Tödliches Kriegsdrama Ein Stuttgarter an der Ostfront

Walter Fuhrmann 1942 in der Uniform eines Wehrmachtssoldaten Foto: privat/cf/privat/cf

Der Stuttgarter Walter Fuhrmann stirbt am 28. Mai 1945 in einem sowjetischen Gefangenenhospital. Den Sohn, der seinen Namen trägt, hat er nie gesehen. Ein Kriegsdrama.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart -

 

Margarete Fuhrmann ist im vierten Monat schwanger, als sie Ende April 1944 vor den Luftangriffen aus Stuttgart flieht und am Rand der Schwäbischen Alb bei einer Freundin unterkommt. „Hoffentlich haltet ihr es diesmal recht lange aus dort in Riedlingen“, schreibt ihr Mann von der Ostfront. „Du wirst dringend der Ruhe bedürfen, um die schlaflosen Nächte in Stuttgart wieder etwas auszugleichen. Was mach ich mir tagtäglich Sorgen um Dich und den kommenden Erdenbürger.“

Mehr als ein Dreivierteljahrhundert später sitzt der – mittlerweile altersgraue – Erdenbürger Walter Fuhrmann in seinem Esszimmer am Stuttgarter Sonnenberg und erzählt von seiner späten Identitätssuche. „Natürlich war es belastend, mich mit dem Schicksal meines Vaters im Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen“, sagt er. „Doch erst dadurch bin ich ihm nahegekommen.“ In all den Jahrzehnten zuvor blieb Walter Fuhrmann kaum Zeit, um in die Vergangenheit zu blicken, seine Konzentration galt der Gegenwart: dem Studium, den beiden Kindern, der Arbeit im Diakonissenkrankenhaus, der eigenen Hausarztpraxis in Heumaden und den Enkeln. Zudem, sagt Fuhrmann, habe er „eine Scheu vor den Emotionen gespürt“, die die Konfrontation mit seiner Familiengeschichte auslösen könnte.

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Walter Fuhrmann trägt nicht nur den Nach-, sondern auch den Vornamen seines Vaters. Und wenn man Fotos nebeneinanderlegt, auf denen beide Fuhrmänner Mitte 30 sind, erkennt man auch eine physiognomische Übereinstimmung – nur dass der eine, Jahrgang 1908, die feldgraue Uniform eines Obergefreiten trägt, und der andere, Jahrgang 1944, den weißen Kittel eines Oberarztes. Kennengelernt haben sie sich nie: Bei der Geburt seines zweiten Sohnes kämpfte der Soldat Fuhrmann auf der Krim gegen die Rote Armee, acht Monate später starb er in russischer Kriegsgefangenschaft. Sein Schicksal steht exemplarisch für das vieler Millionen Menschen, die Hitlers Traum vom Tausendjährigen Reich zum Opfer fielen.

Acht unbeschwerte Jahre

Walter Fuhrmanns wird am 11. Dezember 1908 in Stuttgart geboren. Sein Vater Georg ist Schriftsteller und Fotograf, seine Mutter Else entwirft in ihrem eigenen Atelier im Stuttgarter Westen avantgardistische Frauenmode, sie gilt als Erfinderin des Hosenrocks. Derart schöpferisch geprägt, will Walter nach dem Abitur an der Württembergischen Akademie der Bildenden Künste studieren, nimmt aber stattdessen auf Wunsch seiner pragmatisch denkenden Mutter eine Festanstellung als Gebrauchsgrafiker an. 1934 heiratet er die Obertürkheimerin Margarete Schlereth, drei Jahre später kommt der erste Sohn Rainer zur Welt.

Das Familienglück scheint perfekt – bis Walter Fuhrmann im Januar 1942 zum Kriegsdienst eingezogen und zunächst in einer Kaserne in Nordböhmen zum Maschinengewehrschützen ausgebildet wird. Per Feldpost schickt er einen Brief an seine Frau:

„Seit wir nun hier sind, herrscht immer eine gleichbleibende Kälte von minus 25 bis minus 30 Grad. Wir müssen viel im Schnee kriechen, flach Deckung suchen usw. Gestern hatten wir Scharfschießen auf 100 m. 3 Schuß, 32 Ringe. Das war ganz gut. Heute mache ich wieder Außendienst. Es ist jetzt 7 Uhr und ich steh hier allein in Gottes freier Natur auf Posten. An einer Wegkreuzung, dicht vor mir ein schöner alter Baum, darunter ein altes umgestürztes Steinkreuz. Zur linken Hand den Flußlauf der Eger. Wenn der kühle Wind nicht wär, so wär es hier wunderhübsch.“

