Zeit auch in Ihre neuen Lieder ein?

Auf jeden Fall. Die Musik, an der wir in den vergangenen zwei Wochen gearbeitet haben, handelt zum Beispiel von dem Alleinsein und Getrenntsein, das wir während des Lockdowns erlebt haben – da ging es manchmal etwas wilder bei uns zu (lacht). Den ganzen Frust kann man eben gut in Form von aggressiveren Songs ausdrücken. Aber wir widmen uns auch den positiven Aspekten: dem Entschleunigen, oder auch dass sich die Menschen gezwungenermaßen mit sich selbst beschäftigen, weil die Ablenkung, das Flüchten fehlt, und dadurch wachsen.

Werden Sie die Leichtigkeit denn auch beibehalten, wenn Sie nun schwerere Themen in Ihrer Musik verarbeiten?

Das Schwere wird vielleicht ein Stück weit einfließen, aber die Grundleichtigkeit wird sicher nicht verloren gehen. Wie wichtig eine gewisse Leichtigkeit und Fröhlichkeit sind, zeigt sich derzeit auch im Rahmen der „Black Lives Matter“-Bewegung: Viele Menschen gehen auf die Straße und demonstrieren für etwas Wichtiges und Ernstes. Diese Ernsthaftigkeit gehört dazu – aber trotzdem feiern die Schwarzen sich selbst und ihre Kultur, sie behalten das Positive, das finde ich schön. Und wenn man etwas durchsetzen will, gehört das auch irgendwo dazu, dass man vorlebt, wie – und nicht nur kritisiert und andere schlechtmacht.

Die Rikas machen inzwischen seit über zehn Jahren gemeinsam Musik. Wohin soll es gehen?

Darüber haben wir in letzter Zeit tatsächlich viel gesprochen. Wir haben uns vor Augen gehalten, was wir schon alles zusammen erlebt haben. Es gibt einiges, worauf wir stolz sein können – darüber denkt man viel zu selten nach. Durch die Corona-Krise ist auch für uns einiges weggebrochen: Wir hätten in diesem Jahr viel live gespielt und so unser Debütalbum beworben, das im Herbst erschienen ist. Weil all das wegfällt, sind wir intern am Schaffen und Kreieren. Das nächste Ziel ist es, diese Musik so weit fertigzustellen, dass wir sie veröffentlichen können.

Also arbeiten Sie schon fleißig am nächsten Album, ohne das Debütalbum live präsentiert zu haben?

Ja, richtig. Aber dass uns das genommen wurde, ist gar nicht mal schlecht. Wir sind Fans von Neustarts, und genau das wollen wir auch jetzt in unserer Karriere: damit abschließen und wieder von Null beginnen. Langfristig wünschen wir uns tatsächlich, noch mehr zu spielen, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland.

Darin haben Sie ja schon Erfahrung. Nach der Schule sind Sie eine Weile als Straßenmusiker durch Europa gereist.

Ich glaube, als Musiker gibt es nichts Schöneres, als vor unterschiedlichem Publikum zu spielen. Auf unseren Interrail-Reisen hat es uns fasziniert, dass jeder Tag, jede Stadt anders war und man immer neu inspiriert wird. Das hat uns gutgetan. Wir würden gern wieder durch Europa reisen, neue Songs schreiben, vielleicht sogar ein bisschen Straßenmusik machen – soweit das in diesem Jahr eben möglich sein wird.

Wie hat Sie diese Zeit denn inspiriert?

Der europäische Geist hat uns sehr gefallen: die Freiheit, die offenen Grenzen – in Zeiten von Corona merkt man erst, dass das gar nicht so selbstverständlich ist. Deshalb haben wir es uns auch selbst auf die Fahne geschrieben, Menschen überall mit unserer Musik zu erreichen und zu verbinden.

Sonniger Indie-Pop mit einem Hauch von Soul und Rock’n’Roll – eine Hörprobe der Stuttgarter Band Rikas:

Blicken wir noch einmal zurück. Was hat Sie in ihrer gesamten Band-Zeit besonders geprägt?

Tatsächlich die Interrail-Reise. Wir waren damals überall in Europa unterwegs, von Mailand über Paris bis nach London, Brüssel und Amsterdam. Zu der Zeit wussten wir noch nicht, wohin mit uns, wohin mit der Band – wir waren jung und ziemlich naiv. Beim Spielen hatten wir immer ein Schild dabei, dass wir Übernachtungen suchen. Aber bereits am zweiten oder dritten Reisetag standen wir ohne Unterkunft da. Wir wollten schon aufgeben, haben aber noch ein letztes Mal gespielt – und tatsächlich kam da eine nette junge Dame und hat uns zu sich nach Hause eingeladen.

Und das hat dann alles verändert?

Ja! Von einem Moment auf den anderen waren wir nicht mehr frustriert, sondern beflügelt und stolz, dass wir durchgehalten hatten. An diese Lehre haben wir uns seither immer wieder erinnert – das lässt uns dranbleiben. Langatmigkeit wird belohnt, denn irgendwas fügt sich am Ende immer positiv für einen zusammen. Durch diese Reise haben wir uns letztlich dazu entschieden, die Musik als Hauptlebenswerk anzugehen.

Eine letzte Frage: Wie geht es Ihrer Namensgeberin, der Hündin Rika?

Rika hatte vor Kurzem Geburtstag! Sie ist 13 Jahre alt geworden, eine weise alte Dame also. Wegen Corona durfte sie ihren Geburtstag nur im kleinen Kreis mit der Familie verbringen, also mit uns und den Hübners. Sie läuft zwar nicht mehr so schnell, aber es geht ihr gut – und sie ist immer noch dabei. Zwar nicht im Proberaum, das wäre wegen der Lautstärke unzumutbar, sie lauscht dann lieber aus dem Garten. Rika ist tatsächlich schon immer Teil unserer Musik, mit ihr hat alles angefangen.