Stuttgarter Technikhochschule mit neuem Studienkonzept Mathestudierende dringend gesucht

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An der Stuttgarter Hochschule für Technik ist die Zahl der Mathe-Anfänger um ein Fünftel geschrumpft. Ein gemeinsames Konzept mit Unternehmen soll das Studium attraktiver machen. Ob die Mathe-Käpsele jetzt Hochschule und Unternehmen stürmen werden?

Sie zeigen großes Interesse: Schüler erproben sich beim Mathe-Cup der Hochschule für Technik. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Sie zeigen großes Interesse: Schüler erproben sich beim Mathe-Cup der Hochschule für Technik. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Seit drei Jahren ist die Zahl der Bewerber, die sich an der Stuttgarter Hochschule für Technik (HFT) für ein Mathestudium einschreiben, rückläufig. Paul-Georg Becker, Prodekan der Fakultät Vermessung, Informatik und Mathematik und Professor für Versicherungs- und Finanzmathematik, sagt, es seien rund 20 Prozent weniger Anfänger im Bachelor-Studiengang. Er betont zwar: „Wir stehen nicht vor leeren Hör­sälen.“ Aber im Wintersemester 2017/18 waren nur 56 der 75 Matheanfängerplätze besetzt, auch die Bewerberzahl ist um ein Drittel eingebrochen. Beckers Analyse: „Die Unternehmen sind stark an unseren Studierenden interessiert, aber die Schulabsolventen nicht so stark am Mathestudium.“

An der Hochschule führt man diese Entwicklung auch auf die wachsende Konkurrenz an Studiengängen in mathematik­nahen Fächern wie etwa der Informatik sowie das steigende Angebot anderer Mint-Fächer zurück – an der HFT, aber auch an anderen Hochschulen. Also habe man sich gefragt: „Wie können wir mehr Schüler für das Fach Mathe begeistern?“, so HFT-Sprecherin Petra Dabelstein. Vielen Schülern sei nicht bewusst, wie gefragt die Absolventen in der Versicherungs- und Bankenbranche und im Fahrzeugbau seien. Experten also, die die Risiken in der Bankbranche berechnen, sich mit der Konstruktion von Versicherungsverträgen befassen oder mit einer Funktion einer Beleuchtung im Auto. Auf diese Situation reagiert die HFT zum Wintersemester 2018/19 mit der neuen Studienvariante „Mathe hoch zwei – work & study“. Das Besondere: die Studierenden arbeiten von Anfang an in einer Firma, verdienen Geld und studieren parallel dazu im Bachelorstudiengang Mathe.

Technikhochschule will der Dualen Hochschule keine Konkurrenz machen

Damit das zeitlich klappt, dauert das Studium acht statt sieben Semester. „Mathe ist schon schwer genug“, meint Becker, „wir garantieren den Studierenden und den Unternehmen, dass ein Tag pro Woche ohne Vorlesung ist“. Das zusätzliche Semester werde dem Grundstudium zugeschlagen, im Hauptstudium könne die Tätigkeit im Unternehmen das Praxissemester ersetzen. Becker betont: „Wir wollen der ­Dualen Hochschule keine Konkurrenz machen. Wir sehen aber, dass unsere Mathestudierenden häufig als Werkstudenten tätig sind.“

Von dem neuen Programm verspricht sich Becker gleich mehrere Effekte: „Wer sich bei einem Unternehmen bewirbt, muss das Ganze mit größerer Ernsthaftigkeit angehen, muss sich vorstellen. Das ist eine etwas andere Hürde – aber es lohnt ja auch“, meint der Matheprofessor, „wir haben die Hoffnung, dass wir mit diesem Programm besonders starke Leute ansprechen, die besonders gute Voraussetzungen mitbringen.“ Allerdings: „Die Leute werden ordentlich ran müssen“, so der Prodekan. Man gehe von mindestens 60 Arbeitstagen im Jahr aus, die Unternehmen könnten aber natürlich auch mehr Stunden vereinbaren.

Versicherungen und Industrie kämpfen gegen den Mangel an Mathefachleuten

Rund ein Dutzend Unternehmen aus den Vertiefungsrichtungen Finanz- und Versicherungsmathematik und Industriemathematik beteiligen sich als Kooperationspartner an dem Programm – darunter auch die Stuttgarter Lebensversicherung. Der Fachkräftemangel sei gerade in diesem Bereich „eine große Herausforderung“, Mathefachleute seien sehr gesucht. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich“, sagt die Personalreferentin Simone Sprentz. Schon heute gebe es nur wenige geeignete Bewerbungen auf die verfügbaren Stellen – und die Zahl der Studierenden gehe weiter zurück. Deshalb setze man auf Mathe hoch zwei: „Mit unserem Angebot möchten wir frühzeitig qualifizierte Nachwuchskräfte an uns binden.“ Zunächst wolle man einen Platz anbieten, später vielleicht mehr. Zwölf Euro pro Stunde verdienen die Werkstudierenden dort.

An der Uni Stuttgart ist die Zahl Matheanfänger für das Lehramt zwar stabil, bei den Bachelorstudierenden, die keinen Lehrerjob anstreben, aber zurückgegangen. Die Nachfrage unterliegt dort allerdings großen Schwankungen. Im Wintersemester 2017/18 füllten nur 71 Anfänger die Hörsäle, obwohl 125 hätten beginnen dürfen. In den beiden Jahren zuvor waren es jeweils mehr als doppelt so viele Anfänger gewesen, allerdings hatte es damals keinen Numerus clausus gegeben. Dieser habe einen Abschreckungseffekt, da die Interessenten gezwungen seien, sich früh zu entscheiden und zu bewerben.

Nachhilfe für Mathestudenten

Doch es geht nicht nur darum, genügend Matheanfänger an die Hochschulen zu ­locken, sondern diese sollen ihr Studium auch durchhalten. An der Uni Stuttgart können Mathestudierende seit dem Wintersemester 2017/18 neben einer sechs- auch eine achtsemestrige Studienvariante wählen und werden durch das Mint-Kolleg unterstützt. Somit verstünden sie den Stoff besser, könnten Grundlagen vertiefen und bekommen Hilfe bei der Prüfungsvorbereitung. Zwölf Teilnehmer hätten sich dafür entschieden. „Mit dieser Zahl sind wir für das noch neue Angebot zufrieden und ­wollen es weiterführen“, so Unisprecher Hans-Herwig Geyer. Wenn alles klappt, werden auch sie als „Generalisten im kreativ-problemlösenden Denken“ vielfältig einsetzbar sein – nur eben etwas später. Vorausgesetzt, sie brechen ihr Studium nicht ab. An der Uni Stuttgart bricht allerdings knapp die Hälfte, an der HFT sogar mehr als die Hälfte aller Mathestudenten ab – trotz Fördermaßnahmen.

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