Hitlers aberwitziger Eroberungsplan

Im Juli 1942 wird Walter Fuhrmann für die deutsche Sommeroffensive im Kaukasus rekrutiert. Die von Adolf Hitler angeordnete Operation trägt den Namen „Edelweiß“. Ein knappes Jahr nach Beginn seines Angriffs auf die Sowjetunion sieht der Diktator in der Region rund um Baku, wo Stalins Riesenreich einen Großteil seines Erdöls fördert, ein wichtiges strategisches Ziel. Ohne diesen Rohstoff, glaubt Hitler, werde sich der Gegenspieler in Moskau geschlagen geben. Zudem braucht Hitler das schwarze Gold selber dringend, um gegen die gerade in den Krieg eingetretenen USA bestehen zu können. Wenn er das Öl nicht bekomme, sagt er bei einer Visite an der Ostfront, könne er seine Träume „liquidieren“.

Es ist ein aberwitziger Eroberungsplan. Im Jahr zuvor war die Wehrmacht mit drei Millionen Soldaten gegen die „Bolschewisten“ zu Felde gezogen – und mit diesem als Blitzkrieg geplanten „Unternehmen Barbarossa“ gescheitert. Nun will Hitler die Front auf mehr als 4000 Kilometer ausdehnen, obwohl inzwischen gut eine Million seiner Männer gefallen, verwundet oder vermisst gemeldet sind. Als „voll angriffsfähig“ stuft der Generalstab des Heeres im Frühjahr 1942 lediglich fünf Prozent der verfügbaren Verbände ein. Dennoch beschließt Hitler, der persönlich den Oberbefehl über die größte Teilstreitkraft der Wehrmacht übernommen hat, seine ausgedünnten Truppen im Osten zu teilen und zwei Ziele gleichzeitig zu verfolgen: Er will Stalingrad angreifen und in den Kaukasus vorstoßen. Um den Anschein zu wahren, über schlagkräftige Armeen zu verfügen, verringert er in jeder Division die Zahl der Bataillone. Und zu einer Kompanie gehören nun nicht mehr 180, sondern nur noch 80 Mann. Ein Taschenspielertrick.

Eine Tortur bei bis zu 57 Grad

Für Walter Fuhrmann hat diese gewagte Strategie zur Folge, dass er im Hochsommer 42 mit seiner Division auf Eisenbahnfahrten und Fußmärsche durch Schlesien, die Ukraine und Russland geschickt wird:

„Jeder klagt über den Mangel an Kartoffeln. Wir bekommen Graupen, Reis, Bohnen, Linsen und wieder Linsen. Alles ist furchtbar fad, ohne jegliches Gewürz, damit kein Durst entsteht. Eine Hitze, wie ich sie noch nie erlebt habe (bis 57 Grad in der Sonne). Trinkwasser gibt es nicht, wir sind da nur auf unsere Tee- und Kaffeerationen angewiesen. Eine Plage in diesem Land sind die Mücken. Wenn wir etwas essen, sind sie gleich zu Tausenden da. Viele Kameraden leiden an Durchfall.“

Die Schönheit des Kaukasus

Nach einem Monat erreicht die Truppe ihr vorläufiges Ziel, das von der Wehrmacht besetzte Städtchen Krymsk in der russischen Region Krasnodar. Walter Fuhrmann fängt in seinem Skizzenbuch mit Aquarellfarben die idyllische Landschaft ein: sanft gewellte Kornfelder in Grün- und Brauntönen, die bis an den Fuß des Kaukasus reichen.

„Nach endlosen Märschen durch die öde, weite Ebene haben wir eine schöne Gebirgslandschaft vor uns. Die Täler sind fruchtbar, sodass wir uns an Weintrauben z. B. schon fast übergessen haben. Heute Nacht gingen etliche Kameraden ab an die Front. Wir sollen noch hier hinten bleiben. Eben sind wir neu eingeteilt worden zu einer Spezialausbildung am M.G.“

Arbeitsplatz an der Hauptkampflinie

Der Kampf mit dem Maschinengewehr in den Händen bleibt Walter Fuhrmann zunächst erspart. Sein Kommandeur entscheidet, dass er dem Regimentsgefechtsstand in Noworossijsk als Kartenzeichner dienen soll. Nach nur einer Woche in der von der Wehrmacht besetzten russischen Hafenstadt wird sein Arbeitsplatz ostwärts verlegt, in die unmittelbare Nähe der Hauptkampflinie.

