Flüchtlinge bei Daimler, Porsche, Bosch und Co. Das Engagement der Konzerne hält sich in Grenzen

Von Daniel Gräfe, , und Walther Rosenberger 

Wir haben bei großen Konzernen im Südwesten wie Bosch, Daimler und Porsche nachgefragt, wie viele Flüchtlinge sie derzeit in Praktika, Ausbildung oder Festanstellung beschäftigen.

Daimler ist das Unternehmen mit den meisten Beschäftigten im Land. Flüchtlingen hat der Stuttgarter Autobauer allein in diesem Jahr mehrere Hundert Praktikumsstellen angeboten. Foto: factum/Granville
Daimler ist das Unternehmen mit den meisten Beschäftigten im Land. Flüchtlingen hat der Stuttgarter Autobauer allein in diesem Jahr mehrere Hundert Praktikumsstellen angeboten. Foto: factum/Granville

Stuttgart - Über die Integration von Flüchtlingen auf dem deutschen Arbeitsmarkt wird viel geredet, doch das Engagement der großen Unternehmen in Baden-Württemberg hält sich derzeit noch in Grenzen. Die Zahl der Flüchtlinge, die erste Erfahrungen im Berufsalltag sammeln, bewegt sich meist im niedrigen zweistelligen Bereich. Dies hat eine Umfrage unserer Zeitung ergeben. Die Firmen bieten vor allem Praktikumsplätze, die teilweise bis zu einem Jahr gehen. Feste Arbeitsverträge sind dagegen äußerst selten. Die Unternehmen begründen ihre Zurückhaltung meist mit der fehlenden Qualifikation und den mangelnden Deutsch-Kenntnissen der Neuankömmlinge (siehe „Welche Ausbildung Flüchtlingen mitbringen“). Die Aussagen der befragten baden-württembergischen Unternehmen bestätigen diesen Eindruck.

Autohersteller und Zulieferer

Mit Abstand auf die höchsten Zahlen kommen Bosch und Daimler: Rund 300 Flüchtlinge haben im ersten Halbjahr 2016 an 15 deutschen Daimler-Standorten – unter anderem in Berlin, Gaggenau, Mannheim, Rastatt, Sindelfingen und Stuttgart – ein 14-wöchiges Brückenpraktikum absolviert. Von Mitte September an sind weitere Praktika mit einer vergleichbaren Flüchtlingsanzahl geplant, teilt der Konzern mit. Bosch bietet in diesem Jahr 400 Zusatz-Praktika an. Die Konzerne arbeiten mit öffentlichen Trägern und Einrichtungen zusammen. Die meist jungen Menschen sollen praktische Grundkenntnisse in einer Produktion sammeln und Deutschkurse absolvieren. Mit diesen Einarbeitungspraktika sollen sie fit für den deutschen Arbeitsmarkt gemacht werden zu schlagen – um später in Handwerksbetriebe, Zeitarbeitsfirmen und anderen Firmen zu arbeiten. Zudem hat Daimler 50 zusätzliche Ausbildungsplätze zugesagt, die Flüchtlingen vorbehalten sind; zum neuen Ausbildungsjahr sind 20 davon bereits besetzt. Zudem will der Autobauer 50 weitere Geflohene noch in diesem Jahr einstellen.

Porsche wartet mit viel bescheideneren Zahlen auf. 13 Flüchtlinge haben soeben ein Integrationsjahr – eine Vorstufe zur Ausbildung absolviert; 11 davon werden zunächst beim Sportwagenhersteller bleiben. Allerdings nur zwei davon können direkt mit der Ausbildung als Fahrzeuginnenausstatter sowie als Kfz-Mechatroniker beginnen. Sieben Teilnehmer werden befristet für ein Jahr in der Produktion und Logistik eingesetzt. Zwei müssen noch mal - mit 13 anderen Flüchtlingen - ein Integrationsjahr absolvieren.

