Ungarische Gemeinde in Stuttgart Warum die Politik nur eine Nebenrolle spielt
Die Orbán-Politik wird zwar in der ungarischen Gemeinde diskutiert, hat aber keine Auswirkungen auf das Leben hier. Dafür gibt es auch einen bestimmten Grund.
Die Orbán-Politik wird zwar in der ungarischen Gemeinde diskutiert, hat aber keine Auswirkungen auf das Leben hier. Dafür gibt es auch einen bestimmten Grund.
Stuttgart - Die Regierung des nationalkonservativen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán spaltet Europa. Seine Haltung zur Flüchtlingsthematik, sein Umgang mit Meinungs- und Pressefreiheit und zuletzt das diskriminierende Homosexuellen-Gesetz haben immer wieder für Kritik und zuletzt auch zu Austrittsforderungen aus der Europäischen Union geführt. Die in der Region Stuttgart lebenden Ungarn diskutieren im Familien- und Freundeskreis zwar darüber, und nicht wenige lehnen Orbán auch ab. Große Auswirkungen auf ihr Leben hier hat das aber nicht - was auch an der unterschiedlichen Herkunft und großen Vielfalt liegt.
Rafael Labanino ist 39 Jahre alt, wurde in Budapest geboren, lebt seit 2017 in Stuttgart und ist einer der Organisatoren des Vereins Stuttgarter Ungarischer Kindergarten. Der überparteiliche und an keine Religion gebundene Verein hat Räume an der Ostheimer Schule gemietet und bietet Gruppen für Babys, Kita-Kinder und Grundschüler an. Den Newsletter des Vereins beziehen rund 200 Familien, der aktive Kern besteht aus etwa 30 bis 40 Mitgliedern. „Unter Freunden wird das schon diskutiert”, sagt Labanino, „aber im Verein ist das kein Thema.” Er will sich deshalb als Vereinsvertreter auch nicht weiter dazu äußern. „Das spielt im Verein keine Rolle und beeinflusst unser Leben hier auch nicht.”
Labanino ist von Beruf Politologe und an der Universität Konstanz sowie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg tätig. In seiner Rolle als Politologe analysiert er das Geschehen aus politikwissenschaftlicher Sicht und weist auf ganz andere Aspekte hin. „Nicht alle Ungarn, die hier leben, sind ungarische Bürger“, betont er beispielsweise die ganz unterschiedliche Herkunft seiner Landsleute. In Ländern wie Rumänien, der Slowakei, Serbien oder auch der Ukraine gebe es große ungarische Minderheiten. Und viele der in der Region Stuttgart lebenden Ungarn kämen aus einer solchen Minderheiten-Situation. Entsprechend wenig Bezug hätten sie zu aktuellen politischen Diskussionen in Ungarn.
Mit Blick auf die in Ungarn lebenden Menschen betont er die große Vielfalt und auch die im Vergleich etwa zu Polen relativ große Toleranz, die sich bei internationalen Umfragen beispielsweise zu Homosexualität oder gleichgeschlechtlichen Paaren gezeigt hätte. Labanino: „Ich glaube nicht, dass das das wichtigste Thema für die ungarische Wählerschaft ist.”
Eine besondere Beziehung zu Ungarn hat die Stadt Gerlingen. Dort waren Ungarndeutsche „in den 50er und 60er Jahren ganz wesentlich am Aufbau der aufstrebenden jungen Stadt Gerlingen beteiligt”, heißt es auf der Homepage der Stadt. 1969 übernahm Gerlingen die Patenschaft für die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn. Erich Gescheidle kommt eigentlich aus Stuttgart-Heslach, hat mehr als vier Jahrzehnte lang im Gerlinger Rathaus gewirkt und ist Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft. „Das Politische berührt uns nur am Rande”, sagt Gescheidle. „Das steht nicht oben auf der Agenda.” Man tausche sich wie jeder andere auch über politische Themen aus, diese spielten aber sonst keine große Rolle. „Uns geht es vor allem darum, unser Kulturgut zu pflegen und zu schützen.”
Ähnliches ist aus der ungarischen katholischen Gemeinde zu hören, die an der Albert-Schäffle-Straße in Gablenberg angesiedelt ist. „Ich soll Ihnen vom Pfarrer ausrichten, dass in der Gemeinde keine Politik gemacht wird”, teilt die Gemeindeassistentin am Telefon mit.
Das ungarische Kulturinstitut in Stuttgart ist seit vielen Jahren eine beliebte und angesehene Kultureinrichtung mit einem breit gefächerten Programm. Dezső Szabó leitet das Institut und ist – wie viele andere Kultureinrichtungen auch - zurzeit vor allem damit beschäftigt, das Veranstaltungsangebot nach den Covid-19-bedingten Einschränkungen langsam wieder hochzufahren. Gerade ist im Institut das Lilienn-Kónyai-Duo aus Budapest mit Jazz-Kompositionen aufgetreten, im Juli wird das Veranstaltungsprogramm weiter intensiviert.
Die Aufgabe seines Instituts beschreibt er so: „Zum einen vermittelt es vor allem die ungarische Kultur und Werte an die deutsche Öffentlichkeit in Stuttgart und Süddeutschland. Zum anderen ist es für eine große Zahl von aus Ungarn stammenden Landsleuten sowie auch für die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertriebenen Ungarndeutschen, die in Baden-Württemberg ein neues Zuhause gefunden haben, ein Stück Heimat in der Fremde.”
Das Institut halte die Gemeinschaft zusammen. „Wir sind unterschiedlich und das ist auch gut so”, beschreibt Szabó die große Vielfalt unter den Ungarn. Man äußere sich nicht zu aktuellen politischen Fragen und organisiere auch keine Veranstaltungen dazu, „das würde nur spalten”, sagt Szabó. Das Institut und damit auch er als Leiter haben andere Ziele: „Die größte Herausforderung, die von uns zu bewältigen ist, liegt darin, dass man das Gemeinsame eines vielfältigen Europa finden und fördern muss. Die Fortentwicklung der kulturellen Vielfalt und des kulturellen Dialogs in Europa ist eine Aufgabe, die nicht aktueller sein könnte.”