„Ich bearbeite z. Zt. unsere Stellungskarte de s Regiments. Die Karte ist im Maßstab 1:4200, also mehrere Tische groß. Alle Bunker, Unterstände, Laufgräben, Minen, Stacheldrähte, Granatwerfer usw. müssen eingezeichnet werden. Eine Viechsarbeit. Da hängt nun manche Nachtstunde dran. Wir bekommen einen Kaukasus-Orden und das Neueste von heute ist ein Wettbewerb zu einem Front-Kreuz, das auch wir bekommen sollen. Die Uniform wird immer schwerer zu tragen. Wann hört das nur mal auf mit diesen Kreuzen und Orden?!“

Eine millionenfache Tragödie

Im Zweiten Weltkrieg sterben an der Ostfront 2,7 Millionen deutsche und 8,4 Millionen sowjetische Soldaten, hinzu kommen 15 Millionen zivile Opfer. Je länger das Blutvergießen anhält, umso grausamer agieren beide Seiten. Im Herbst 1943 schildert Walter Fuhrmann die folgenschweren Gefechte in einem seiner zahlreichen Briefe, die er mit der Feldpost verschickt:

„Die erschütterndsten Wochen meines Soldatentums liegen hinter mir. Bei uns fielen sämtliche Bataillonskommandeure, Adjutanten, Kompanieführer aus. Tot oder verwundet. Dann waren die Russen mit 40 Panzern heran und nun mußten wir ausreißen. So sind wir mit unserem ganzen Tross hinter Dnjepr zurück und hoffen zu Gott, dass unser Regiment noch einen Weg findet durchzukommen. Du glaubst ja nicht, was für Tragödien, die bald mehr Komödien sind, sich hier abspielen. Nur das Traurige, daß dies unsere Toten kostet. Sonst wär alles die lächerlichste Angelegenheit.“

Die letzten schönen Tage seines Lebens

Über Weihnachten darf Walter Fuhrmann überraschend Urlaub in der Heimat machen. Endlich kann er Margarete wieder in die Arme schließen. Nach den Feiertagen wird er in einem Güterwaggon zurück an die Ostfront gekarrt. Am 23. Januar 1944 kommt er spätnachts auf der Krim an, wohin die völlig in die Defensive geratenen deutschen Truppen von der Roten Armee zurückgedrängt worden waren. Er schreibt sofort an seine Frau:

„Nimmer kann und werd ich Dein so rührend liebes Gesicht vergessen. Und ich muß fest auf die Zähne beißen, um net zu weinen.“

Zerstörung allerorten

Kurz vor Ostern erfährt Walter Fuhrmann, dass er zum zweiten Mal Vater wird – eine Frucht seines Heimaturlaubs an Weihnachten. Die Freude wird dadurch getrübt, dass sein Elternhaus in der Reinsburgstraße 2 samt dem Damenmode-Atelier seiner Mutter Else in Trümmern liegt.

„Ich habe heute noch keine Nachricht vom letzten schweren Angriff auf Stuttgart. All dies geht an die äußersten Grenzen der Nervenanspannung. Wie unendlich leid tut mir meine Mutter. Ihr Haus war ein großer Teil ihres Lebens. Du musst an die Zukunft der Kinder denken, an das junge Leben in deinem Schoß.“

Anfang Mai 45 wird die Wehrmacht endgültig von der Roten Armee geschlagen. Sowjetische Filmaufnahmen zeigen vollkommen entkräftete Elendsgestalten in zerlumpten Uniformen, die sich mit hochgestreckten Händen und auf Knien ergeben. Das faschistische Deutschland ist besiegt.

Erinnerung und Mahnung

Insgesamt geraten 3,3 Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Einer von ihnen ist Walter Fuhrmann. Der feinsinnige Gebrauchsgrafiker aus Stuttgart stirbt am 28. Mai 1945 an Hungerkachexie und Lungentuberkulose im Gefangenenhospital von Stalino, dem heutigen Donezk. Er wird 36 Jahre alt.

All dies und noch viel mehr hat sein Sohn recherchiert, der Internist im Ruhestand Walter Fuhrmann. Seine Mutter Margarete, erzählt der 76-Jährige, habe fast nie über ihren geliebten Ehemann gesprochen, der nicht aus dem Krieg heimkehrte: „Vielleicht saß bei ihr der Schmerz über den Verlust zu tief.“ Im vergangenen Jahr habe er plötzlich einen starken Impuls gespürt, jenem Unbekannten näherzukommen, der ihn an Weihnachten 43 gezeugt hat und dessen Namen er seit seiner Geburt am 16. August 44 trägt.

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Monatelang hat Walter Fuhrmann amtliche Dokumente, Zeitungsberichte und Briefe zusammengetragen, gesichtet und ausgewertet. Mit Unterstützung seines sieben Jahre älteren Bruders Rainer, der als gelernter Grafiker den gestalterischen Part übernahm, ist daraus nun ein selbst verlegtes Büchlein entstanden. Es trägt den Titel „Ein Künstler an der Ostfront“ und soll, wie Walter Fuhrmann sagt, „nicht nur eine persönliche Erinnerung an meinen Vater sein, sondern auch eine Mahnung an die Nachgeborenen“.

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