TV-Stars outen sich im SZ-Magazin Gelebte Vielfalt sichtbar machen

Sie hat sich schon lange geoutet: Ulrike Folkerts, die im  „Tatort“ aus Ludwigshafen die Kommissarin Lena Odenthal spielt Foto: dpa/Daniel Bockwoldt 10 Bilder
Sie hat sich schon lange geoutet: Ulrike Folkerts, die im „Tatort“ aus Ludwigshafen die Kommissarin Lena Odenthal spielt Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Diversität wird viel beschworen, aber nicht wirklich akzeptiert – das bemängeln 185 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler öffentlich mit einem gemeinsamen Manifest.

München/Berlin - Es ist ein beispielloser Aufschrei, der das Zeug zum Donnerhall hat: „Wir sind schon da“, schallt es vom Cover des „Süddeutsche Zeitung Magazin“ (Freitag). „Wir“, das sind 185 Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich in einem Manifest als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans outen. Sie wollen eine öffentliche Debatte anstoßen. Die Initiatoren sind Godehard Giese, Eva Meckbach und Karin Hanczewski, zu den Unterzeichnern gehören unter anderem Maren Kroymann, Mark Waschke, Ulrike Folkerts, Ulrich Matthes, Jaecki Schwarz und Mavie Hörbiger.

„Bisher konnten wir in unserem Beruf mit unserem Privatleben nicht offen umgehen, ohne dabei berufliche Konsequenzen zu fürchten“, heißt es in dem Beitrag. Zu oft sei ihnen geraten worden, die eigene sexuelle Orientierung geheim zu halten. „Das ist jetzt vorbei.“ Diversität sei in Deutschland längst gesellschaftlich gelebte Realität, schreiben die Künstler. Diese Vielfalt soll durch die Film- und Fernsehbranche abgebildet werden. Das Publikum sei bereit dafür.

Diskriminierende Absagen

Im Interview fordern sechs der 185 Unterzeichner ihre Branche und die Gesellschaft auf, Diversität noch stärker sichtbar zu machen. Sie kritisieren die Männer- und Frauenbilder, die im Fernsehen und im Kino vermittelt werden. Lesbische Schauspielerinnen fürchteten, aus „dem Pool der für Männer begehrenswerten Frauen oder Frauenrollen“ herauszufallen und nicht mehr besetzt zu werden, sagt Karin Hanczewski. Ihr sei gesagt worden, „ich solle im ,Tatort‘ nicht zu viele Karo-Hemden tragen“.

Nicht-heterosexuellen Darstellern und Darstellerinnen werde oft nicht zugetraut, heterosexuelle Rollen authentisch zu spielen, berichtet Ulrike Folkerts, bekannt vor allem aus dem Ludwigshafener „Tatort“: „Ich wurde für eine Mutterrolle gecastet, aber als die Regisseurin erfuhr, dass ich lesbisch bin, hat sie mir abgesagt“, erzählt die 59-Jährige. „Das ist Diskriminierung. Natürlich kann ich eine Mutter spielen.“

Der Druck von außen ist groß

Den Künstlern geht es darum, als Minderheit sichtbar zu sein. In der Familie oder im Freundeskreis hätten sie ein Coming-out hinter sich, sagt Godehard Giese („Babylon Berlin“). „Aber wir sind mit unserer sexuellen Identität in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Es wird immer angenommen, man gehöre zur Norm.“ Sein Kollege Jonathan Berlin bezeichnet es als „Akt der Selbstliebe“, sich zu outen. Als Jugendlichem hätten ihm Vorbilder gefehlt, „um damit freier umgehen zu können“.

Oft ist der Druck von außen groß. Agenten und Agentinnen rieten queeren Menschen, sich lieber nicht öffentlich zu outen, um nicht in die Gefahr zu geraten, keine Hetero-Rollen mehr angeboten zu bekommen, erzählt Jenny Luca Renner, LGBT-Vertreterin im ZDF-Fernsehrat. Davon berichtet auch Karin Hanczewski. Auch sie spricht von „Befreiung“ und fügt an: „Ich hatte immer den utopischen Wunsch, dass es, wenn ich mich mal oute, eine politisch-gesellschaftliche Relevanz hat. Als Einzelperson müsste ich schon wahnsinnig bekannt sein, damit das irgendwas verändert.“ In der Gruppe könnten sie aber etwas verändern.

Folkerts beklagt falsche Toleranz

Das gemeinsame Outing hat manchem geholfen, die Angst vor dem Karriereknick zu überwinden. Doch bis zur Akzeptanz ist es noch ein weiter Weg. Ein Teil der Gesellschaft habe noch immer ein Problem damit, wenn Menschen offen zu ihrer Homosexualität stehen, sagt der Schauspieler André Eisermann („Kaspar Hauser“): „Solange es solche Menschen gibt – leider auch in den ,Fachkreisen‘ –, wird es nicht gleichgültig sein, ob jemand schwul oder lesbisch ist.“ Folkerts beklagt eine falsche Toleranz, wenn Heterosexuelle Preise für die Darstellung Homosexueller erhielten. „Da heißt es dann: Wie mutig! Und dass der oder die sich das traut“, sagt sie. „Ich bin ja auch nicht Polizistin, spiele aber eine Kommissarin.“




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