Auch bei den Zulieferern sind die Zahlen übersichtlich. Mahle hat als „Sofortmaßnahme“ bis zu 20 Einstiegsqualifizierungsplätze bereitgestellt, von denen derzeit 17 besetzt sind. Die Flüchtlinge sammeln zwischen zwei Wochen (Schnupperpraktikum) bis neun Monaten Erfahrungen bei dem Zulieferer. Drei Personen davon seien in ein Ausbildungsverhältnis übernommen worden. Innerhalb der nächsten 24 Monaten sollen weitere bis zu 12 Auszubildende eingestellt werden. Der Getriebe- und Achsenhersteller ZF beschränkt sich derzeit auf einen Praktikanten und einen Azubi. „Ein verstärkter Einsatz von Flüchtlingen ist in der ZF-Personalstrategie derzeit nicht vorgesehen“, teilt der Zulieferer mit. Auch der Filterhersteller Mann + Hummel, der am Stammsitz Ludwigsburg vor kurzem 120 Kündigungen ausgesprochen hat, begnügt sich mit fünf Praktikanten in der Einstiegsqualifizierung. Und der Prüfkonzern Dekra, der Autos und Industrieanlagen unter die Lupe nimmt, benötige vor allem Mitarbeiter mit Hochschulabschluss und Spezialkenntnissen auf dem neuesten Stand der Technik - Qualifikationen, die Flüchtlinge nicht hätten. Die Dekra Akademie, einer der größten privaten Aus- und Weiterbildungsunternehmen, beschäftige zwei Asylbewerber in Vollzeit.

Maschinenbau

Beim Maschinenbauer Voith, der nach eigenen Angaben bedarfsorientiert und nach Qualifikation entscheidet, beschäftigt im neugegründeten Bereich Digital Solutions einen Syrer, der bei Voith bereits ein Praktikum absolviert und ausreichende Dach- und Sprachkenntnisse hat, teilt das Unternehmen mit. Zudem seien drei Flüchtlinge, die teilweise einen Hochschulabschluss in ihrem Heimatland erworben haben, als Praktikanten eingestellt. In der Ausbildung habe Voith einen jungen Flüchtling, im kommenden Ausbildungsjahr werden zudem bis zu acht Vorqualifizierungsplätze eingeräumt. Beim Anlagenbauer Dürr lernen vier Flüchtlinge den Berufsalltag kennen – überwiegend im Praktikum. Geplant seien - abhängig von den Qualifikationen - weitere fünf Einstellungen in den kommenden Monaten. Der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf hat aktuell zwei Praktikanten; einer davon soll in ein befristetes Arbeitsverhältnis übernommen werden. Zudem gibt es vier Auszubildende und drei Festangestellte. In den kommenden Monaten sollen bis zu zwölf Flüchtlinge eingestellt werden. „Uns ist echte Integration und damit auch eine langfristige Perspektive für die Mitarbeiter und das Unternehmen wichtiger als möglichst große Zahlen zu schaffen“, sagt eine Sprecherin. Der Automatisierungsspezialist Festo hat 19 Flüchtlinge in betrieblichen Trainingsmaßnahmen. Ein Flüchtling absolviert bereits seine Ausbildung bei dem Familienunternehmen, zwei weitere sind im angelaufenen Ausbildungsjahr gestartet. Beim Motorsägenhersteller Stihl haben 2015 und 2016 zehn Flüchtlinge ein Praktikum absolviert. Von Herbst an sind bis zu zehn neue Praktika geplant. Festangestellt hat Stihl bisher niemanden.

Handel und Konsumgüterhersteller

Im Bereich Handel und Konsumgüterhersteller sind die Angaben der Unternehmen ernüchternd. Detailliert zur Zahl der beschäftigten Flüchtlinge macht lediglich ein Unternehmen: Beim Bekleidungshersteller Hugo Boss sind sieben von neun für Flüchtlinge reservierte Praktikumsplätze besetzt. Darüber hinaus stellen die Metzinger drei Ausbildungsplätze zusätzlich zur Verfügung, von denen zwei besetzt sind. Flüchtlinge fest angestellt hat Boss aktuell nicht. Auch hier sind die sehr niedrige fachliche und auch sprachliche Qualifikation der Flüchtlinge ausschlaggebend. Um gegenzusteuern, bietet Hugo Boss Sprachkurse an.

