Umdenken am Standort Stuttgart Allianz-Konzern streicht seine Büropläne zusammen

Das Dortmunder Architekturbüro Gerber hat 2017 den Architektenwettbewerb für die Allianz gewonnen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Jahrelang sorgten die Ansiedlungspläne des Allianz-Konzerns für mächtig Ärger im Stadtbezirk Vaihingen. Trotzdem ist Ende Juli 2020 der Bebauungsplan in Kraft getreten. Nun aber braucht das Unternehmen plötzlich nur noch drei von bisher fünf geplanten Gebäuden. Der Verantwortliche dafür: das Virus.

Stuttgart - Der Allianz-Konzern will im Gewerbegebiet Möhringen/Vaihingen jetzt nur noch gut die Hälfte von 4500 Arbeitsplätzen realisieren und auf zwei von fünf angestrebten Gebäuden verzichten. Die beiden sollen zwar dennoch entstehen, allerdings für den Innovationspark Künstliche Intelligenz (KI) Baden-Württemberg. Am Donnerstag teilte die Stadt dies überraschend in einer Pressemitteilung mit. Zuvor hatte OB Frank Nopper (CDU) die Fraktionsspitzen im Gemeinderat informiert.

 

Demnach führt die LBBW-Immobiliengruppe erste Gespräche mit der Allianz über einen Teilerwerb der Baufläche. Ihr Ziel ist es, hier den für Stuttgart vorgesehenen Teil des KI-Innovationsparks zu schaffen, um dessen Entwicklung sich in einer gemeinsamen Aktion auch die Regionen Stuttgart, Karlsruhe und Neckar-Alb bewerben – neben Freiburg und Heilbronn.

Pandemie hat nachhaltige Auswirkungen

Bei dem Projekt gehe es um eine europaweit einzigartige Innovationsinfrastruktur für KI-Anwendungen auf hohem Niveau, teilte die Stadt mit. Unternehmen sollten dort in Kooperation mit Wissenschaft, Gesellschaft und öffentlicher Verwaltung Anwendungen, Produkte und Geschäftsmodelle entwickeln, erproben und international vermarkten. Der Zuschlag wird nach einem Landeswettbewerb erteilt werden. Ein Gesamtkonzept muss bis 22. Februar beim Wirtschaftsministerium eingereicht werden – mit Aussagen zu Flächen und Standorten. Dabei rückte das Allianz-Areal in den Fokus.

Der Grund: Der Konzern will in Vaihingen zwar nach wie vor und nach jetzigem Stand „spätestens im Jahr 2025“ die bisher an der Uhlandstraße und an der Reinsburgstraße in der Innenstadt angesiedelten Arbeitsplätze konzentrieren, doch infolge der Coronapandemie wurde das Vorhaben im zweiten Halbjahr 2020 neu gerechnet.

Es gehe zwar nach wie vor um etwa 4500 Mitarbeiter, erklärte die Allianz jetzt gegenüber unserer Zeitung. Aber in der Pandemie hätten sich Homeoffice und virtuelle Austauschformate in einem Maß etabliert, das bei Planungsbeginn nicht absehbar gewesen sei. Früher sei das Angebot, bis zu 40 Prozent der Arbeitszeit im Homeoffice zu arbeiten, bei weitem nicht ausgeschöpft worden. Künftig werde die Möglichkeit des mobilen Arbeitens deutlich stärker in Anspruch genommen. Daher benötige nicht mehr jeder Mitarbeiter einen Büroschreibtisch. Das wirke sich auf den Flächenbedarf aus.

2000 Büroarbeitsplätze braucht Allianz doch nicht

Auf dem Areal könnten somit bis zu 2000 Mitarbeiter anderer Firmen tätig werden, erklärte die Stadt. Ende 2020 informierte die Allianz die Wirtschaftsförderung der Stadt darüber. Von ihr vermittelt sei dann „zusammen mit LBBW-Immobilien die Idee entstanden, den Innovationspark auf dem zentral gelegenen Grundstück nahe des Vaihinger Bahnhofs zu realisieren“. Für den Standort sprächen die Verkehrsgunst im größten Stuttgarter Gewerbegebiet und die räumliche Nähe zum Wissenschaftscampus der Uni Stuttgart.

Bei den Gemeinderatsfraktionen kam die Botschaft an, dass die Allianz wie geplant ein rund 60 Meter aufragendes Hochhaus und zwei weitere Gebäude an der Heßbrühlstraße nutzen wolle, zwei Gebäude aber nicht. Mit gravierenden Folgen für das bauliche Konzept und den Bebauungsplan, der im Sommer 2020 in Kraft trat, wird im Rathaus nicht gerechnet. Allerdings nimmt man an, dass eine optische Veränderung der beiden Gebäude für den Innovationspark notwendig ist, damit er und die Allianz sich unterschiedlich in Szene setzen können. Der Bebauungsplan gibt die Kubatur grundsätzlich vor. Gewisse Korrekturen sind möglich. Bei der Fassadengestaltung sind die Beteiligten frei.

Mit ärgerlichen Reaktionen im Stadtbezirk muss auf jeden Fall gerechnet werden. Der Grund: Die Allianz-Büroansiedlung ist seit Jahren umstritten. Der Konzern wollte seine Mitarbeiter gerade hier ansiedeln, wo er über Flächen für den firmeneigenen Sportverein TSV Georgii Allianz verfügte. Der Verwaltungsspitze der Stadt und der Ratsmehrheit war es wichtig, die Steuerzahlerin Allianz unbedingt in Stuttgart zu halten. Das Projekt betraf dann auch noch andere Sportvereine im Umfeld. Sportflächen wurden umarrangiert, und um die verträgliche Einpassung in die Frischluftschneise entspann sich ein langes Ringen.

Linksbündnis hat einen Verdacht

Dass die Allianz nun einen Teil des Areals verkaufen will, löste beim Linksbündnis im Gemeinderat umgehend einen Verdacht aus. Der Vaihinger Betreuungsstadtrat Stefan Urbat (Piraten) argwöhnte noch am Donnerstag, die Allianz habe vielleicht nicht nur wegen Corona und Homeoffice umgedacht. Vielleicht habe sie den Bedarf vor Jahren bewusst zu üppig angesetzt, um jetzt zwei von fünf Hektar Boden verkaufen zu können. Fraktionschef Hannes Rockenbauch (SÖS) forderte, die Abwägung zwischen Ökonomie und Ökologie wenigstens jetzt zu korrigieren und die angestrebte Frischluftschneise rund um den verdolten Schwarzbach zehn Meter breiter zu machen.

Lucia Schanbacher, Betreuungsstadträtin der SPD, meint auch: „Das hinterlässt schon ein Gschmäckle.“ Dass nun Flächen für die KI-Region genutzt würden, sei natürlich zu begrüßen. Aber das müsse man ganz losgelöst vom anderen diskutieren.

Der CDU-Stadtrat Jürgen Sauer, als Präsident des SV Vaihingen in die Vorgeschichte involviert, hält die Begründung der Allianz für plausibel. Er gewinnt der Entwicklung etwas Gutes ab. Jetzt könne man mit dem KI-Innovationspark aus der Not, die durch Corona entstand, eine Tugend machen. Man könne das Gesamtkonzept wahren und die 4500 Arbeitsplätze ansiedeln, Steuerzahlungen sichern und ein neues Cluster der Wirtschaft im passenden Umfeld ansiedeln. Ein Bebauungsplanverfahren wäre auf jeden Fall nötig gewesen. Jetzt schlage man zwei Fliegen mit einer Klappe.

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