Stuttgarter Kickers Warum gibt’s in der Oberliga so viele Coronafälle?

Teamgeist ist gefragt – auf die Spieler der Stuttgarter Kickers waten viele englische Wochen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Keine andere Spielklasse meldet auch nur annähernd so viele Spielabsagen wie die Fußball-Oberliga – Verband und Vereine rätseln.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Am Mittwochvormittag kam die Nachricht vom nächsten Spielausfall in der laufenden Saison der Fußball-Oberliga. Beim SV Linx hatte sich über Nacht die Zahl von drei positiv getesteten Spielern auf sechs erhöht. Das für den Abend vorgesehene Nachholspiel beim 1. Göppinger SV wurde abgesetzt. Warum trifft es die fünfte Liga so auffällig häufig mit Coronafällen? „Das fragen sich viele, auch ich überlege die ganze Zeit, aber ich finde keine schlüssige Erklärung“, rätselt Lutz Siebrecht, der Sportliche Leiter der Stuttgarter Kickers, die bereits fünf Pflichtspiele im Rückstand sind.

 

Sensibler Umgang in der Oberliga

Auch beim Württembergischen Fußballverband (WFV) zerbricht man sich den Kopf über den Grund für die auffällig vielen Spielausfälle in der Oberliga: „Dort gibt es mehr Trainingstermine, dadurch verbringen die Spieler mehr gemeinsame Zeit in der Kabine, außerdem stehen auch mehr Busfahrten an als in unteren Klassen“, lautet der Erklärungsversuch von WFV-Pressesprecher Heiner Baumeister. Göppingens Spielleiter Ingo Miede ist sich sicher, dass in der zumindest semiprofessionellen Oberliga auch mehr getestet wird als in den niedrigeren Klassen: „Es wird insgesamt sensibler mit dem Thema umgegangen.“ In unteren Ligen werde nicht immer alles gemeldet. „Wer krank ist, bleibt eben zu Hause“, glaubt Miede.

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Was dieser eigentlich nachvollziehbaren These entgegen spricht, ist die Situation in der Regionalliga Südwest. Dort gibt es schärfere Regularien, es wird mehr getestet, und aufgrund des Zulassungsvertrags, den alle Vereine mit der Regionalliga Südwest GbR geschlossen haben, müssen auch alle Coronadaten an die spielleitende Stelle gemeldet werden. Dennoch ist in dieser Spielklasse noch keine einzige Partie in dieser Saison ausgefallen. „Das kann auch Zufall sein, in der vergangenen Runde hatte es uns dafür hart getroffen“, sagt Jonas Ochs, der verantwortliche Mann für den Spielbetrieb in der Regionalliga Südwest, er traut dem Frieden noch nicht: „Wenn jetzt die kühlere Jahreszeit kommt, kann es auch in unserer Spielklasse wieder anders aussehen.“

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Dass es Richtung Winter eher zu (noch) mehr Spielausfällen kommt – diese Befürchtung treibt auch die Oberligisten um. An diesem Donnerstag tagt die Spielkommission des WFV. Das Ziel ist klar: Ohne dass gesundheitliche Risiken eingegangen werden, sollen künftig weniger Spiele abgesetzt werden. Wie die dafür zugrunde gelegten Regelungen konkret aussehen, soll möglicherweise schon am Freitag bekannt gegeben werden.

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Genau einen solchen Kriterienkatalog hätten sich viele Oberligisten schon früher gewünscht. „Seit fast zwei Jahren beschäftigen wir uns schon mit dem Problem. Warum wird ein klares Konzept erst präsentiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, fragt sich Christian Werner, der Sportdirektor des SGV Freiberg. Sein Verein war am vergangenen Samstag von einem sehr kurzfristigen Spielausfall betroffen. Nach langem Hin und Her wurde das für 14 Uhr vorgesehene Spiel gegen den SV Linx erst zwischen 11 Uhr und 11.30 Uhr abgesetzt. „Die Kurzfristigkeit bringt die vielen Ehrenamtlichen in die Bredouille, Lebensmittel mussten weggeworfen werden“, sagt Werner, der den WFV bei diesem Thema überfordert sieht. Was noch hinzukommen könnte, aber keiner offiziell ausspricht, ist die theoretische Möglichkeit, dass Covid-19 von Vereinen gezielt eingesetzt wird, um sich einen sportlichen Vorteil zu verschaffen, zum Beispiel indem ein Spiel etwa bei Verletzungsproblemen abgesetzt wird.

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Wie auch immer: Nicht nur bei den Kickers wird gehofft, dass zumindest 50 Prozent der Spiele ausgetragen werden, damit die Saison auch gewertet wird. „95 Prozent in unserer Mannschaft sind geimpft oder genesen, die restlichen Spieler versuchen wir noch zu überzeugen“, sagt der Sportliche Leiter Lutz Siebrecht. Damit die Chancen steigen, dass die Blauen nicht ein fünftes Jahr in der Oberliga verbringen müssen.

Corona im Sport

Fußball
 Im Fußball gilt die 3G-Regel nur für den Zutritt in die Kabinen. Theoretisch kann sich ein bereits umgezogenes Team auch in der Oberliga ohne jegliche Kontrolle auf das Spielfeld begeben und um Punkte spielen.

Handball
 Im Bereich des Handballverbands Württemberg (HVW) ist erst ein Spieltag absolviert. Verbandsmanager Thomas Dieterich ist kein Spielausfall bekannt. Da die Spiele in der Halle ausgetragen werden, gilt für die Spieler die 3G-Regel, die Einhaltung wird vom Heimverein kontrolliert. „Für die Durchführung des Jugend-Spielbetriebs hilft uns sehr, dass die Kinder in der Schule getestet werden“, sagt Dieterich. Am kommenden Dienstag tagt das geschäftsführende HVW-Präsidium. Es soll besprochen werden, wie der Spielbetrieb möglichst gut aufrecht erhalten werden kann, wie restriktiv bei Spielverlegungen vorgegangen wird. 50 Prozent der Spiele müssen ausgetragen sein, damit die Saison gewertet wird.

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