Beim Mannheimer Zuckerproduzenten Südzucker sind die Führungskräfte in den deutschen Fabriken dazu angehalten, die Flüchtlinge „in ihrer Personalauswahl für Produktionseinsätze entsprechend zu berücksichtigen“. Man stehe einer grundsätzlichen Bereitstellung von Praktikumsplätzen positiv gegenüber, heißt es in Mannheim. Zahlen nannte der Konzern nicht, deutete aber an, dass Beschäftigungsmöglichkeiten im Herbst geschaffen würden: „Unsere Werke haben eine relativ kleine Stammbelegschaft, die während der Zeit, in der die Rüben verarbeitet werden, erweitert wird.“

Ernüchternd waren die Antworten von Unternehmen im Einzelhandel, obwohl diese Branche einen hohen Arbeitskräftebedarf haben dürfte. Beim Discount-Riesen Lidl aus Neckarsulm heißt es lapidar: „Lidl Deutschland beschäftigt rund 75 000 Mitarbeiter aus über 100 verschiedenen Nationen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns nicht näher zur Herkunft unserer Mitarbeiter äußern.“ Auch die Drogerieketten dm aus Karlsruhe und Müller aus Ulm sowie Edeka-Südwest, die Regionalgesellschaft der größter deutschen Lebensmittelkette, haben keine Zahlen.

IT-Branche

Der Walldorfer Softwaregigant SAP hat seit Ende 2015 rund 100 Praktikantenstellen für Flüchtlinge zusätzlich geschaffen. Vier von ihnen wurden anschließend eine reguläre Stelle erhalten. Bei drei weiteren stünden die Personalentscheidungen noch an. Außerdem befinden sich zwölf in der Vorbereitungsphase für ihr duales Hochschulstudium bei SAP. Für die kommenden zwei Jahre soll eine ähnliche Stellenzahl für Flüchtlinge geschaffen werden. Hewlett Packard Enterprise teilte keine Zahlen mit. Man biete für Flüchtlinge Plätze im Dualen Studium an, sagte ein Sprecher. „Bislang haben sich nur sehr wenige Flüchtlinge beworben“. Erste Verträge seien inzwischen abgeschlossen worden.“

Andere Branchen

Ein klares Nein auf die Frage nach der Beschäftigung von Flüchtlingen gab es bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in Stuttgart: „Die LBBW ist kein Produktionsunternehmen und hat in Anbetracht der Wettbewerbssituation im Bankensektor derzeit keinen nennenswerten Bedarf an neuen Arbeitskräften – abgesehen von einzelnen Spezialisten, deren Expertise für die Bank unverzichtbar ist.“ Die Integration von Flüchtlingen sei eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, bei der die Landesbank ihrer Mitverantwortung durch die Förderung von Integrationsprojekten nachkommen will, etwa den VABO-Klassen an Berufsschulen.

Auch bei den Pharma-Unternehmen Celesio und Phoenix waren keine konkreten Zahlen zu erfahren. Bei Einstellungen achte man nicht auf Nationalität oder Herkunft, heißt es etwa bei Celesio in Stuttgart. Heidelberg-Cement hat im ersten Halbjahr acht Praktikumsstellen für Flüchtlinge geschaffen, fünf davon sind besetzt. Und von den bestehenden Azubi-Stellen wurden 2 mit Flüchtlingen besetzt.

18 junge Flüchtlinge in Karlsruhe und weitere 16 in Stuttgart starten im September beim Energieversorger EnBW ein EQ-Praktikum. Ziel der einjährigen Einstiegsqualifizierung ist die Übernahme in eine reguläre Ausbildung. Bisher hat der Konzern noch keine Flüchtlinge in der Ausbildung oder in Festanstellung. Seit 1. Juli ist allerdings ein Syrer für ein Jahr befristet beschäftigt.