Der Neuwagen muss nach vier Monaten schon zur Inspektion: Mehr als 30 000 Kilometer hat Veronika Ebert seit Januar für Lav’a Belle zurückgelegt. Zwischen Sylt und Zürich klappert sie Bars und Restaurants ab, stellt ihren Apéritif vor, in dem Lavendel und Kräuter aus der Provence sowie ein wenig Vanille stecken. „Es ist ihr Baby“, sagt ihr Mann Konstantin gerne. „Ich habe mich mit dem Produkt überidentifiziert“, sagt sie und lacht. Die Begeisterung geht so weit, dass die 32-Jährige mittlerweile ihre Anstellung als Betriebsärztin gekündigt hat. Stattdessen ist sie Chief Executive Officer ihrer eigenen Firma und gleichzeitig die einzige Angestellte, die noch nicht einmal ein Gehalt bekommt. Lav’a Belle ist zwar ein Erfolg, aber längst nicht profitabel.
Der Lavendellikör ist ihre Leidenschaft
Dabei investierte Veronika Ebert sechs Jahre in ihr Medizinstudium. „Das machst du, das ist sicher“, lautete ihr Credo, so sei sie aufgewachsen. Nach der Klinik wechselte sie zu einem Betriebsarztdienst. „Ich bin gerne Arzt“, sagt sie. Impfungen, Check-ups oder Workshops gehören zum Beispiel zu der Tätigkeit. Sie reduzierte erst auf 80 Prozent, arbeitete dann 70, 60 und zuletzt 30 Prozent. „Aber Lav’a Belle ist meine Leidenschaft“, sagt Veronika Ebert. Aus Liebe zur Provence und in der Langeweile der Corona-Lockdowns entstand der Lavendellikör mehr oder weniger in ihrem Stuttgarter Wohnzimmer. Als Branchenfremde – Konstantin Ebert ist Unternehmensberater – zogen sie das Projekt bemerkenswert professionell durch, fanden einen Produzenten, kauften tausende von Flaschen, übergaben Verpackung und Versand an einen Logistiker und waren innerhalb von wenigen Wochen ausverkauft.
„Man macht nur Sprünge, wenn man einen Impuls bekommt“, sagt Veronika Ebert und erinnert mit ihrem Bild an die ärztliche Untersuchung des Kniereflexes mit Hilfe eines kleinen Hammers. Es sei „ein mulmiges Gefühl“ gewesen, die Festanstellung „für den Traum“ aufzugeben. Zumal ihre neue Beschäftigung die Kaltakquise ist. Der Job ist so hart, wie er klingt: Mit Anrufen oder Mails lässt sich niemand von einem Getränk überzeugen, Veronika Ebert muss es persönlich vorstellen. Dass sie nicht die einzige Getränke-Vertreterin ist und nicht von einer bekannten Marke, bekommt sie in den Bars und Restaurants immer wieder zu spüren. „Man muss schmerzresistent sein, um so etwas aufzubauen“, sagt sie. Fast alle ihre Wochenende verbringen sie und ihr Mann außerdem auf Messen und bei Events. Am Samstag, 11. Mai, schenken sie zum Beispiel im Dorotheenquartier bei Breuninger in Stuttgart von 11 bis 18 Uhr wieder aus.
Zweistelliges Wachstum und Export ins Ausland
Veronika Ebert macht ihre neue Aufgabe offensichtlich gut, denn 2023 wurden mit 18 000 Stück bereits 45 Prozent mehr Flaschen verkauft, als im Jahr zuvor. Und das erste Quartal 2024 ist um 60 Prozent besser als im vergangenen Jahr. In Sylt ist Lav’a Belle bei vier Adressen im Programm, in Sankt Peter Ording, in Hamburg, in München, am Ammersee, am Bodensee, im Europa-Park und in Zürich. In Stuttgart wird der Lavendeldrink unter anderem in der Alten Kanzlei, der Ampulle, bei Paul & George oder den Jazz Open angeboten, im Remstal im neuen Sterne-Restaurant Cedric, bei Edeka im Gerber ist er zu kaufen und wahrscheinlich bald auch im einen oder anderen Rewe.
Wachstum ohne Schulden ist das Ziel
Inzwischen beschäftigen die Eberts drei Logistiker, einer für den Onlineversand, einer für die Gastronomie und einer, der auf Export in Europa spezialisiert ist. „Der Zoll hat uns viele graue Haare gekostet“, erzählt Veronika Ebert. Ihr Mann Konstantin erledigt die Buchhaltung, die Steuer und das Office neben seinem Vollzeitberuf, der die Selbstständigkeit seiner Frau auch finanziert. „Es geht nach oben, aber die Kosten steigen in gleichem Maße“, sagt er. Ihr Unternehmen soll wachsen, Schulden will das Paar dafür jedoch keine machen, obwohl es genug zu tun gäbe für drei Mitarbeiter. Ein Gewinn für die Ärztin ist auch, dass sie durch die Aufgabe über sich hinausgewachsen ist, ihre Schüchternheit ablegen musste und eine ganz neue Welt kennen lernte. „Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es nicht gemacht“, räumt Veronika Ebert allerdings ein – einerseits. Andererseits macht es sie „richtig glücklich“, wenn Gastronomen oder Kunden über ihr Baby sagen, „Lava’a Belle schmeckt toll!“