Es klingt wie Science-Fiction. Brokkoli, Rettich oder Radieschen werden in einem Keller aufgepäppelt. Wenn die Pflänzchen ein paar Zentimeter groß sind, entfalten sie bereits ihr volles Geschmacksaroma, sind vollgepumpt mit Nährstoffen und können zum Würzen, für Pestos oder als Topping verwendet werden. Für die Firma Urbanfarmup ist dieses Szenario allerdings keine Zukunftsmusik, sondern Geschäftsmodell. Von Gießen aus beliefert Unternehmensgründer Robin Jörg Hotels und Restaurants mit seinen Microgreens. Bald schon läuft die Produktion auch am neuen Firmensitz in Ludwigsburg an – wo sich die Stückzahlen im Vergleich zu dem Standort in Hessen jedoch in ganz anderen, weitaus größeren Dimensionen bewegen werden.
Anbau auf bis zu 1500 Quadratmetern möglich
Aktuell pflegen Jörg und sein Team die Gewächse auf 45 Quadratmetern. Ab Frühjahr können sich die Mitarbeiter von Urbanfarmup in der Barockstadt auf einer zehnmal so großen Fläche um das sprießende Grün kümmern, perspektivisch stehen ihnen sogar 1500 Quadratmeter zur Verfügung. Möglich macht das die Partnerschaft mit dem Unternehmen Rieber aus Reutlingen, das seine Kernkompetenz in der Edelstahlverarbeitung und der Digitalisierung von Großküchen hat und Catering-Systeme für Profis herstellt. Rieber wiederum gehört zu einer Unternehmensgruppe, bei der Madlen und Max Maier Gesellschafter sind. Der Bogen nach Ludwigsburg wird nun dadurch gespannt, dass die Maiers dort unter dem Namen Urbanharbor und in ihrer zusätzlichen Eigenschaft als Immobilienentwickler eine frühere Industriebrache in der Weststadt in einen modernen Bürokomplex für Start-ups samt Kantine und Eventlocation umgestaltet haben. Massig Platz war noch im Keller übrig. Dort wird sich Robin Jörgs Firma ansiedeln.
Jörg ist ein Quereinsteiger, der sich Schritt für Schritt in die Materie eingearbeitet hat. „Meine Vision war, etwas Nachhaltiges zu tun und nicht nur darüber zu reden“, sagt der 31-Jährige. Zunächst beschäftigte er sich mit krummem Gemüse, also formtechnisch aus der Norm gefallenen Karotten, Gurken und Co., die als unverkäuflich gelten und auf dem Müll landen. Dann stieß er auf Microgreens und Indoorfarming– und hatte damit seine Berufung gefunden. Er habe erste Versuche damit gemacht, Freunde und Bekannte seien begeistert vom Ergebnis gewesen. „Wir waren dann quasi die Ersten in Deutschland, die das produziert und vertrieben haben“, betont er.
Kleine Menge mit großer Wirkung
Das Grundprinzip ist relativ simpel. Sämlinge werden gesetzt und gezogen, ab da hat es sich aber schon mit den Gemeinsamkeiten mit der klassischen Landwirtschaft. Denn die Pflanzen wachsen im Keller bei künstlichem Licht. Den Strom dafür liefere eine PV-Anlage, zudem werde die Abwärme eines Blockheizkraftwerks genutzt, um eine CO2-freie Energieversorgung zu gewährleisten, erläutert Max Maier. Nach vier bis zehn Tagen wird das Gemüse geerntet. Es ist dann in etwa so groß wie die Kresse, die man im Supermarkt in kleinen Boxen kaufen kann. „Der Benefit ist, dass die Nährstoffe in dem Stadium schon vollumfänglich vorhanden sind. Das Einzige, was beim Weiterwachsen hinzukommt, ist das Wasser“, erklärt Madlen Maier. Eine kleine Portion des Superfoods beinhalte so viele Nährstoffe wie zwei Köpfe Brokkoli. „Wir sparen bis zu 95 Prozent Wasser ein im Vergleich zur herkömmlichen Landwirtschaft“, ergänzt ihr Bruder.
Weitere Vorteile seien unter anderem, dass keine Pestizide oder Hormone eingesetzt würden, die Ware stets frisch sei und nicht Tausende Kilometer hierher transportiert werden müsse, hebt Max Maier hervor. „Deshalb haben wir auch gesagt, wir möchten das in der Stadt verankern, um die Bürger direkt versorgen zu können“, sagt er. Weitere Dependancen seien in Berlin oder München geplant. Gerade in den Metropolen gebe es viele brachliegende Kellerflächen, die so urbar gemacht werden könnten. „Wir haben auch schon Anfragen von Firmen aus Ludwigsburg bekommen, die solche Flächen zur Verfügung stellen könnten“, sagt Max Maier.
Produktion unabhängig von der Witterung
Die Maiers und Robin Jörg müssen auch nicht bang zum Himmel blicken, weil ein Hagel die Ernte zerstören könnte. „Wir sind vom Wetter unabhängig, können 365 Tage im Jahr produzieren“, betont Madlen Maier. Die Microgreens seien darüber hinaus in Relation nahrhafter als ihre ausgewachsenen Pendants. „Und die Küchen können das Mikrogemüse einsetzen, ohne etwas zerschneiden oder schälen zu müssen“, sagt sie. Die Mengen, die sich in den Regalen züchten lassen, sind beachtlich. In Gießen werden aktuell auf 45 Quadratmetern pro Woche 1000 Kisten mit je sechs verschiedenen Pads an Gemüse geerntet. Mit dem Inhalt einer Kiste könnten bis zu 100 Teller mit Gemüse-Toppings bestückt werden, sagt Madlen Maier. Im Vergleich zur Konkurrenz verwende man keine Plastikverpackung, sondern ein Mehrwegsystem, zudem sei die Qualität besser, das Gemüse viel dichter beieinander und obendrein größer bei der Ernte, was zu einem höheren Ertrag führe, erklärt Robin Jörg. „Was wir machen, hat vorher noch keiner so gemacht. Das steht in keinem Lehrbuch“, sagt er.
Sprossen wachsen auf Hanfmatten
Spezialregale
Unter Micro-Greens versteht man essbare Keimpflanzen, die im Prinzip jeder zuhause anbauen und nach wenigen Tagen ernten könnte. Die Firma Urbanfarmup wird ihr Mikro-Gemüse in Ludwigsburg auf Hanfmatten wachsen lassen und in Regalen züchten, die eine Spezialanfertigung der Firma Rieber aus Reutlingen sind und ohne Plastikelemente auskommen.
Portfolio
Das Start-up hat 15 Sorten wie Erbsen, Gurken, Radieschen oder Rotkohl im Portfolio, die als Topping, zum Würzen von Gerichten oder für Pesto verwendet werden können. Abnehmer sollen unter anderem Kantinen, Köche, Kitas oder Altenheime sein, also in erster Linie gewerbliche Kunden.