Uni Hohenheim untersucht Bundestagsreden Die Grünen haben ein Kommunikationsproblem
Die Uni Hohenheim und der Deutschlandfunk prüfen Bundestagsreden auf Verständlichkeit. Eine Partei kommt trotz einiger starker Redner besonders schlecht weg.
Die Uni Hohenheim und der Deutschlandfunk prüfen Bundestagsreden auf Verständlichkeit. Eine Partei kommt trotz einiger starker Redner besonders schlecht weg.
Bundestagsreden zum Haushalt sind eher ein Feinschmeckerthema, „dennoch wird dem Parlament nicht die gebührende Beachtung geschenkt“, sagt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Uni Hohenheim. Auf Anregung des Deutschlandfunks hat die Universität jetzt 96 Haushaltsreden aus dem September 2023 unter die Lupe genommen und ist etwa der Frage nachgegangen: Ist das wirklich ein so unverständlicher Kauderwelsch, wie der Volksmund behauptet?
Grundsätzlich kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Haushaltsreden im Bundestag verständlicher daherkommen als vielfach erwartet, so Brettschneider am Ende der Präsentation der Ergebnisse am Dienstag: „Man kann ihnen gedanklich folgen.“ Dennoch stellen seine Kollegin Claudia Thoms und er in dem von Marco Bertolaso, Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, moderierten Gesprächs fest, dass es eklatante Unterschiede gibt, wie einzelne Parteien oder Ministerien abschneiden.
Der Methodik der Studie liegt ein eigens entwickelter „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ zugrunde, der Reden auf einer Skala von null bis 20 Punkte einordnet. Kategorien sind Lesbarkeitsformeln und Verständlichkeitsparameter, die Transkripte der Reden in der Haushaltswoche wurden mit einer Text-Software ausgewertet.
Wichtig sei, dass die formale Verständlichkeit, von der Brettschneider und Thoms immer wieder sprechen, keine Rückschlüsse auf Sinn und Unsinn des Gesagten zulassen. „Die Erde ist eine Scheibe, ist ein formal einfach verständlicher Satz, aber inhaltlich Quatsch“, erklärt Brettschneider.
Ausgerechnet die Grünen, denen gerne nachgesagt wird, Partei des modernen Bürgertums zu sein, halten den formalen Kriterien der Untersuchung kaum stand. Mit einem Index von 13,2 bilden sie das Schlusslicht aller im Bundestag vertretenen Fraktionen, gefolgt von FDP (13,8) und AfD (14,8). Die obere Hälfte beginnt mit SPD mit einem Index von 15,2, übertroffen von CDU/CSU (16,2) und der Linken (16,3) an der Spitze, die ihren Fraktionsstatus nach der Aufspaltung durch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zwischenzeitlich verloren hat.
Eine Betrachtung der Einzelredner zeichnet ein etwas anderes Bild. Von allen Kabinettsmitgliedern steht Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) an der Spitze, Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) folgt auf Platz zwei, danach kommen Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und der Stuttgarter Abgeordnete und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), denen allesamt besonders klare Sprache attestiert wird. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) landet im Mittelfeld der 16 Kabinettsmitglieder. Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) kommt auf ähnliche Werte.
Es gab nach Maßstäben der Studie auch besonders schlechte Reden; bei den zehn unverständlichsten taucht gleich dreimal der Name Claudia Raffelhüschen auf – die Freiburger FDP-Politikerin kommt dabei in ihrer am schlechtesten bewerteten Rede auf einen Tiefstwert von 8,0.
Starke Schwankungen beobachten Brettschneider und Co. auch bei den Ministerien. Habecks Wirtschaftsministerium kommuniziert demnach am klarsten, auch Gesundheitsministerium und Auswärtiges Amt schneiden stark ab, während im Verteidigungsministerium und Entwicklungsministerium Nachholbedarf herrsche.
Auch wenn Übertragungen von Bundestagsdebatten, wie sie beispielsweise der Sender Phoenix zeigt, eher keine Quotenschlager sind, hält Frank Brettschneider klare Kommunikation für wichtig: „Nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen.“ Die Untersuchung wurde auch von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas begrüßt: „Das Ergebnis fordert uns heraus, komplexe Themen noch verständlicher auf den Punkt zu bringen – ohne polemisch oder unsachlich zu werden.“